In einer Beschreibung der Welt von Laplace (1749-1827) lassen sich alle zukünftigen Zustände durch einen derzeitigen festlegen. Vorhersage und Handeln verschmilzen so zu einer funktionierenden Einheit. Nun entspricht jedoch seit der Quantenmechanik dieses Bild nicht den Erkenntnissen unserer Welt. Von der naturwissenschaftlich-technischen Analyse bis zur Komplexität der Gesellschaft, für die die Vokabel „Globalisierung“ zu einem Schlagwort geworden ist, sind eher Szenarien von Ursachen und Wirkungen denkbar, die sich aufgrund ihrer Vielfalt entweder im Vorhinein kaum oder nur unsicher verknüpfen lassen. Diese sich beeinflussenden Wechselseitigkeiten verschiedener Faktoren erlauben kein vorhersagbares Ergebnis (Indeterminismus). Auch die Kenntnis aller Systemfaktoren setzte den Indeterminismus nicht außer Kraft. Bezüglich des Handelns sprach der Philosoph Karl Popper (1902-1994) von einer Asymmetrie von Vergangenheit und Zukunft, in dem Sinne, dass Vergangenheit geschlossen (determiniert) und die Zukunft offen (indeterminiert) sei. Der Unvorhersagbarkeit der Zukunft widerspricht nicht, dass die Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden sind.
Neue Ordnung an Instabilitätspunkten
Dynamische und somit nichtlineare Systeme, die sich hinter dem Begriff Komplexität verbergen, zeichnen sich durch Instabilitäten aus, an denen neue Systemzustände möglich sind. Einfache Beispiele sind der Übergang gleichmäßigen (laminaren) Fließens zu turbulentem Fließen in einem Flüssigkeitsstrom oder Tornados, Naturkatastrophen ganz allgemeiner Art, bei denen natürliche Folgeketten mit menschlichem Verhalten Wechselwirkungen eingehen. An Instabilitätspunkten lassen sich, wenn überhaupt, nur Wahrscheinlichkeiten einer neuen Ordnung benennen. Diese Entwicklung umfasst das Universum, die Evolution der Materie, geologische Prozesse oder die Artenentstehung und Vielfalt bis hin zu menschlichem Verhalten.
Komplexität ist nichts Neues
Dabei sei dahingestellt ob ein solcher Instabilitätspunkt die sogenannte Kreide/Tertiärgrenze ist oder es sich um gesellschaftliche Instabilitätspunkte am Ende des Ersten Weltkrieges, Spekulationsblasen oder bürokratische Wasserköpfe handelt. In einer als komplex erkannten Welt, in der die Wechselwirkung von Mikrodynamik und Makrodynamik auch sozialer Systeme im globalen Maßstabe eine unmittelbarere Rolle denn je spielt, erfordert die Übertragung der Erkenntnisse des Charakters unserer Welt in Handlungsstrategien. Die Vielfalt soziokultureller Systeme, die Unmittelbarkeit des Kontaktes mit anderen Kulturen und Gesellschaften durch die digitale Revolution, zeigt vielen Menschen auf einmal, dass eine Beschränkung ihres Daseins auf eine überschaubare Mikroebene allein nicht mehr möglich ist.
Angepasste Handlungsstrategien - der Mensch reagiert nicht rational
Mehr denn je haben wir Zugang zu unzähligen Informationsräumen. Dennoch können wir nur auf der Grundlage einer begrenzten Rationalität entscheiden. Diese ist charakterisiert durch Unvollständigkeit, Ungenauigkeit der zur Verfügung stehenden Informationen, der Zeit diese zu erlangen und einer Reihe individueller und situativer Wahrnehmungsvoraussetzungen- und Möglichkeiten. Das Verständnis einer nichtlinearen Dynamik, in dem Sinne, dass ihr stets Instabilitäten, also Zufallsvariationen innewohnen können, verlangt nach einer bestmöglichen Kenntnis der am System beteiligten Parameter und der Modulation möglicher Szenarien. Einerseits schafft die digitale Revolution diese Notwendigkeiten, andererseits versetzt sie uns dazu erst in die Lage, komplexe Szenarien vom Verkehrsstau bis zu klimatischen Modellen mit unterschiedlicher Genauigkeit zu simulieren.
Daraus jedoch eine Handlungspotenz abzuleiten ist gefährlich
Das Klima ist ein höchst veränderliches System sich beeinflussender Größen, die zu wenig bekannt sind, um sie mit einseitigem, hohem technischen Aufwand durch sogenanntes Geo-Engineering zu steuern. Oft wird hier die an einem Instabilitätspunkt eines Systems innewohnende Zufallskomponente vernachlässigt und somit droht an anderer Stelle die berechtigte Frage nach Aufwand und Nutzen an falscher Stelle. Wesentlich trivialer ist hingegen der internationale Geldhandel. Banken sind keine Produzenten und können daher auch keine Werte schaffen. Eigenkapital durch Schulden zu ersetzten, diese in Anlagen (Immobilien, Rohstoffe, also Werte) zu investieren, die eine höhere Rendite versprechen als der Zins, um seine Rendite in die Höhe zu treiben, klappt nur solange es genügend Spekulationsobjekte gibt. Es gilt dabei, nicht der Letzte zu sein. Diese abstrakte Zahlenspielerei hat mehr mit Spielsucht als mit nachhaltiger Finanz - und Wirtschaftspolitik zu tun.
Szenarienanalysen
Herkömmliche Handlungsstrategien fußen auf bekannten Aspekten. Unsicherheiten werden herausgearbeitet, jedoch weniger versucht auszuschließen, was in aller Absolutheit unmöglich ist. Unsichere Situationen begegnen Menschen mit Optimismus, Pessimismus, Erwartungen. Vielleicht ist die Analyse von Wahrscheinlichkeiten verschiedener Handlungsweisen erforderlich, um diese nach Robustheitskriterien zu unterscheiden. Diese wiederum benötigen Anpassungskriterien. Da Komplexitäten ohne uns, aber auch mit uns existieren, kann es sinnvoll sein, stets die Schwächen von Modellen zu benennen als umgekehrt auf ihre Stärken zu verweisen. Innerhalb dieser bestimmten Szenarien ist eine stets zu hinterfragende Handlungsstrategie notwendig. Entspricht diese nicht den zusätzlichen Erkenntnissen, ist eine Anpassung unvermeidlich. Was auch in den Natur- und Ingenieurwissenschaften nicht immer unabdingbare Praxis ist, sollte umso mehr auch auf Politik und Wirtschaftsmanagement angewendet werden. Die dort gefällten irrationalen Entscheidungen sind nicht nur wichtiger Bestandteil unserer Medienwelt, sondern betreffen zugleich alle Mitglieder der Gesellschaft. Das sich daraus ableitende Legitimationsproblem wird dabei gern übersehen. Starre Handlungsketten, die sich in Ideologien, Dogmatismen oder Selbstüberschätzungen wiederfinden, sind daher konsequent als „weltfremd“ zu bezeichnen.
