
- Korkeiche (Quercus Suber) - Lou Avers
Die Sonne brennt. Sanftes Knarren durchdringt die gespannte Stille. Ein gezielter Axthieb und die rotbraune Rinde gleitet zu Boden. Senhor José tropft der Schweiß vom faltigen Gesicht. Zufrieden wischt er sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Geschafft “. Zwei Gehilfen heben die fingernageldicke Schale auf und stapeln sie mit den anderen halbrunden Stücken vorsichtig ineinander. Ein blutroter halbnackter Stamm bleibt zurück. Mit weißer Farbe pinselt José eine Null und eine Neun für das Jahr 2009 auf das kahle Holz. Bis 2019 hat dieser Baum seine Ruhe.
Portugiesische Korkeiche – wie ein Rohstoff zum Geschmacksveredler wird
Ein Drittel aller Korkeichen weltweit steht in Portugal. Fast 52 Prozent der Gesamtproduktion kommen aus dem kleinen Land. Anbaugebiet und Ernte konzentrieren sich heute auf die Region Alentejo südlich des Tejo. Cirka 25.000 Arbeiter sind in Portugal in der Korkernte beschäftigt. Das Schälen der knorrigen Sobreiros (Quercus suber) erfordert Fachwissen und Erfahrung. Ein falscher Hieb und der Baum ist für immer beschädigt. Die Rinde wächst dann entweder gar nicht mehr nach oder ist zu minderwertig für die Weiterverarbeitung. 2.000 bis 2.500 Kilogramm je Hektar Wald geben die portugiesischen Korkspender her. Und das, obwohl ein Baum maximal alle 10 Jahre geschält werden kann. Die Gesetze sind ebenso rigoros, was den Grad der Schälung anbelangt. Nur ein Drittel der Stammfläche darf abgenommen werden, damit sich die Mutterrinde schneller erholt und nicht austrocknet.
Korkeichen-Schäler – ein aussterbender Beruf
Eine Korkeiche kann 160 bis 200 Jahre alt werden. Eine erste Schälung ist nach 20-30 Jahren möglich. „Die erste Ernte taugt nicht viel“, meint José. Er sitzt jetzt im Schatten und schneidet sich mit dem Taschenmesser ein Stück Blutwurst ab. Erst ab dem zweiten Mal wirft der Baum die Qualität ab, die für die Endprodukte notwendig ist. Dreißig Jahre ist er schon in dem Geschäft, doch ist seine Zunft vom Aussterben bedroht. Es wird immer schwerer, qualifizierte tiradores zu finden. Die jungen Leute suchen lieber in den Städten nach besser bezahlter Arbeit. Senhor José dagegen würde sein Handwerk um nichts in der Welt tauschen.
Die Sonne steht im Zenit. Ein letzter Schluck vinho, dann muss die Tagesarbeit auf die Lastwagen verladen und in die Fabrik nach Setúbal gebracht werden. Die Männer hieven die Korkhälften auf die Ladefläche und verstauen ihre Äxte. Seit dem Morgengrauen sind sie auf den Beinen. Am Nachmittag geht es in einem anderen Waldgebiet weiter.
Portugiesischer Kork – Verarbeitung und Verwendung
In der Fabrik werden die Stücke nach Farbe, Stärke und Anzahl der Poren sortiert. Dann kommt die schrumpelige Korkrinde in die Wäscherei. Eine Stunde lang werden Ungeziefer, Mineralsalze und Gerbstoffe ausgekocht. Die Suppe stinkt bestialisch und verströmt riesige Dampfwolken. Die leichten Korkstücke müssen ständig unter Wasser gerührt werden, damit sie die maximale Elastizität und Volumen erreichen.
Nur die besten Korken in die Flasche
Sind die Streifen getrocknet und gepresst, ist der Korkexperte an der Reihe. Er sortiert, prüft und bestimmt den Verwendungszweck. Dazu gehört eine langjährige Erfahrung, denn schlechtes Material kann eine ganze Produktion verderben.
Für die Herstellung von Flaschenkorken werden die Platten in Streifen geschnitten. Was heute Maschinen übernehmen, war bis vor 20 Jahren Handarbeit. Das Ausstechen der Korken erforderte höchstes Fingerspitzengefühl und Konzentration. Die besten Korkenmacher arbeiteten in der Anfertigung von Sekt- und Champagnerkorken.
Kork-Endprodukte sind umweltfreundlich und vielseitig
Der größte Teil der Ernte wird zu den runden Flaschenpfropfen verarbeitet. Der Rest wird zu Fußböden, Isolierungen, Schuhsohlen, Tapeten, Netzen, Rettungsringen und vielem mehr. Die Bedeutung von Kork als Naturprodukt mit vielseitiger Verwendung ist auch der Industrie bewusst. Kork ist leicht, wasser- und gasdicht, brennt nicht, leitet keine Elektrizität und ist geruchs- und geschmackslos.
Kork als Geschmacksveredler
Plastik- und Schraubverschlüsse wie synthetische Varianten sind auf dem Vormarsch. Dennoch werden im Schnitt jeden Tag 30 Millionen Korken hergestellt, 500 Millionen Champagnerkorken im Jahr. Allein in Deutschland knallen 1,2 Millionen Korken pro Jahr. Wenn ein Korkverschluss den Weg bis in einen Flaschenhals schafft, bedeutet das allerhöchste Auszeichnung. Dann ist das Volumen seiner Poren geeignet, eine Flasche abzudichten. Er ist der Grund, warum Weine liegend gelagert werden. Erst im Kontakt mit dem Stopfen entwickelt der reifende Traubensaft die Duftstoffe, die einen edlen Tropfen auszeichnen. Ein minderwertiger Pfropfen kann den feinsten Wein verkorksen.
An Senhor José liegt es nicht.
