Korrektives Feedback: Das Kind richtig zum Reden bringen

Sprache fordern statt fördern: kein Door-Opener! - by_S. Hofschlaeger
Sprache fordern statt fördern: kein Door-Opener! - by_S. Hofschlaeger
Nicht alles ist erlaubt, um den Nachwuchs sprachlich zu fördern - Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen sind gefragt, um Sprache auch ans Herz zu legen!

"Nun sag' doch mal richtig: Schokolade! Wie heißt das? Schokolade! Nein, nicht Sokolade - Schokolade! Tut mir Leid, wenn du so falsch sprichst, verstehe ich dich nicht, dann mag ich dir nicht mehr zuhören!" So tönt es tatsächlich nicht selten auf Kinderspielplätzen, in Gruppenräumen von Kindergärten, bei der Oma zu Hause - und die Eltern, ErzieherInnen und Omas und Opas, sie wissen nicht, was sie da tun. Denn diese Art der Sprachunterstützung ist in Wirklichkeit eher eine Sprech-Hemmung, die den natürlichen Trieb zur Kommunikation der Kleinen eher drosselt, bisweilen die Kinder sogar zum Schweigen bringt, leider. Was daran also ist so verkehrt? Und: Wie macht man es besser?

Harte Korrekturen verletzen die Kinderseele

Sehen wir uns mal den folgenden Dialog an. Kind: "Omi, schau, der LKW is daaanz droß!" Oma: "Nein, das heißt doch nicht 'droß', um Gottes Willen! Es heißt 'groß'! Sag' mal 'groß'!" Und dann übertragen wir das einfach mal auf eine Situation zwischen Erwachsenen - Kunde: "Ich hätte gern von dem Gulasch da, bitte". Verkäuferin an der Theke: "Nein! Das heißt doch nicht 'Gulasch' ! Um Gottes Willen! Das ist ' Geschnetzeltes' ! Sagen Sie mal 'Geschnetzeltes!'" Absurd, nicht wahr? Und unhöflich wirkt es auch noch! Aber genauso absurd und unhöflich kommt es Ihrem Kind vor, wenn es Ihnen etwas erzählen will, und Sie gehen inhaltlich einfach nicht darauf ein! Im Dialog mit dem Kind ging es doch um den LKW. Den hat die Oma gar nicht erwähnt! Das Kind wird lediglich verbessert. Fühlt es sich mit seinem Hinweis ernst genommen? Wahrscheinlich nicht. Ist der LKW also nicht wichtig? Ist das Kind nicht wichtig, nur seine Aussprache? Wie würden Sie sich als Kunde an der Theke fühlen? Ihr kleiner Fehler erscheint doch sinnlos dramatisiert. Das wirkt verletzend!

Aufforderungen zum Sprechen verderben die Sprechfreude

"Nun sag' doch 'Geschnetzeltes!'" Wie würden Sie sich fühlen, wenn man Sie ewig und drei Tage zum Sprechen auffordern würde? Sie würden sich unter Umständen bedrängt fühlen. Macht es Spaß, auf Kommando nur das zu sagen, was andere hören wollen? Sprechen ist eigentlich ein Akt der Freude, ein Drang, sich mitzuteilen. Da wir aber nicht stets wissen, was unsere Kinder sagen wollen, sollten wir ihnen nicht die Worte aus dem Mund nehmen - mit Geduld und Stille lässt sich mehr erreichen, als mit Befehlsformen und Wunschwörtern.

Keine Strafen für falsche Aussprache

Kinder ahnen nicht, dass sie Sprachfehler haben. Sie reden drauf los, weil sie mitteilsam sind, weil sie etwas zu sagen haben. Diese Sprechfreude sollte man erhalten, denn nur, wer viel redet, kann auch irgendwann einmal "gut" reden: Übung macht den Meister! Wenn Sie Ihr Kind für Sprechfehler tadeln oder sogar bestrafen - dazu zählt auch, wenn Sie sich einfach abwenden oder das Kind dann ignorieren. Dabei hat es ja nichts Böses mit Absicht gemacht. Signalisieren Sie dem Kind: "Ich verstehe dich nicht!" oder: "Ich höre dir nicht zu!", dann denkt das Kind: "Ich mache etwas falsch, also lasse ich das Sprechen mal ganz". So endet der Erziehungsversuch mit Verstummung, Frustration oder Wut. Ahnt ein Kind bereits, dass es "falsch spricht", dann hat es ein gestörtes Bewusstsein. Diese Kinder sind in der Regel noch schüchterner und sensibler. Vorsicht ist geboten!

