
- Bergwald um den Taubensee bei Ruhpolding - Markus Müller
Eine unterhaltsame und informative Podiumsdiskussion zum Thema "Energiewende, Holznutzung, Artenvielfalt und Waldökologie" erlebten rund 90 Besucher zuletzt im oberbayerischen Grabenstätt. „Unser Ziel sind naturnahe und strukturreiche Mischwälder“, ließ Organisator Dr. Klaus Thiele, der Erste Vorsitzende des Ökologischen Jagdvereins, Regionalgruppe Südostoberbayern, eingangs verlauten, während Mitorganisatorin Beate Rutkowski als Vorsitzende der Bund-Naturschutz-Kreisgruppe Traunstein auf das „Internationale Jahr der Wälder 2011“ verwies.
Totalreservate versus Nutzwälder
Wie PD Dr. Jörg Müller von der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald in seinem Impulsreferat „Welchen Wert haben ungenutzte Wälder?“ anmerkte, „lohnt es sich Waldflächen liegen zu lassen“, da sich dort die Artenvielfalt erheblich erhöhe. Als Beispiel nannte der Zoologe und Forstwissenschaftler die seltene Pilzart Zitronengelbe Tramete, die im Nationalpark wieder häufig anzutreffen sei. Im Bereich Forst- und Waldwirtschaft „beweihräuchern wir uns immer wieder als Erfinder der Nachhaltigkeit“, doch hier gebe es großen Nachholbedarf, mahnte Müller an. Da die Holznachfrage in den 1990er Jahren im Vergleich zu heute gering gewesen sei, „war diese Zeit ideal für Todholzbewohner wie Käfer“.
Die Auflichtung durch Borkenkäferfraß habe Müller zufolge durchaus positive Effekte, denn dort könnten sich andere Tierarten und Lichtbaumarten wie die Fichte ansiedeln. Der Borkenkäfer sei „nur eine Katastrophe für den Menschen, nicht für die Natur“, denn die Flora wachse von unten nach, wenn es der Mensch zulasse. „In Zukunft sollten fünf bis zehn Prozent der Waldflächen Reservate sein“, forderte Müller, der sogleich zugab, dass es aus Sicht des Naturschutzes „eigentlich bis zu 75 Prozent sein müssten“. Zudem plädierte Müller für „intelligente und nachhaltige Konzepte für die Nutzwälder“.
Holz als wichtiger heimischer Rohstoff
Forstdirektor Alfons Leitenbacher vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zweifelte die Sinnhaftigkeit von pauschalen Stilllegungsforderungen an und rief zu einem verantwortungsvollen und sensiblen Umgang mit dem wichtigen heimischen Rohstoff Holz auf. „Wir brauchen Totalschutzgebiete und eine naturnahe Waldnutzung“, forderte der stellvertretende Leiter des Nationalparks Berchtesgaden, Dr. Roland Baier, im Rahmen der von Gustav Starzmann (SPD), MdL a.D. geleiteten Podiumsdiskussion. Kahlschläge würden nämlich zu einem enormen Nährstoffverlust und Humusschwund führen und die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens negativ beeinträchtigen. Intakte Mischwälder, die im Gebirge noch dazu vor Lawinen, Erosion und Steinschlag schützen, seien die beste aller Lösungen, stellte Baier klar.
Andreas Heigenhauser, der in Reit im Winkl seit 2000 ein Biomasse-Heizkraftwerk und ein Nahwärmenetz betreibt, unterstrich die Bedeutung des Holzes und einer klimafreundlichen Energiegewinnung- und nutzung. Früher seien die Abgase aus den Ölheizungen oft über den Dächern gehangen und hätten den Sonnenschein getrübt. „Mittlerweile hat der Höhenluftkurort Reit im Winkl keine Probleme mehr, dieses für den Tourismus so wichtige Prädikat zu halten“, freute sich Heigenhauser. Ein Gast warf ein, dass das Holz noch stärker regional genutzt und weniger exportiert werden sollte.
Probleme rund um die Waldnutzung
Der Leiter des Forstbetriebes Berchtesgaden BaySF, Dr. Daniel Müller, betonte, dass Ökologie und Nachhaltigkeit in der Waldwirtschaft deutlich größer geschrieben werde als in vielen Teilen der Landwirtschaft. „Von zu wenig Nutzung im Privatwald“ sprach der Leiter der Waldbauernvereinigung Traunstein, Werner Schindler, und das „obwohl der Holzhunger groß ist.“ Eine Nicht-Nutzung „können wir uns gar nicht leisten, denn schon in wenigen Jahren würden uns gewaltige Holzmengen fehlen“ warnte Schindler. Für die geforderten Stilllegungen bräuchte es zudem „eine Gesetzesänderung“. Moderator Starzmann merkte kritisch an, „ob man denn wirklich alles aus den Wäldern rausholen müsse.“ Die Frage, warum die nährstoffreiche Asche aus den Biomasse-Heizkraftwerken nicht wieder in die Wälder zurückgeführt werde, beantworte die Expertenrunde mit den Worten: „Asche gehört bei uns laut Gesetz in die Restmülltonne“.
Gesunde Wälder als Lebensgrundlage
Um weitere Nährstoffverluste zu vermeiden, sollten laut Baier zumindest die Baumkronen im Wald gelassen werden. Schindler versicherte, dass „wir in diesem Jahr die Waldbesitzer und Waldbauern massiv darauf aufmerksam gemacht haben, das Gipfelmaterial, Zweige, Daxen etc. in den Wäldern zu belassen, um diese für nachfolgende Generationen zu bewahren“. Eine erfolgreiche Naturverjüngung sei aber nur bei einem angemessenen Wildbestand möglich, stellte Baier klar. In den Gebieten, in denen der Boden schon ausgelaugt sei, könnte sich bei einer naturverträglichen Bewirtschaftung schon in einem Zeitraum von 50 Jahren wieder ein gesunder und funktionsfähiger Humuskörper aufbauen, machte Baier Mut.
Einig waren sich die Experten darin, dass ein "gesunder Wald" als Sauerstofflieferant, Feuchtigkeitsspender, Klimaregulator, Luftfilter und nicht zuletzt auch als Wirtschaftsfaktor eine bedeutende Rolle spiele. Zudem schütze er die fruchtbare Bodenkrume vor Erosion. Darüber hinaus seien ausgedehnte Waldgebiete Rückzugsräume für seltene Tier- und Pflanzenarten und Ruhe und Erholung suchende Menschen.
