Kopfjagd bei den Kelten

Archäologische Befunde aus Frankreich verweisen auf einen besonders düsteren Aspekt der keltischen Kultur - die Kopfjagd.

„Die Köpfe ihrer vornehmsten Feinde balsamieren sie ein und verwahren sie sorgfältig in einer Kiste, und wenn sie diese dann den Fremden zeigen, so rühmen sie sich, wie einer ihrer Vorfahren oder ihr Vater oder auch sie selbst diesen Kopf um vieles Geld nicht hergegeben hätten." (Diodor von Sizilien, 1. Jh. v. Chr.)

Aus der Perspektive eines gebildeten Römers wie Diodor waren die Bräuche der Kelten doch etwas gewöhnungsbedürftig. Der Kopf war für die Kelten weit mehr als nur eine Trophäe. Wie sehr dieser blutige Ritus in ihre religiöse Vorstellungswelt eingebettet war, zeigt das keltische Heiligtum von Ribemont-sur-Ancre. Die Fundstelle ist eine Ansammlung verschachtelter Einfriedungen, im Mittelpunkt befindet sich eine quadratische Struktur mit einer Seitenlänge von 40 m. Die gesamte Anlage wird durch einen oval verlaufenden Graben von 150x180m abgegrenzt. Wahrscheinlich war der Kultort ab dem 3. Jh. v. Chr. in Gebrauch und bestand noch unter der römischen Besatzung, wo es um Gebäude wie Theater und Thermen erweitert wurde.

Ein rätselhaftes Knochendepot

An der Außenseite der erwähnten Struktur im Mittelpunkt machten die Ausgräber eine grausige Entdeckung. Auf einer Fläche von 60 m² erstreckte sich ein Depot menschlicher Knochen und Waffen - mehr als 10.000 Knochen und etliche hundert Waffen. Auffällig war, das die Knochen nicht wild verstreut lagen, sondern sich noch im anatomischen Verband befanden. Auch die Waffen lagen meist so, wie man sie an einer Kriegertracht vermuten würde. Doch etwas war merkwürdig: es wurde kein einziger Schädel gefunden. Mit dem Fortschreiten der Ausgrabung konnte festgestellt werden, dass es sich vor allem um obere oder untere menschliche Körperhälften handelte. Diese lagen in den ungewöhnlichsten Positionen, mit verdrehten Armen und Beinen, so dass eine absichtliche Niederlegung der Leichenteile wohl auszuschließen ist. Vielmehr deutet eine Analyse darauf hin, dass die menschlichen Überreste aus einer Höhe von mehreren Metern Höhe herab fielen. Wahrscheinlich waren es in der Schlacht gefallene Feinde, deren verwesende Körper kopflos auf eine Art Podest in voller Kampfausrüstung zur Schau gestellt wurden. Schädelfragmente, die beim Eingangsportal gefunden wurden, lassen darauf schließen, dass einige der fehlenden Köpfe dort angebracht waren. Portale mit menschlichen Schädeln wurden auch in anderen keltischen Heiligtümern gefunden.

Poseidonios

Befunde wie diese sind trotz ihres düsteren Charakters ein außerordentlicher Glücksfall, bestätigen sich doch die Berichte Diodors, der vermutlich einiges von seinem Vorgänger Poseidonios übernommen hat. Das meiste was letzterer über die Kelten geschrieben hat, ist heute leider verloren. Fakten wie diese stören etwas das weit verbreitete romantische Bild von den Kelten, doch wie die Geschichte der Kelten zeigt, waren es keineswegs nur friedliche Zeitgenossen.

Rainer Krämer, Rainer Krämer

Rainer Krämer - Seit meinem Studienabschluß in Ur- und Frühgeschichte bin ich hauptberuflich für Firmen tätig, die sich auf archäologische Grabungen ...

rss