
- Kunstmuseen im Ruhrgebiet: Ai Weiwei in Duisburg - Vera Kriebel
Ausstellung von Weltrang im Ruhrgebiet, der Kulturhauptstadt Europas 2010: Bis zum 20. September 2010 zeigt die Stftung DKM in Duisburg "Barely Something" mit Werken von Ai Weiwei, kuratiert von Roger M. Buergel.
Stiftung DKM: Kunst aus Ost und West, Alt und Aktuell
Dirk Krämer und Klaus Maas (ihre Initialen finden sich im Namen DKM wieder) sind Mäzene, Sammler und Stifter des Duisburger Privatmuseums, das Anfang 2009 eröffnet wurde und eine ausgezeichnete Sammlung für aktuelle, zeitgenössische Kunst beherbergt, die zusammen mit alten Fundstücken aus Asien präsentiert wird. Die Hinwendung gen Osten ist Programm des Museums, eine Art west-östlicher Divan, der Tradition mit Moderne und Altertum mit dem Heute ebenso konfrontiert und verknüpft wie westliche und die ferne, östliche Kunst.
Buergel und Ai Weiwei im DKM
Das DKM hat im zweiten Jahr zwei Stars der Kunstszene verpflichtet: Roger M. Buergel, ein Star der Kuratorenszene, seit er 2007 künstlerischer Leiter der documenta 12 war. Danach sollte er in Florida ein Museum für moderne Kunst aufbauen, woraus aufgrund der Wirtschaftskrise nichts geworden ist. Ein Glücksfall, auch wenn Buergel nicht in Duisburg residiert, sondern "nur" eine Ausstellung zum Megastar der Avantgarde-Szene kuratiert hat: Ai Weiwei, der in Buergels Kassel für Aufsehen sorgte mit Template - eine Holzkonstruktion, die unter einem Unwetter zusammenbrach, was die breite Öffentlichkeit mit Häme durchmischt aufnahm - und mit dem Projekt "Fairytale 1001" (1001 Chinesen in Kassel), von dem eine Stuhlgruppe zur Dauerausstellung des DKM gehört.
Eine Ausstellungsbegehung: Annäherung an die Werke von Ai Weiwei
Der Anspruch der Duisburger Ausstellung ist hoch: sie will mit Klischees aufräumen und Ai Weiweis Werk zu den konzeptuellen Wurzeln zurückverfolgen. Buergel ist dies nur bedingt gelungen, denn derjenige, der Zugang zu Ai Weiwei sucht, muss ihn sich auch in Duisburg mühsam erarbeiten. Wie bei den meisten Konzept-Künstlern ist eine Deutung von Ai Weiweis Werken ohne Hintergrundwissen kaum möglich. Das allerdings gibt es im Duisburger DKM durchaus reichlich.
Ai Weiwei für Anfänger?
Unmittelbaren Zugang erhält man vielleicht im Eintreten in die Ausstellung, im Gegenüber zum Regal mit den Gefäßen mit grobkörnigem rötlich-braunen Sand - eine Installation, die bezeichnenderweise "Dust to Dust" heißt - oder vor dem wunderbar duftenden Raum mit einem Haus aus Tee auf einem ebenfalls mit Tee bestreuten Fußboden (Fotos siehe unten).
Die Welle aus Porzellan wirkt auf manchen Besucher einfach nur kitschig, die als Stern arrangierten Regenmäntel belanglos - auch mit den Erläuterungen des Ausstellungskatalogs. Die bunt bemalten neolithischen Tonvasen in der Dauerausstellung des DKM im ersten Stock erinnern auf den ersten Blick an chinesisch-verhaltene Popart.
Tradition und Moderne, Konservierung und Zerstörung, Ost und West
Um zu wissen, dass es sich beim rötlich-braunem Sand um Staub zermahlener archäologischer Fundstücke des chinesischen Neolithikums (um 6000 - 4000 v. Chr.) handelt, benötigt man schon Informationen. Die Bewahrung und Zerstörung von Altem, von Tradition ist Leitmotif bei Ai Weiwei: zum Beispiel bei der fotografischen Dokumentation seiner Zerstörung einer Vase der Han-Dynastie oder beim archäologischen Scherbenhaufen, bei den Resten alter chinesischer Kunstwerke, verstümmelten chinesischen Füßen und Händen.
Barely Something - 4851 Sichuan in der Galerie DKM: Erinnerung an ein Erdbeben
Das Kunstobjekt von Ai Weiwei in der DKM-Galerie, einem Außenstandort der DKM-Stiftung im Garten der Erinnerung am Duisburger Innenhafen, kann ohne Erklärung keine Aufmerksamkeit und schon gar kein Verständnis erreichen.
