
- Vorschein der besseren Welt? Die konkrete Utopie. - Hannes Kaufmann
Ernst Blochs Philosophie war durch und durch eine Philosophie der Hoffnung – dies macht nicht zuletzt der Titel seines Hauptwerkes „Das Prinzip Hoffnung“ klar. Doch schon in seinem Frühwerk, dem „Geist der Utopie“ wird deutlich: Hoffnung und Utopie sind für den Philosophen untrennbar verbunden. Dabei ist die Wahl dieser beiden Begriffe als Zentrum des Denkens alles andere als typisch für Blochs Prägung und vor allem für seine Zeit. Nicht zuletzt wird das klar, wenn man sich vor Augen führt, dass etwa zeitgleich zum „Prinzip Hoffnung“ die „Dialektik der Aufklärung“ von Blochs Freunden Theodor W. Adorno und Max Horkheimer entsteht, welche in ihrem Erscheinungsbild weit weniger hoffnungsvoll, im Vergleich geradezu pessimistisch ausfällt.
„Wir haben das Hoffen zu lernen“
Doch vielleicht ist es gerade der düsteren Zeit – der zerfallenden Weimarer Republik und dem aufkommenden Terror der Nationalsozialisten, der Bloch schließlich ins Exil zwingt – geschuldet, dass der Philosoph die Notwendigkeit eines Hoffnungsschimmers immer deutlicher herausstellt. Für ihn ist dies eine Art „Vorschein am Horizont“, das Licht am Ende des Tunnels könnte man analog dazu formulieren. Jedoch sah Bloch eben auch die Dringlichkeit, das Hoffen nicht in ein naives Wunschträumen verfallen zu lassen. „Wir haben das Hoffen zu lernen“, meinte er und plädierte dabei für eine Konkretisierung der Zukunftsbilder nach gewissen Voraussetzungen. Heraus kam dabei das, was in Blochs Begriffen „konkrete Utopie“ heißt.
Sozialutopie und Vorschein
Im „Prinzip Hoffnung“, das immerhin stolze 1.600 Seiten zählt, entwirft der in Ludwigshafen am Rhein geborene Philosoph einen umfassenden Überblick über verschiedenste, von der Technik über die Architektur bis zur Medizin reichende, Teilbereiche der Utopie. Besonders interessant für die Politische Theorie und Philosophie ist in Blochs Werk jedoch die Sozialutopie. Diese fungiere, wie es im „Prinzip Hoffnung“ heißt, als „Hoffnungsbild einer besseren Welt“ und wirke, wenn auch in der Ferne liegend, auf die Realität zurück. Bloch schreibt: „Derart ist das bisher Wirkliche sowohl vom ständigen Plus-ultra essentieller Möglichkeit durchzogen wie an seinem vorderen Rand von ihr umleuchtet.“ – womit man bei einer zentralen Kategorie wäre:
Die Kategorie der Möglichkeit
Der Begriff der Möglichkeit ist nach Bloch ein mehrdimensionaler, der unter anderem die Dimension des objektiv-real Möglichen enthält. Vor allem hierauf fokussiert sich seine Theorie, denn dieses objektiv-real Mögliche sieht Bloch als Anlage in der Realität, die zur „besseren Welt“ hinführen kann. Durch diese Ausrichtung an der realen Möglichkeit, also der faktischen Realisierbarkeit, wendet sich der Philosoph gegen abstraktes Utopisieren und das Phantasieren von „Wolkenkuckucksheimen“, wie er verklärte Traumbilder etwa im Gespräch mit Adorno nennt. Zwei Begriffe spielen hierbei eine große Rolle, nämlich der der Latenz und jener der Tendenz.
Zur Ontologie des Noch-Nicht
Die Möglichkeiten, von denen eben die Rede war, so Bloch, liegen als Spuren latent im Hier und Jetzt vor. Es kommt darauf an, sie freizulegen und ihre Tendenzen zu erkennen, die auf die Utopie hinweisen. So zeigt sich ein weiteres Merkmal der blochschen konkreten Utopie, nämlich eine Teleologie, wie sie etwa sein Freund Adorno bestreiten würde. Bloch bricht die Dichotomie von Sein und Nicht auf, indem er die Idee des Noch-Nicht formuliert. Diese deutet auf ein Zukünftiges hin, welches gleichzeitig ist und auch nicht ist, nämlich noch-nicht ist. „Wie er [Bloch] die menschliche Psyche über das Noch-Nicht-Bewusste auf die Dimension der Zukunft hin prozessualisiert, so tut er es auch mit dem gesellschaftlichen, schließlich sogar dem materiellen Sein.“, schreibt die Medienwissenschaftlerin Inge Münz-Koenen.
Abstrakte und konkrete Utopie
Was die konkrete also gegenüber der abstrakten Utopie ausmacht, ist ihre Ausrichtung an der Realität und der Fokus auf die Möglichkeit. Anhand der Tendenzen soll der Weg in die gute Zukunft gefunden werden, wodurch das genaue Bild dieser Zukunft zweitrangig wird. In den abstrakten Utopien wurde zwar – wie Bloch betont – „das Ziel bunt und lebhaft gehalten, doch der Weg zu ihm, soweit er in den gegebenen Verhältnissen liegen konnte, blieb versteckt.“ Im Gegensatz dazu, konzentriert sich die konkrete Utopie auf den Weg, oder um einen weiteren Ausdruck Blochs zu bemühen: auf ihren „Fahrplan“.
Quellen und weiterführende Literatur:
- Ernst Bloch: Geist der Utopie
- Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung
- Ernst Bloch: Spuren
- Ernst Bloch/ Theodor W. Adorno: „Möglichkeiten der Utopie heute“ in: Rainer Traub: Gespräche mit Ernst Bloch
- Inge Münz-Koenen: Konstruktion des Nirgendwo
