
- "Schwuler Horst" - Markus Lüpertz' Herkules, Nordsternpark, Gelsenkirchen - Vera Kriebel, 18.12.2010
Merkwürdige Kunst im öffentlichen Ruhrgebiets-Raum: In Duisburg die quietschrosa David-Kopie am Kantpark, in Gelsenkirchen die Figur des Herkules am THS-Gebäude hoch über dem Nordsternpark und das kantige Pärchen aus Holz im Oberhausener Hauptbahnhof - sie wirken, als seien sie verwandt. Aber haben sie wirklich miteinander zu tun?
Hauptbahnhof Oberhausen: Was sind das für Skulpturen?
Sie sind ein Blickfang, aber begrüßen sie den Besucher und laden sie ihn ein? Wer das Ruhrgebiet besucht und bereist, fährt oft mit dem Zug durch den "Hauptbahnhof" Oberhausen, der inzwischen fast geisterhaft verlassen wirkt. Und wird dort seit 2006 beim Ein- und Ausfahren von einer Holzfigur begrüßt und wieder verabschiedet. Wie Galionsfiguren stehen zwei drei Meter hohe Skulpturen hoch oben auf rostigen zylindrischen Stahl-Ungetümen, die sich nach Recherchen als frühere Gießpfannen herausstellen, das heißt: vier Meter hohe Großbehälter aus Stahl, aus denen ehemals in den Stahlwerken flüssiges Metall in eine Gussform gegossen wurde.
Misslauniges Paar an den Bahnhofsgleisen in Oberhausen
Ein Mann an einem, eine (seine?) Frau am anderen Ende des Bahnhofs. Der eine den Blick nach Westen (Fotos unten), die andere starr nach Osten. Zwar bunt bemalt, aber kantig geschnitzt. Besonders freundlich sehen sie nicht aus, und wie ein altes Ehepaar schauen sie in die entgegengesetzten Richtungen. Oder als wollten sie weg aus Oberhausen, könnten sie nur ihrer Starre und ihrem Sockel entfliehen. Willkommen geheißen fühlt man sich so nicht, aber vielleicht gerade deswegen bleiben die beiden Figuren, die vom Berliner Atelier Starck geschaffen wurden, flüchtig im Gedächtnis haften, obwohl man sie nur für Sekunden im Vorbeifahren und aus den Augenwinkeln sieht.
Onkel Horst: Komischer Herkules in Gelsenkirchen
Bis nur ein paar Kilometer entfernt man den schönsten Park des Ruhrgebiets besucht, den Gelsenkirchener Nordsternpark. Als sei es ihr Verwandter thront dort oben auf dem THS-Gebäude eine merkwürdig verwachsene Figur, eigentlich eher ein Männchen, und auch er schaut in die Weite, über uns hinweg und eher missmutig dazu. Und wie die beiden in die - gefühlte - falsche Richtung, so dass man ihn meist von hinten, das heißt eigentlich nur seinen Po, sieht. Das ist der Herkules. Und er ist nicht verwandt mit den beiden Berlinern in Oberhausen, denn er wurde von Markus Lüpertz geschaffen, der sonst überwältigende Bilder malt (im Museum Küppersmühle finden sich einige von ihm, so "Westwall" von 1968). Es gibt leider viele Antworten von Lüpertz darauf, was denn dieser Herkules sagen will.
Lüpertz' Herkules-Kunst und deutsche Ingenieurskunst
Die Zwerg-Herkules-Statue wurde nach vielen, vielen Problemen im Dezember 2010, gerade noch rechtzeitig zum Finale der Kulturhaupstadt, über dem Nordsternpark aufgestellt. Nachdem man festgestellt hatte, dass die Statik es nicht erlaubte, die Skulptur auf dem Verwaltungsgebäude zu platzieren, wie ursprünglich geplant, wurde extra für ihn ein Anbau geschaffen.
Aber damit nicht genug - deutsche Ingenieurskunst liegt inzwischen genauso danieder wie der deutsche Handwerker (der Duisburger Küppersmühle-Fehlbau kann davon ebenfalls ein Lied singen): Nun stellte man fest, dass es nicht möglich war, den Herkules - wie vorgesehen - in Richtung Nordsternplatz schauen zu lassen. So kommt es, dass er einem meist frech das zugegeben knackige Hinterteil entgegenstreckt. Da er zudem noch kitschig mit knallroten Lippen und blauem Haar und Bart bemalt ist, als wolle er gleich in die Travestieshow, ist es durchaus nachvollziehbar, dass die Nordsternplatz-Mitarbeiter ihm den Namen "schwuler Horst" oder "Herk" (englisch ausgesprochen als "Hörk") gegeben haben.
Schweinchenrosa Statue: Duisburger David
Weil sie ebenso kitschig ist und ebenso unnahbar und weil sie "die große Kunst" der Winckelmannschen Klassik sogar noch direkter angreift und lächerlich macht, könnte auch die David-Statue, die seit 2010 in Duisburg am Rand des Kantparks vor dem Lehmbruckmuseum steht, von Markus Lüpertz sein. Doch David ist nicht verwandt mit Lüpertz' Herkules, auch nicht mit den ihm in Form und Funktion ähnelnden Neu-Oberhausenern.
Kunst im öffentlichen Raum: einsam von oben herab
Hans-Peter Feldmanns David persifliert den Original-David von Michelangelo weniger, als er diesen recht platt verballhornt. Quietschrosa muskelbepackter Körper, blaue Augen, rot geschminkte Lippen (wie der Herkules-Zwerg in Gelsenkirchen), goldgelbes lockiges Haar, und auch er - einsam wie die anderen drei Figuren - mag sich nicht in die Niederungen des Ruhrgebiets herablassen, neun Meter über dem gemeinen Revier-Besucher schaut er (nachdenklich, grimmig, erstaunt?) über uns Erdenbürger hinweg.
Kunst ist nicht immer bürgernah im Ruhrgebiet ...
