Kraniche sind bemerkenswerte Vögel, bei denen vor allem die stolze Erscheinung auffällt. Manch einer verwechselt Kraniche mit Sörchen oder Reihern. Dabei haben die Kraniche mit diesen Stelzenvögeln verwandtschaftlich nicht viel gemein. Sie sind ein uraltes Vogelgeschlecht, das Ähnlichkeiten mit dem Aramus, den Trompetenvögeln und den Trappen hat. Während Reiher und Störche Fische, Frösche und Mäuse jagen, bevorzugen Kraniche pflanzliche Kost. Die langhalsigen und langbeinigen Kraniche kennen "Bewegungsspiele", wie sie sonst bei den Säugetieren üblich sind.

Einer der Vögel springt mit gelüfteten Flügeln in die Luft, landet vor einem Artgenossen und verbeugt sich vor ihm. Das ist das Signal, und bald tanzt die ganze Gesellschaft. Einige nehmen kleine Stöckchen vom Boden auf, werfen sie in die Höhe und springen danach. Andere ziehen flügelschlagend Kreise umeinander. Die ganze Schar ist in Bewegung und bietet ein Bild vollendeter Anmut.

Kraniche werden frühesten nach fünf Jahren geschlechtsreif

Im Gegensatz zu anderen Vogelfamilien, die Hunderte von Arten zählen, ist die Familie der Kraniche sehr artenarm. Auf der Erde gibt es kaum zwanzig Arten. Alle Kraniche sind Kulturflüchter, gehen also dem Menschen aus dem Weg. Viele, vor allem asiatische und nordamerikanische Kraniche haben nur sehr eng begrenzte Brutgebiete und müssen aussterben, wenn diese vom Menschen zerstört werden. Die Zugvögel unter ihnen sind im Brutgebiet und auch in der Winterherberge gleichermaßen bedroht.

In Europa wurde dem Graukranich buchstäblich das Wasser abgegraben, indem Moore trockengelegt, feuchte Wiesen bebaut und große Wälder durch Autobahnen zerrissen wurden. Kraniche sind keine Hühnervögel, deren Population sich rasch wieder erholen kann, wenn sie starke Verluste erlitten haben. Rebhuhn und Jagdfasan können problemlos fünfzehn Küken im Sommer großziehen, ein Kranichpaar höchsten zwei und das wahrscheinlich nicht in jedem Jahr. Darüber hinaus braucht ein Kranich mindestens fünf Jahre, bis er geschlechtsreif wird.

Alle zwei Jahre mausert der Graukranich die Schwingen und wird dann für einige Zeit flugunfähig. In dieser Zeit braucht er Schilfwälder, um sich zu verstecken. Die größten Kraniche, wie der Sarus- und der Mandschurenkranich legen während der Brutzeit oft nur ein Ei. Es wird etwa dreißig Tage lang von beiden Eltern abwechselnd bebrütet.

Kraniche verteidigen ihre Jungen nicht gegen Menschen

Die Altvögel sind gegen Störungen am Nest sehr empfindlich und lassen das Gelege dann im Stich. Junge Kraniche sind Nestflüchter. Sobald sie aus dem Ei geschlüpft sind, werden sie von den Eltern bereits in den unwegsamen Sumpf geführt. Da Kraniche recht kleine Eier legen, sind die Jungen nicht größer als Entenküken. In den ersten fünf bis sechs Tagen können sie keine Nahrung vom Boden aufpicken. Deshalb müssen die Eltern jeden Bissen mit dem Schnabel vorhalten. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Raupen und Ameisen.

Da die Kranichmutter ihre Eier im Abstand von zwei Tagen legt und beim ersten Ei gleich zu brüten beginnt, sind die Küken im Alter ungleich groß. Der Vater übernimmt das Erstgeborene, während die Mutter weiterbrütet. Kraniche kümmern sich rührend um ihre Kinder und führen sie bei Gefahr sogar ins Wasser. Schwimmen können die Kleinen vom ersten Tag an. Gegen Menschen verteidigen die Vögel ihre Jungen jedoch nicht, obwohl sie sich mit Schnabelhieben sehr gut wehren können. Sobald die jungen Kraniche selbst Nahrung aufnehmen, suchen sie zarte Blätter und Samen. Sie wachsen schnell und sind im Alter von zehn Wochen voll flugfähig. Kraniche können bis zu sechszig Jahre alt werden.

Quelle: Eckart Pott: "Das große Ravensburger Tierlexikon von A-Z", Ravensburger Buchverlag 2011, ISBN 3-4735-5074-4