Bis 1930 wächst die Zahl der Mitglieder auf über 35 an. Monat für Monat finden Versammlungen, Sprechstunden oder Ansprachen statt, „unendlich viel Kleinarbeit" leisten die Vorkämpfer Hitlers, um für die NSDAP auch in Korbach eine Basis zu schaffen. In der Lokalzeitung sind sie ebenso präsent wie auf den Straßen und in den Häusern.
Ab 1931 geht es für die Recken immer weiter aufwärts. In der Stechbahn 17 eröffnet die verschworene Gemeinschaft ihre Parteizentrale, deren Schaufenster viele neugierige Blick auf sich zieht - heute finden Geschichtsinteressenten dort das Wolfgang-Bonhage-Museum. Parteiarbeit par excellence. Hitlers „Mein Kampf" ist bei den Nationalsozialisten ebenso zu kaufen wie ein Ausflug zu buchen oder der Mitgliedsantrag zu unterschreiben. Durch die Hakenkreuzflaggen an der Hauswand ist die Zentrale leicht erkennbar.
Versailles als Bestrafung
Die Entwicklung in Korbach weicht nicht in großem Maße von der in vergleichbaren Städten ab. Den Versailler Vertrag versteht die Bevölkerung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg als ungerechte Bestrafung, das neue parlamentarische System der Weimarer Republik lehnen die meisten ab.
Allerdings helfen den Nazis mehrere Umstände dabei, dass sie aus der Korbacher Bevölkerung immer mehr Unterstützung ziehen können. Zum Beispiel: Die Agrarpreise sinken ins Bodenlose, der Erlös aus dem Verkauf von Vieh und Korn allein ernährt Ende der Zwanzigerjahre keine Korbacher Familie mehr. Existenzängste treffen so auf Wut und Ablehnung - der perfekte Nährboden für die braune Brut.
Conti entlässt 500 Mitarbeiter, Waldeck geht in Preußen auf
Zwei weitere Punkte: Im Zuge der 1929 ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise entlässt die Conti bis 1932 fast die Hälfte der Beschäftigten, insgesamt verlieren rund 500 Mitarbeiter ihre Stelle. Und da ist zum anderen der Zusammenschluss des Freistaates und ehemaligen Fürstentums Waldeck im April 1929 mit dem „großen Bruder" Preußen. Der Verlust der Eigenständigkeit schmerzt viele. Für die Korbacher ist das geradezu ein Schock.
Die NSDAP erkennt die Ängste in der Bevölkerung und nutzt sie geschickt aus. In einem Wahlaufruf aus dem Jahr 1929 heißt es etwa: „Willst Du nicht, daß wiederum preußische Beamte über waldecksche Belange wachen und entscheiden?" - dabei regeln die Preußen laut Akzessionsvertrag schon seit 1868 die Verwaltung Waldecks.
NSDAP wird Teil der Parteienlandschaft
Auch wenn auf diese Art und Weise nur wenige Stimmen gewonnen werden, wird die NSDAP zum festen Bestandteil der lokalen Parteienlandschaft, bestehend aus der in Waldeck schwachen SPD, der lange Zeit starken Christlich-nationalen Bauern- und Landvolkpartei, dem katholischen Zentrum, der rechten Deutschnationalen Volkspartei DNVP, die es sich in der Bevölkerung wegen der Zusammenarbeit mit Preußen gründlich verscherzt hat, der liberalen Deutschen Demokratischen Partei DDP - und der NSDAP. Im Upland feiert sie bereits erste Wahlerfolge weit jenseits der 50-Prozent-Marke, als sie in Korbach und erst recht im Reich kaum eine Rolle spielt.
NS-Suppenküche und die ewig gleichen Parolen
Doch die Nationalsozialisten gehen geschickt vor. Statt aggressiv um neue Mitglieder zu werben, nehmen sie einen anderen Weg. Ihr Unterhaltungsprogramm nimmt im kulturell armen Korbach schnell eine Sonderstellung ein, mit einer NS-Suppenküche als Konkurrenz zur städtischen Suppenküche für die nicht wenigen Armen und Leidenden und mit der stetigen Wiederholung ihrer Parolen gelingt es nach und nach, die Korbacher auf ihre Seite zu ziehen.
Korbach wird braun
Bis 1933 legen Casselmann und Konsorten so das Fundament für den Wahn des „Führers", die Shoah, die Grauen des Zweiten Weltkrieges - und den Untergang des „Dritten Reiches". 1937 überschreitet die Zahl der Parteimitglieder die Marke von 1.000. Ab diesem Zeitpunkt ist Korbach endgültig braun. Die Hauer wird zur „Göring-Kampfbahn", der heutige Berndorfer-Tor-Platz bekommt den Namen des Führers verabreicht und Horst Wessel zu Ehren wird der Schießhagen zur Feierstätte umfunktioniert.
Waren bei den Reichstagswahlen im Mai 1928 nur 8,5 Prozent der Stimmen in Korbach auf die Nationalsozialisten entfallen, so sind es bei den letzten zumindest halbwegs freien Wahlen im März 1933 bereits 54,3 Prozent. In den Folgejahren leistet die diktatorische Gleichschaltungmaschinerie endgültig ganze Arbeit: Im November 1933 stimmen bereits unglaubliche 98,9 Prozent der Wähler für die Einheitsliste, auf der nur die NSDAP antritt. Im April 1938 sind es gar 100 Prozent - offiziell geben also alle 4785 wahlberechtigte Korbacher den Nationalsozialisten ihre Stimme.