Das korrektive Feedback: Richtig vormachen, den Versuch loben

Erwachsene, insbesondere die Eltern, sind Modelle für die Kinder, an denen diese lernen können. Sie ahmen unsere Schritte nach, benutzen unsere Kleidung oder Schminke, sie wiederholen, was wir sagen, so gut, wie sie es schaffen - und hier ist der Hebel zur richtigen Sprachunterstützung!

  1. Das Kind benutzt das falsche Wort - "Wauwau!" Gehen Sie doch darauf ein, was es sagt: "Ja, stimmt...", und dann korrigieren Sie sanft: "Ein Hund! Da steht ein Hund!" Das Kind fühlt sich gehört, teilt mit Ihnen die Freude des Ereignisses und lernt zusätzlich noch das richtige Wort.
  2. Das Kind macht Grammatik-Fehler: "Auf'n Kopf, das is Haare!" Wieder bestätigen Sie erst einmal, dass die Aussage an sich völlig richtig ist: "Ja! Stimmt genau, Haare!" Und Sie geben dann die korrekte Form wieder dazu: "Das sind Haare auf dem Kopf."
  3. Das Kind spricht etwas falsch aus: "Der Tönig trät eine Trone auf dem Topf." Das Kind hat das gut beobachtet, also bestätigen Sie das auch - mit der richtigen Aussprache natürlich: "Ja, der König trägt eine sehr schöne Krone auf dem Kopf, da hast du Recht!"

Das Kind nicht beim Sprechenlernen stören

Es ist zwecklos, dem Kind zu sagen, es mache da einen Sprechfehler. Und wenn Sie es noch so oft betonen: Das Kind wird die Sprechfehler entweder gar nicht hören können oder seine Artikulationsmuskulatur, also Zunge, Zähne, Lippen und Zäpfchen, sind noch gar nicht dazu in der Lage, richtig zu sprechen. Wie es auch sei, da hilft kein Tadel, kein Machtwörtchen, kein Drängen, auch wenn Sie schon gehört haben, das Ihr Kind es vor ein paar Tagen ein- oder zweimal richtig gesagt hat: Vielleicht war das Zufall, vielleicht lernt Ihr Kind es gerade; stören Sie es nicht bei diesem Lernen! Achten Sie darauf, dass Sie selbst langsam reden, damit Ihr Kind besser hören und sehen kann, wie Sie es anstellen, richtig zu sprechen: Damit sind Sie bereits ein brillantes Vorbild.

Sollten Sie wirklich Zweifel haben, weil Sie selbst Ihr Kind kaum verstehen, oder weil Sie unsicher sind, ob Sie alles richtig machen oder nicht: Fragen Sie Ihre Erzieher, Lehrer, rufen Sie im Gesundheitsamt an und fragen Sie nach einer logopädischen Beratung. Nur vergessen Sie eines nicht: Egal, wie Ihr Kind redet, es ist eine komplette, tolle Persönlichkeit mit verletzbaren Gefühlen, genau wie Sie! Das ist viel wichtiger! Denn manchmal macht man ums Reden schlichtweg zu viel Gerede!

Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt - nicht ersetzen kann.

Quelle: Häuser, Jülisch: Sprachentwicklung, Sprachstörung, Sprachförderung. verlag das netz, Hrsg. Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg; Berlin 2006. Praxistext, 92 Seiten

Helene Weiß - Helene Weiß staatl. examinierte LogopädinMutterEhefrauReferrentinGitarristinSängerin

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