ESSEN. „Graf Öderland“ ist eines der problematischsten Stücke von Max Frisch. Es gibt gute Gründe, warum es so selten aufgeführt wird. Jetzt hat es Konstanze Lauterbach erneut gewagt – am Schauspiel Essen.
Ein Staatsanwalt lehnt sich auf
Im Mittelpunkt steht ein Staatsanwalt. Er kommt in eine Krise, weil er einen angeklagten Mörder sehr gut versteht – mehr, er teilt seine Motive: Auch der Staatsanwalt leidet unter dem Blei der herrschenden Verhältnisse, er sehnt sich nach Freiheit, sucht das eigentliche Leben. „Graf Öderland“ ist eine Bezeichnung für jene Gewalt, die den Sprung in die Freiheit verspricht, Symbol des Grafen ist ein Beil. Der Staatsanwalt wagt den Schritt zum Außenseiter, kann viele begeistern und besiegt mit seinen Rebellen und Revolutionären die herrschende Clique. Aber sein Traum verwirklicht sich nicht. Seine Macht ist nur eine andere Form der Gewalt, von Freiheit keine Spur – der Umsturz war vergebens. Die Quintessenz wird im Stück ausgesprochen: „Wer, um frei zu sein, die Macht stürzt, übernimmt das Gegenteil der Freiheit, die Macht …“
Frisch gelingen nur wenige treffende Szenen, Konstanze Lauterbach setzt in ihrer Inszenierung auf expressives Spiel, aufs Äußerste. Einmal gelingt es, als ein Direktor ein Taxi zum Flugplatz sucht, aber die Fahrer streiken. Der Direktor fleht einen Chauffeur an, in einer fremden Sprache – hier zeigt Rezo Tschchikwischwili, wie ein Mann außer sich gerät, auf die Knie fällt, die Kontenance verliert. Immer wieder suchen Schauspieler, die Grenze des wahrscheinlichen Spiels zu überschreiten – aber ihre Regisseurin verlangt zu viel von ihnen. Dabei ist die Frage, ob der Pfad zurück in ein expressionistisches Spiel nicht ein Holzweg wäre. Bei dem nüchternen Publikum von heute könnte ein exzessiv-expressiver Stil leicht befremdend, ja unfreiwillig komisch wirken.
Gegen die Revolution ?
Der Zuschauer hat viel Zeit nachzudenken, weil Konstanze Lauterbach gerade das Ende gnadenlos lang auswalzt. Und die Frage erhebt sich, ob eine so konservative Aussage wie die Frischs heutzutage noch trägt. Soll man wirklich den Rebellen und Revolutionären in Nordafrika raten: Tragt euer Joch geduldig weiter, es kommt nichts Besseres nach! Oder den Syrern, sich zu arrangieren? Egal, wer die Macht hat, sie trägt immer gewaltsame Züge. Freiheit ist eine Chimäre? Unsere Demokratie wäre ohne Revolutionen nicht denkbar. Der Kaiser hat sie den Vätern nicht geschenkt.
Das Stück wirft Fragen auf – es ist nicht Max Frischs bestes. Auch Konstanze Lauterbach konnte „Graf Öderland“ keine neuen Seiten abgewinnen, die dieses Urteil revisionsbedürftig erscheinen lassen.
Aufführungen am 8. und 26. Feb; 3., 10. und 18. März – Spieldauer 2 ½ Std.
Kartentel: 0201 81 22 200 – Internet: www.schauspiel-essen.de
