Komplimente

Jeder hört sie gern - doch was steckt dahinter?

Jemandem ein Kompliment zu machen, ist eine anspruchsvolle kommunikative Übung. Was zeichnet sie aus?

Es ist eine gängige gesellschaftliche Praxis, den Sprachgebrauch nach Kriterien der Moral zu bewerten. Insbesondere die Kategorisierung von Wahrheit und Lüge spielt hier die vorherrschende Rolle. Schon die Bibel lehrt uns, man solle nicht lügen, und ausnahmsweise halten wir uns daran. Es sei denn, man ertappt uns auf frischer Tat. Das Schicksal der atemberaubendsten Karrieren hat sich daran entschieden, ob man jemandem eine Lüge nachweisen konnte. Manchmal reicht es auch aus, nur einen Verdacht zu hegen, es werde gelogen.

Die Wahrheit-/Lüge-Unterscheidung gilt, wie die Bezeichnung schon sagt, auch im Fall der Notlügen, nur dass man hier eine höhere Wahrheit in Anspruch nimmt, in deren Interesse man lügt. Man setzt voraus, dass man dem Gegenüber nicht die Wahrheit zumuten kann oder er einfach nicht in der Lage ist, sie als solche zu erkennen und deswegen so zu handeln, wie es angemessen ist. Also greift man zur Notlüge. Vor allem Eltern mit Kindern im weihnachtsmannfähigen Alter wissen, wie ersprießlich eine solche Notlügenkonstruktion ist. Sie überbrückt den Zeitraum, bis das Kind Taschengeld bezieht, welches man ihm als Sanktionsmaßnahme kürzen kann. Die Trennung von wahr/unwahr wird also nicht in Zweifel gezogen, nur die Bewertung ist unterschiedlich.

Komplimente: Weder wahr noch falsch

Erst vor diesem Hintergrund entfaltet sich die faszinierende Konstruktion von Komplimenten. Bei ihnen entfällt das Wahr-/Unwahr-Kriterium vollständig. Das heißt, Komplimente können weder jemals der Wahrheit entsprechen noch gelogen sein. Das liegt daran, dass der Komplimentierende nicht die Wahl zwischen einer wahren und einer gelogenen Aussage hat. Die soziale Situation sieht diese Alternative überhaupt nicht vor. Das hat zur Folge, dass man unter Umständen die Wahrheit sagt, dafür aber kein anerkennendes Kopfnicken erntet, sondern kopfschüttelnde Empörung. Wenn man Frau Generaldirektor beim Sektempfang mit der Beobachtung konfrontiert, sie habe wohl seit dem letzten gesellschaftlichen Zusammentreffen ihr Körpergewicht um ein Zehntel erhöht, dann mag das der Wahrheit entsprechen, hilft jedoch bei der Karriereplanung nicht weiter. Ähnlich verhält es sich mit dem zurückweichenden Haaransatz des Gatten.

Umgekehrt darf aber auch nicht zu deutlich gelogen werden; Frau Generaldirektorin in derselben Situation zu ihrer fantastischen Gewichtsreduktion zu beglückwünschen, gilt auch nicht als Kompliment, sondern als hämischer Seitenhieb, der ostentativ das Offensichtliche leugnet, um es nur umso deutlicher zu betonen. Man sieht – wenn es um Komplimente geht, bewegt man sich auf unsicherem Terrain und ist dringend auf den Joker namens Takt angewiesen, der regelt, ob ein Kompliment X in der Situation Y auch in der Situation Z noch als Kompliment gilt. Komplimente sind also hochgradig situations- und damit kulturabhängig.

Die Geschichte des Komplimentierens in Deutschland

Zieht man die geschichtliche Dimension in Betracht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Deutschland nicht per se ein Nationalgebiet gewesen ist, das sich vorrangig über die gepflegte Konversation mit dem damit verbundenen Komplimentieren definiert hat. Eher im Gegenteil: Weite Bevölkerungskreise haben seit jeher der welschen Galanterie eine gewisse Skepsis entgegengebracht, und vielleicht ist der Mangel an bewusster Imagearbeit sogar ein beförderndes Moment auf dem Weg zum deutschen Selbstverständnis gewesen. Indem man die Komplimentierkünste des linksrheinischen Nachbarn als reine Schmeichelkunst abtat und ziemlich deutlich die damit verbundenen machiavellistischen Gesichtspunkte erkannte, konnte man schließlich auf deutscher Ehrlichkeit und deutschem Tiefsinn beharren, der den französischen Poseuren abging, die den einsilbigen Ernst des Lebens mit ein paar galanten Sprüchen an die Wand redeten.

Umgekehrt galt dieser Ernst andernorts als charakteristische Unhöflichkeit, Phantasielosigkeit und Plumpheit. Das Bild des Deutschen ist in Filmen, die diesen Zeitraum behandeln, stets das eines strengen und angestrengten stocksteifen Herrn mit Schmiss und Seitenscheitel, der bei der Begrüßung seinen Diener so ruckartig vollzieht, als wolle er dem Gegenüber eine Kopfnuss verpassen. Den ganzen Abend über gestattet er sich keinen Augenblick ein Lächeln, ist ironieresistent (und deshalb dafür das ideale Opfer) und benötigt große Quanten Gerstensaftes, um eine Art von Humor zu entwickeln, die dann wiederum so derb ist, dass sie den verheerenden Eindruck eher noch verschlimmert. Nachwehen dieses Bildes bestimmen noch heute das internationale Stereotyp des Deutschen.

Der Zeitgeist

Bis in das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts hinein hat man sich hierzulande an der Gleichsetzung von Kompliment und Lüge abgearbeitet. Erst der Ironieboom der neunziger Jahre hat an der Trennung von Wahrheit und Lüge etwas geändert. Dadurch hätte zwar die Komplimentierkultur befördert werden können, doch dummerweise spricht jetzt der Zeitgeist dagegen. Denn entweder hält man ein Kompliment nun für blanken Zynismus oder aber für einen plumpen Annäherungsversuch. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn naive Männer einfach nur höflich sein wollen, aber an eine belästigungssensitive Dame geraten. Die kulturelle Hegemonialmacht, die USA, kennt da weniger Berührungsängste. Da gehört es offenbar zum guten Ton, jemanden nach seinem Geheimnis zu fragen, ihm zu versichern, er sehe jung aus, er habe ein makelloses Gebiss und (Tusch!) er habe wohl abgenommen. Es lässt jedenfalls tief blicken, dass man jemandem fast nie zu Bildung und Intelligenz gratuliert.

Nuri Ortak - Promovierter Pragmalinguist mit Schwerpunkt "Überzeugungskommunikation", Textlinguistik, Dialoggrammatik. Interesse an systemischen ...

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