Hinter den Schaufenstern in der ansonsten leeren Galerie steht ein Notebook mit dem Bildschirm zum Spaziergänger. Auf einem Fenster daneben der Erläuterungstext: Beim Erdbeben in China 2008 waren viele Kinder gestorben, weil ihre Schulen aufgrund von Baupfusch einstürzten. Das offizielle China und die Medien ignorierten diese Erdbeben-Opfer. Zusammen mit anderen unternahm es Ai Weiwei, die Namen der Kinder zu recherchieren. Das Notebook zeigt in einer Endlos-Schleife 4851 Namen der beim Erdbeben gestorbenen chinesischen Kinder in chinesischen Schriftzeichen. Und der Besucher erkennt mit Schrecken, dass auch er diese Erdbebenopfer völlig vergessen hat, so er sie denn überhaupt jemals wahrgenommen hat - denn anders als in Haiti und Chile 2010 wurde über das Erdbeben 2008 in China kaum berichtet. Kunst also als Regimekritik.
Allerdings - und dies ist vermutlich nicht im Sinne des Erfinders - ist für den gemeinen Betrachter auf dem Bildschirm nichts zu erkennen, da das Sommertageslicht für den Bildschirm zu hell ist.
Der Chinese Ai Weiwei: Virtuose westlicher Selbstinszenierung
Viele stören sich an der exzessiven medialen Selbstvermarktung des chinesischen Künstlers. Dass Ai Weiwei ein Meister der Selbstinszenierung ist, der westliche Medien virtuos zu nutzen versteht, dürfte spätestens seit der documenta 2007 kaum zu bestreiten sein. 2009 wurde er in China von Polizisten verprügelt, kam aus Anlass einer Ausstellung nach München, wo man ein gravierendes Hämatom feststellte. Die CT-Abbildung seines Kopfes mit dem Hämatom wird gleich zum Kunstwerk "Brain Inflation".
Ai Weiwei's Inszenierung der Zerstörung der Han-Vase, die im allgemeinen gedeutet wird als Verweis auf die Zerstörung chinesischer Traditionen durch die Kulturrevolution, könnte auch Assoziationen mit der 68er-Revolution bergen (da wurde allerdings die Zerstörung von Traditions-Symbolen als lustvolle Zerstörung zelebriert).
Dass diese Kunst aber nicht im luftleeren Raum agiert, sondern nicht nur von Experten ernst genommen wird, zeigt die neuerliche Verhaftung Weiweis am 2.4.2011.
Wege zu Ai Weiwei und zur Kunst
Eine feine kleine Ausstellung. Der Besucher sollte sich den Katalog gönnen (30,-) und/oder weiter (zum Beispiel im Internet) recherchieren. Ohne intellektuelle Mühen wird man kaum begreifen, was der Konzeptkünstler uns sagen will.
Wer grundsätzliche Probleme mit Kunst, moderner oder gar postmoderner Kunst hat, dem sei der überaus lehrreiche und trotzdem unterhaltsame, gut lesbare Klassiker der Kunstvermittlung, Ernst H. Gombrichs "Geschichte der Kunst", als grundlegender Einstieg empfohlen.
Infos zu Ai Weiwei im DKM
Ai Weiwei - "Barely Something", bis 20.09.2010, Museum DKM | Stiftung DKM, Güntherstr., Duisburg. Ideal mit dem ÖPNV: nur 200m vom Hbf. entfernt (in Richtung Kantpark/Lehmbruck Museum). Achtung: Ungewöhnliche Öffnungszeiten: Freitag, Samstag, Sonntag, Montag und Feiertage 12:00 - 18:00 h (Di, Mi, Do geschlossen). Presse: Vorherige Akkreditierung im Pressebüro per Mail oder Telefon notwendig. Das DKM ist in den Ruhrkunstmuseen (CollectionTours) vernetzt.
DKM-Galerie am Duisburger Innenhafen: Ai Weiwei: "Barely Something - 4851 Sichuan", bis 20.09.2010 Galerie DKM | Stiftung DKM, Philosophenweg (Garten der Erinnerungen, Nähe Synagoge). Immer zugänglich.
DKM-Web: Recht unübersichtliches Internet-Angebot. Ein wenig mehr bildschirm-konforme Darstellung wäre nicht schlecht und auch die Struktur der DKM-Site könnte überarbeitet werden.
