Insgesamt standen die kolonialen Kriegsziele im Ersten Weltkrieg aller beteiligten Mächte deutlich hinter den europäischen Interessen zurück und insbesondere dem Deutschen Reich war bei Ausbruch des Krieges klar, dass die Schutzgebiete mit den dort zur Verfügung stehenden Mitteln kaum wirksam verteidigt werden konnten. Dies konnte jedoch vor allem kolonialagitatorische Vereinigungen nicht von umfangreichen kolonialen Kriegszielplanungen abhalten.
Durch einen europäischen Sieg sollte das Kolonialreich erweitert werden
Allen voran der Alldeutsche Verband war an großen Kolonialprojekten im Sinne einer imperialistischen Weltpolitik interessiert und übte entsprechenden Einfluss auf die Regierung aus - mit Erfolg. So träumten auch hohe deutsche Politiker insgeheim von einem „Deutsch-Mittelafrika“, das vom Atlantik bis an den Indischen Ozean reichen sollte. Diese kolonialen Ziele sollten jedoch von Beginn an nicht in den Kolonien durchgesetzt, sondern nach einem Sieg in Europa durch Aneignung der Kolonien errungen werden. Dementsprechend war auch kein umfassender Einsatz von deutschen Truppen in Afrika vorgesehen, vielmehr sollten – mit Ausnahme von Deutsch-Südwestafrika – vor allem schwarze Soldaten zur Verteidigung nach Außen und Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden.
Ein "Deutsch-Mittelafrika" als offizielles Kriegsziel
Nachdem mit dem „Panthersprung“ am 1. Juli 1911 nur unwesentliche Gebietsgewinne von Frankreich erlangt werden konnten, wurde so schließlich mit Beginn des Ersten Weltkrieges ein größeres „Deutsch-Mittelafrika“ vom Staatssekretär des Reichskolonialamtes Wilhelm Solf wieder offiziell zum Kriegsziel erklärt. Bei Besprechungen innerhalb der Reichsleitung im August 1914 wurde das Konzept schließlich konkretisiert: Von Portugal wollte man Angola und das nördliche Mosambik, von Belgien vor allem das Minengebiet Katanga im Kongo, Französisch-Äquatorialafrika sollte bis zum Tschadsee einverleibt und Togo deutlich nach Norden erweitert werden. Das Ganze stand also im Zeichen eines „weltpolitischen Arrangements“ mit England, das man durchzusetzen hoffte. Bei einem Sieg über England sollte allerdings auch das lukrative Nigeria hinzukommen.
Fast alle Parteien waren sich bei den Kriegszielen einig
Dieser und ähnliche Pläne wurden von den meisten Fraktionen – auch von sozialdemokratischen Vertretern – unterstützt, am radikalsten waren dabei aber die Pläne der aktiven Kolonialbewegungen. So strebten der Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, zu Mecklenburg, und der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Claß, ein geschlossenes Kolonialreich unter Annexion großer Gebiete fast aller in Afrika vertretenen Kolonialmächte an. Auch Reichskanzler Bethmann Hollweg nahm das Konzept eines zusammenhängenden Deutsch-Mittelafrika in sein Septemberprogramm auf, wobei seine Intentionen eher liberal-wirtschaftlich motiviert waren. Ein mittelafrikanisches Reich sollte dabei vor allem als Rohstofflieferant für ein in Europa mächtiges Deutsches Reich fungieren. Daneben spielten aber auch die dann besseren militärischen Verteidigungsmöglichkeiten und imperialistische Weltpolitik eine Rolle.
Im Mittelpunkt des Interesses standen wirtschaftlich lukrative Gebiete
Während des Krieges änderten und präzisierten sich diese Kriegsziele in Bezug auf Afrika nur zeitweilig, letztlich wurde das Bestreben nach einem großen afrikanischen Reich vom Indischen bis zum Atlantischen Ozean bis zum Kriegsende aber nicht aufgegeben. Im Herbst 1916 wurde auch als Entgegenkommen an die Alliierten noch ein kompaktes Kolonialreich in „Tropisch-Afrika“ als Kriegsziel genannt. Vor allem wirtschaftlich interessante Gebiete und maritime Stützpunkte wurden dabei von verschiedenen Interessensgruppen in den Mittelpunkt gestellt. Im Juni 1917 stellte Solf zwischenzeitlich ein gemäßigteres Kriegszielprogramm vor, das aber keine Zustimmung in der Reichsleitung und großen Teilen der Öffentlichkeit fand, weswegen er sich schnell wieder davon distanzierte.
Die Neutralität der Kongo-Akte wurde nicht beachtet
Die Strategie der Durchsetzung kolonialer Interessen durch den Sieg in Europa wurde von den Artikeln 10 bis 12 der Kongo-Akte vom 26. Februar 1885 unterstützt. Hier war festgeschrieben, dass die afrikanischen Besitzungen des Kongobeckens (hierzu gehörten große Teile Deutsch-Ostafrikas und Südost-Kamerun) weitgehend aus einem Konflikt zwischen europäischen Mächten herausgehalten werden sollten und als neutral betrachtet würden. Diese Neutralität wurde jedoch von den Alliierten direkt zurückgewiesen, wofür vor allem England mit seinen kolonialen Interessen die Schuld gegeben wurde. Auch General Lettow-Vorbeck dachte allerdings entgegen anderslautender Anweisungen nicht daran, Deutsch-Ostafrika kampflos im Rahmen der Neutralität aufzugeben. Als Kriegsziel in Deutsch-Ostafrika sah er das Binden möglichst vieler alliierter Kräfte, das er zeitweilig auch zu erreichen schien. Allerdings wurden in den Kolonien fast keine Europäer eingesetzt, vielmehr besetzten alle Mächte ihre Kolonialtruppen hauptsächlich mit Soldaten aus den Kolonien, so dass dieses Ziel nicht hätte erreicht werden können.
Als die Kriegsziele mit der Kriegsniederlage obsolet geworden waren, forderte die deutsche Nationalversammlung bereits 1919 mit einer zuvor nie dagewesenen Geschlossenheit von fast allen Beteiligten die Rückgabe der Kolonien und schuf damit die Grundlage für den Kolonialrevisionismus der folgenden Jahre.
