Meinung: Gefährliche Blockade des Gaza-Streifens

Die humanitäre Lage der Palästinenser ist bedrohlich

Eine Mauer soll jetzt die Palästinenser aussperren. Aber wo bleibt die Empörung?

Nach Einschätzungen von Hilfsorganisationen ist die humanitäre Lage im Gazastreifen so ernst wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wird das Gebiet jetzt von der Welt abgeschottet, dürfte sich die Lage noch verschlimmern.

Kein Verlass auf die arabischen Nachbarn

Was viele überraschen dürfte: Die Bedrohung für die Hungernden in Gaza kommt nicht aus dem so oft verteufelten Israel. Denn die Mauer wird von Ägypten gebaut. Drei Meter hoch soll sie werden, und die bisherigen Grenzanlagen aus Beton und Stacheldraht ersetzen. Drei Kilometer – vom Salaheddin-Tor in Rafah bis zum Meer – sind seit Januar 2008 schon hochgezogen worden.

Einkaufsausflüge hungernder palästinensischer Familien dürften so erheblich erschwert werden, allerdings auch der Waffenschmuggel der Hamasterroristen. 360 km² und 1,5 Millionen Menschen künftig ohne Nahrung? Ein Alptraum. Ohne Waffen? Wohl auch mit Mauer nur ein Wunschtraum. Denn geht es um humanitäre Hilfe oder Engagement für den Frieden, sind die arabischen Brüder keine verlässlichen Partner des Gazastreifens. Die Krise der Palästinenser ist der arabischen Welt schon lange willkommener Fixpunkt, der von eigenem Versagen ablenkt.

Internationale Reaktionen müssen glaubwürdig bleiben

Warum sich kein internationaler Protest gegen die ägyptische Mauer regt, bleibt unterdessen vielen Beobachtern schleierhaft. Denn wenn die humanitäre Krise des Gazastreifens wirklich so bedrohlich ist – woran, glaubt man den internationalen NGO’s, kein Zweifel bestehen kann – dann muss Ägypten auf diplomatischem Wege zur Vernunft gerufen werden. Sonst würden die regelmäßigen internationalen Rügen gegen Israel zur wohlfeilen Farce.

Im Klartext: Wer bei jeder Gelegenheit den Staat der Shoaüberlebenden an den Pranger stellt und bei befestigten israelischen Grenzen über Apartheid fantasiert, der darf auch zur Ägyptischen Mauer nicht schweigen. Glaubwürdig bleiben – oder schweigen!

Hintergrund: Die Palästinenser

Der Begriff "Palästinenser" ist eine Konstruktion: Er besteht erst seit 1970. In UNO-Resolutionen war bis dahin immer nur von "Palästinaflüchtlingen" die Rede gewesen. Allerdings definierte die Bestimmung, wer Palästinaflüchtling ist, den Begriff "Palästinenser". Heute sehen sich etwa 9,6 Millionen Menschen als ein palästinensisch-arabisches Volk, zugehörig zu einer Nation. Unabhängig von ihren eigentlich jordanischen Wurzeln. Sie leben verstreut im Libanon, in Saudi-Arabien, Syrien und Ägypten. Die meisten Palästinenser gibt es in Israel, Jordanien und den Autonomiegebieten.

Bei der Schaffung des Nationalbewusstseins spielte der ehemalige Palästinenserchef Jassir Arafat eine wichtige Rolle. Die meisten Palästinenser sind Muslime, es gibt aber auch Christen - vorwiegend in der Orthodoxen Kirche – im Patriarchat von Jerusalem organisiert. Ihr Anspruch, eine Nation zu sein, wird weithin anerkannt, auch International. Aus dem nationalen Selbstverständnis der Palästinenser resultiert ihr Anspruch auf einen eigenen Staat. Laut dem palästinensischen Statistikamt sind die Palästinenser die am schnellsten wachsende Bevölkerung der Welt.