Kommissar Montalbano hat seine Verlegerin verloren

Camilleri: Der Dieb der süßen Dinge - editionLübbe
Camilleri: Der Dieb der süßen Dinge - editionLübbe
Elvira Sellerio ist in Palermo gestorben: Die Begegnung mit dem Krimiautor Andrea Camilleri gab ihrem kleinen sizilianischen Verlag internationales Flair

Sizilien ist bekanntermaßen die Region Italiens, in der die Menschen – so liebenswert sie sonst sein mögen – am seltensten zu einem Buch (oder zu einer Zeitung) greifen und lesen. Unter diesen Voraussetzungen war es schon schier eine Art von Verrücktheit und ein wirtschaftliches Vabanquespiel, ausgerechnet hier einen Verlag zu gründen. Elvira Sellerio hat es im Jahr 1969 zusammen mit ihrem damaligen Mann, dem renommierten Fotografen Enzo Sellerio, in Palermo gewagt. Zehn Jahre später kamen der Durchbruch, die große Aufmerksamkeit und eine Welle des Erfolgs, die bis in die Gegenwart reicht. Nun ist Elvira Sellerio nach langer schwerer Krankheit am 3. August 2010 im Alter von 74 Jahren gestorben; am 5. August wurde sie in Palermo beigesetzt. Das literarische Italien trauert.

Es begann mit dem Schriftsteller Sciascia

War es Intuition, Zufall oder einfach Glück? Jedenfalls hat die Verlegerin, die zur „Grande Dame“ des italienischen Verlagswesens wurde, eine Reihe italienischer – sizilianischer - Autoren entdeckt, die schließlich weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt und berühmt wurden. Sie hatte das Glück, Leonardo Sciascia als Freund und Berater an ihrer Seite zu haben. Dessen „Affäre Moro“, im Jahr 1978 veröffentlicht, katapultierte den bislang kaum bekannten Zwergenverlag mit einem Schlag ins internationale Interesse. So kam eines zum anderen. Sciascia, selbst Sizilianer, der allerdings einen Großteil seiner Bücher bei Einaudi in Turin veröffentlicht hatte, öffnete Türen. Sellerio druckte Antonio Tabucchis „Erklärt Pereira“, suchte und entdeckte junge Autoren – stieß dabei beispielsweise auf Carlo Lucarelli („Der grüne Leguan“) - und machte schließlich im Jahr 1994, die Ehe war geschiedene und der Verlag fast pleite, die entscheidende Entdeckung:

Dann kam Commissario Montalbano

Elvira Sellerio begegnete dem „Commissario Montalbano“, genauer: dem Krimiautor Andrea Camilleri. Denn der, heute ist er fast 85 Jahre alt, konnte und kann schreiben, was er wollte oder will – stets entsteht ein Bestseller. „Der Dieb der süssen Dinge“ beispielsweise, im Jahr 2000 in Deutschland in der „editionLübbe“ erschienen, war schon 1996 bei Sellerio verlegt worden – mit unglaublichem Erfolg. So verlegte sie fast alle Romane der Serie mit dem Kommissar Montalbano. Und die Kritik sagte, in Italien und schließlich weit darüber hinaus habe sich nachgerade eine „Camillerimania“ entwickelt. Zum Krimiautor Camilleri stieß im Jahr 2002 ein weiterer, nämlich Gianrico Carofiglio („Reise in die Nacht“) – und die Verlegerin hatte ausgesorgt. Auf dieser Basis pflegte sie ihr Hobby, nämlich „schöne und angenehme Bücher“ zu verlegen – bis hin zu Taschenbüchern, gedruckt auf edlem Papier.

Der Gesamtkatalog des Verlags umfasst heute rund 2000 Titel. Fast alle haben einen direkten oder indirekten Bezug zu sizilianischer Vergangenheit und Gegenwart. Sohn Antonio wird den Verlag weiterführen.

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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