Kreationismus in Deutschland: Eine Art PISA-Test

Gravierende Bildungsmängel sind Nährboden für Darwin-Gegner

Darwin-Jahr: Die Autoren und Zukunftsforscher Angela und Karlheinz Steinmüller über den schon 150 Jahren währenden Kampf zwischen Evolutionstheoretikern und Kreationisten

Angela und Karlheinz Steinmüller sind Verfasser des Buches Darwins Welt. Aus dem Leben eines unfreiwilligen Revolutionärs und Suite101-Gastautoren.

Suite101: Wie wurde Darwins Evolutionstheorie von seinen Zeitgenossen angenommen?

Die von Gott geschaffenen Arten sollten sich verändern? Der Mensch gar vom Affen abstammen? - Für das viktorianische England waren Darwins Erkenntnisse einfach schockierend, eine Herauforderung, ja eine Frechheit! Mehr noch, sie schienen eine Grundfeste der Gesellschaft zu untergraben, den Glauben an gottgegebene Hierarchien. Einige wenige Naturforscher unterstützten Darwin, etwa „Darwins Bulldogge“ Thomas Henry Huxley, aber die meisten Persönlichkeiten lehnten die Entwicklungslehre kategorisch ab – von Darwins Kapitän FitzRoy bis zum Bischof Wilberforce. Das gab Zoff...

Suite101: Wie unterscheidet sich die zeitgenössische Kritik von der heutigen?

Darwin konnte damals keine wirklich überzeugende Antwort auf die Frage geben, wieso Variationen (individuelle Abweichungen vom normalen Bild einer Art) nicht in einer Population „ausverdünnt“ werden und verschwinden. Erst die Genetik lieferte darauf eine befriedigende Antwort. Viel fundamentaler war jedoch der Einwand der Evolutionsgegner, dass ein Zufallsprozess wie die Evolution nie ein so komplexes Gebilde wie das Auge hervorbringen könne. Dieses Argument wird auch heute noch gern von den Kreationisten benutzt. Aber schon Darwin hat es mit dem Hinweis auf Zwischenstufen entkräften können. Also: In der Wissenschaft selbst hat sich seit Darwins Zeit unendlich viel getan, bei den ideologischen Auseinandersetzungen gibt es kaum ein neues Argument. Eigentlich schade...

Suite101: Vor allem in den USA halten fundamentalistische Christen Darwins Theorie für Ketzerei. Welche Auswirkungen und welchen Einfluss haben Creational Science und Intelligent Design in der wissenschaftlichen Diskussion? Gibt es diese Auseinandersetzung auch in Deutschland?

Für die Evolutionsforscher ist die Auseinandersetzung mit den Kreationisten eigentlich völlig uninteressant: Alles wurde längst gesagt, und wie will man jemanden überzeugen, der felsenfest glaubt, im Besitz der ewigen Wahrheit zu sein? In den letzten Jahren hat der Kreationismus auch in Deutschland Fuß gefasst. Ohne gravierende Mängel in der naturwissenschaftlichen Schulbildung wäre dies sicher kaum möglich. Die Verbreitung von Kreationismus ist für uns so eine Art gesamtgesellschaftlicher PISA-Test.

Suite101: Welche Beweise führen Creational Scientists bzw. Anhänger des Intelligent Design gegen Darwin und seine wissenschaftlichen Nachfolger ins Feld?

Eine zentrale Annahme der Kreationisten ist ein angeblich nur sehr geringes Alter der Erde, 10.000 Jahre oder weniger, so wie sie es (zum Ärger der Theologen) aus dem Alten Testament herauslesen. Also suchen sie nach Fakten, die diese Jugendlichkeit der Erde belegen könnten. So sollen neben fossilen Saurierspuren versteinerte Schuhabdrücke gefunden worden sein. Dergleichen Beweise haben aber ein fiese Eigenheit: Wenn man sich näher mit ihnen befasst, verflüchtigen sie sich oder es findet sich eine ganz unspektakuläre Erklärung. Und wenn die Physiker dann darauf verweisen, dass man aus dem radioaktiven Zerfall bestimmter Isotope auf das ungeheuere Alter von Gesteinen schließen kann – ja, da muss dann eben unmittelbar nach der Schöpfung der radioaktive Zerfall viel, viel schneller abgelaufen sein! Oder vielleicht hat Gott die Erde ja gleich „auf alt“ erschaffen?

Suite101: Welche Lücken hat die Evolutionstheorie aus wissenschaftlicher Sicht?

In den Stammbäumen der einzelnen Arten klaffen auch hundert Jahre nach Darwin noch beträchtliche Lücken – was nicht weiter verwundert, denn Lebewesen werden ja nicht zu Fossilien, um Paläontologen den Wunsch nach möglichst detaillierten Abstammungslinien zu erfüllen, sondern weil sie das Pech hatten, zu falscher Zeit am falschen Ort zu sein.

Die „Lücken“ in der Theorie liegen aber auf ganz anderer Ebene. Noch immer ist nicht im Detail geklärt, wie das Leben auf der Erde (oder anderswo) entstand. Relativ klar ist, dass es durch eine sozusagen vor-Darwinsche Phase mit viel horizontalem Gentausch lief, als, grob gesprochen, die ersten Mikroorganismen genetische Innovationen frei über die Grenzen der noch nicht richtig existierenden Arten hinweg austauschen. Wow, das waren Zeiten, jeder konnte es mit jedem treiben ...

Ebenso spannend sind Forschungen auf dem Gebiet von „Evo-Devo“, dem Zusammenhang von Evolution und Individualentwicklung (Development): Auf dem Wege vom der befruchteten Eizelle zum erwachsenen Organismus werden immer wieder Gene an- und abgeschaltet. Wie hat sich das entwickelt? Abgesehen davon interessiert uns natürlich, wie es mit der Evolution auf diesem Planeten weitergeht.

Angela und Karlheinz Steinmüller: Darwins Welt. Aus dem Leben eines unfreiwilligen Revolutionärs. oekom Verlag 2008. 320 Seiten. 24,90 €

Suite101, www.suite101.de

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