„Mit meinen Liedern wollte ich die Welt verändern“, sagte Konstantin Wecker. „Wenn ich mir die Welt heute anschaue … – ich war’s nicht!“

Konstantin Wecker beim Open Air in Eltville in Höchstform

Mit Jubel und Applaus wurde Wecker auf der Bühne im Garten des Kulturzentrums Eichberg in Eltville im Rheingau empfangen. Rechtzeitig zu Beginn des Open-Air-Konzerts am 19. Juli 2009 hatten die Wolken der Sonne Platz gemacht. Trotz des unvorhersagbaren Wetters hatten sich 600 Gäste eingefunden, die ein Konzert in einer phantastischen und familiären Atmosphäre erlebten – und einen Konstantin Wecker in Hochform. Er wechselte hin und her zwischen Musik, Moderation, Geschichten und Rezitationen – poetisch, spöttisch, frech oder liebevoll, immer authentisch, voller Lebenslust und mit starker Stimme.

Musikalischer Überblick über 40 Jahre

„Ich werde Ihnen an diesem Nachmittag einen Überblick über mein Schaffen der letzten 40 Jahre geben“, versprach der 62jährige Sänger und übertraf sich selbst, war doch ein Lied darunter, dessen Text er als 15-Jähriger geschrieben hatte. Auch viele Lieder aus den 1970er Jahren waren dabei: „Wenn die Irren in der Sonne liegen“, gehörte dazu, oder ein anderes alte Lied, das gut in die neue Zeit passt „Genug ist nicht genug“. Es wurde mit besonders viel Zustimmung und Applaus begrüßt – von seinen Fans, die mit ihm alt geworden und mit ihm jung geblieben sind; einige von ihnen sangen die altbekannten Lieder leise mit. Doch auch ganz junge Menschen fehlten nicht im bunt gemischten Publikum. In dem Lied „Leben im Leben“, heißt es: „Ich sing für alle, die mit mir noch auf der Suche sind nach einer Welt, die es vielleicht nie geben kann, die kein Gemälde sein wollen, sondern immer Skizze sind und unvollendet enden, irgendwann, (…) den seitlich Umgeknickten wollen wir zur Seite stehn, den niemals Angepassten sing ich dieses Lied … “

Der Song „Wenn die Börsianer tanzen“: Hat Wecker die Finanzkrise vorausgesehen?

„Wenn die Börsianer tanzen“ hat er schon vor neun Jahren gesungen, und auch dieses Lied passt heute noch genauso gut: „Manchmal springen sie aus Fenstern, wenn der Dow Jones kräftig fällt, dann gehörn sie den Gespenstern der Betrognen dieser Welt.“ Die Finanzkrise hat er offenbar in seinen Liedern vorausgesehen, und sie war ein Thema an diesem sonnigen Nachmittag. „Haben Sie Angst vor Verstaatlichung?“, fragte Konstantin Wecker das Publikum. „Haben Sie Angst, dass Frau Merkel die Banken verstaatlicht? Verstaatlichung! Kommunismus! Sie hat es ja gelernt in ihrer Jugend. Aber haben Sie keine Angst, verstaatlicht werden nur die Verluste! Die Vermögen werden nicht verstaatlicht.“

Schon immer hat Konstantin Wecker gegen dumpfes Mitläufertum angesungen, so auch an diesem Nachmittag mit einem Lied aus den 1990er Jahren: „Wenn sie jetzt ganz unverhohlen, wieder Nazi-Lieder johlen, über Juden Witze machen, über Menschenrechte lachen, wenn sie dann in lauten Tönen saufend ihrer Dummheit frönen – denn am Deutschen hinterm Tresen muss nun mal die Welt genesen – dann steh auf und misch dich ein: Sage nein!“

Wo alle loben, habt Bedenken, wo alle spotten, spottet nicht ...

Eines von Weckers neuen Lieder ist „Was keiner wagt“. Zufällig wurde er auf das Gedicht aufmerksam und komponierte die Musik dazu. Zuvor nahm er Kontakt zu dem Dichter auf: Lothar Zenetti, ein katholischer Theologe aus Frankfurt, der inzwischen schon 83 Jahre alt ist. „Was keiner wagt, das sollt ihr wagen, was keiner sagt, das sagt heraus, was keiner denkt, das wagt zu denken, was keiner ausführt, das führt aus. (…) Wo alle loben, habt Bedenken, wo alle spotten, spottet nicht, wo alle geizen, wagt zu schenken, wo alles dunkel ist, macht Licht!“

Konstantin Wecker ist Autor mehrer Bücher und las auch kleine Passagen aus seiner Biographie, die den Titel „Die Kunst des Scheiterns“ trägt. „Heute schreiben viele ihre Biographie, obwohl sie gar keine haben, und sie schreiben über ihre Erfolge. Ich habe in meiner Biographie meine Niederlagen betrachtet und festgestellt, dass sie mich weitergebracht haben als meine Erfolge.“ Immer wieder suchte er seine Brille, wenn er etwas vorlesen wollte. „Eigentlich kenne ich das ja auswendig, aber ich will ihnen zeigen, dass es das Buch gibt, dass man es kaufen kann.“

Konstantin Wecker und Jo Barnikel – eine musikalische Liebesbeziehung seit 16 Jahren

Zwei Flügel nahmen fast den ganzen Raum der Bühne ein. Wecker begleitete viele seiner Lieder selbst am Flügel, haute mal temperamentvoll in die Tasten und schlug dann wieder sanfte, leise Töne an. Am zweiten Flügel begleitete ihn Jo Barnikel. „Mit diesem jungen Mann verbindet mich eine 16jährige musikalische Liebesbeziehung“, merkte Wecker an.

Er witzelte über Politiker, über Bayern, kokettierte mit seiner überstandenen Drogensucht und mit seinem Alter, rief die Senioren zur Revolte auf und besang die Liebe in all ihren Schattierungen. „Es ist schwer mit dir zu leben, schwerer, ohne dich zu sein, und ohne dich kann ich nicht leben, und mit dir kann ich nicht sein.“

Tosender Applaus und fünf Zugaben

Als Konstantin Wecker sich verabschieden wollte, ließ das Publikum ihn natürlich nicht gehen. Mit tosendem Beifall und lauten Pfiffen verlangte ihm seine Fangemeinde noch fünf Zugaben ab. Mit „Questa nuova realtà“ ging er mitten hinein ins Publikum. Es folgten Evergreens wie „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“, „Was ich an dir mag“, dazu ein „Liebeslied im alten Stil“ und ein neueres Lied „Einfach wieder schlendern“. „Das Lied hat mich selbst überrascht“, erzählte er. „Ich warte auf meine Lieder, dass sie sich in meinem Innern schreiben. Meine Lieder sind intelligenter als ich.“ Nur den Wunsch nach „Willy“ erfüllte er nicht. Der „Willy“ muss wieder einmal überarbeitet werden.

Konstantin Wecker, der nach zweieinhalb Stunden Auftritt immer noch energiegeladen wirkte, nahm am Büchertisch Platz und signierte CDs, DVDs, Bücher und Poster und ließ sich gut gelaunt auf jede Frage seiner Fans ein.