
- Ist der Stein ein Wegweiser zum Schatz? - Vincenzo Pascale
Piraten und deren verborgene Schätze wähnt man spätestens seit der Filmreihe „Fluch der Karibik“ in der besagten Karibik. Oder man vermutet, dass Piraten ihre Schätze auf weit entfernten, exotischen, Palmen gesäumten Inseln inmitten der großen Weltmeere versteckt haben. Kaum jemand käme auf die Idee, einen Piratenschatz in Europa zu suchen, geschweige denn auf den griechischen Inseln. Aber gerade auf der bei Touristen beliebten Mittelmeerinsel Kreta gibt es eine Bucht, die so genannte Piratenbucht, in der ein Schatz versteckt sein soll.
Kreta - von der Minoischen Kultur zu den Piraten
Kreta ist in der ganzen Welt durch eine der ersten Hochkulturen der Menschheit, der Minoischen Kultur, bekannt. Doch dies ist bei Weitem nicht alles, mit dem die Insel an Historischem aufwartet. Kreta erlebte bis zur heutigen Zeit eine sehr wechselhafte Geschichte, die stark von Eroberung, Leid und Unterdrückung geprägt ist und dies nicht zuletzt wegen ihrer strategisch wichtigen Lage im Mittelmeer. Nicht nur die Mykener eroberten die Insel und lösten die Minoische Kultur ab. Es kamen viele andere Invasoren wie die Römer, die Byzantiner, die Araber und Berber aus Mauretanien, die Venezianer und die Osmanen (Türken) auf die Insel und gingen wieder. Durch die schon voll geladene, interessante Vergangenheit der Insel mit all ihrer Sagen- und Mythenwelt, geriet ein Teil der Geschichte Kretas fast in Vergessenheit. Kaum jemand bringt die Mittelmeerinsel heutzutage mit Piraten in Verbindung.
Die erste Siedlung der Piraten existiert noch heute auf der Insel
Bereits im 8. Jahrhundert überfielen arabische Piraten Kreta und bauten auf der Insel einen Stützpunkt. Sie nahmen die Siedlung „Kastro“ ein, die bereits zu der Zeit der Minoer existiert hatte, und befestigten diese mit ungebrannten Ziegeln. Dann zogen sie einen tiefen Graben um den Ort herum. Die Piratenstadt nannten sie „Rabdh el Khandak“, was nichts anderes als "Festung des Grabens“ bedeutet. Die „Geschäfte“ der Piraten entwickelten sich prächtig und der Sklavenhandel florierte in den Gassen der Piratenhochburg. 961 nach Christus hatten die Byzantiner die Überfälle und das Treiben auf der Insel satt. Sie eroberten die Stadt und die gesamte Insel und vertrieben die Piraten. Das einstige verruchte Piratennest „Rabdh el Khandak“ überdauerte die diversen Invasoren und ist heute die Hauptstadt Kretas Heraklion.
Belos, die Piratenbucht – eine Bucht wie aus „Fluch der Karibik“
Das Gerücht um den verschollenen Piratenschatz, hat jedoch seinen Ursprung in einer viel späteren Epoche, genau gesagt im Jahr 1828. Denn zu dieser Zeit wurde die Piraten auf ihrem Stützpunkt von den vereinten Seeflotten Englands und Frankreichs angegriffen und vernichtend geschlagen. Unter vorgehaltener Hand munkeln noch heute die Einheimischen, dass in der „Piratenbucht“ noch irgendwo ein Schatz versteckt sein soll. In den Landkarten ist diese Bucht als Bucht von Belos verzeichnet.
Eine Landschaft wie aus einem Piratenfilm
Im äußersten Nordwesten Kretas erstreckt sich eine Landzunge, besser gesagt, eine Halbinsel ins Ägäische Meer, Gramvoussa genannt. Die Halbinsel ist durch eine Lagune verbunden und kann vom Festland zu Fuß erreicht werden. Ab dem Dorf Kaliviani beginnt der mittelschwere Fußmarsch teilweise auf Schotterwegen und zum Teil auf einem unbefestigten Pfad (9 Kilometer) bis zum Strand. Und was man dort zu sehen bekommt, entschädigt einen für den beschwerlichen Marsch. Bereits von oben, bevor man mit dem Abstieg zum Strand beginnt – man muss um zur Bucht zu gelangen „einige“ Höhenmeter überwinden –, hat man einen hervorragenden Blick auf die traumhafte Lagune und der vor gelagerten Halbinsel. Das Meer leuchtet unter der südländischen Sonne türkisfarben. Die Landschaft rund um die Bucht scheint fast einem Piratenfilm zu entstammen. Sie erinnert einen vielmehr an die Südsee oder der Karibik, als an einen typischen Strand am Mittelmeer. Wer es gemütlicher und bequemer mag, kann sich auch per Boot oder Fähre zur Bucht und auf die Halbinsel übersetzen lassen. Die Boote gehen vom Hafen in Kissamos oder Kastelli ab.
Eine Burg der Venezianer wird zum Stützpunkt der Piraten
Ursprünglich war Gramvoussa der erste anzulaufende Hafen auf Kreta, den die Schiffe von der Adria oder besser gesagt von Venedig kommend anlaufen konnten. Außerdem verschaffte die Lage Gramvoussas den Venezianern den Vorteil, die Meerenge zwischen Westkreta und dem Peloponnes beobachten zu können. Daher entschieden sich die Venezianer, auf dem höchsten Punkt des steilen Felsens der Halbinsel eine Burg zu bauen. Die Festung galt als uneinnehmbar, ausgenommen sie würde ausgehungert oder von eigenen Leuten verraten werden. Letzteres geschah. Und so gelangte die Festung 1692 in die Hände der Osmanen, die die Burg noch mit 66 Kanonen ausstatteten. 1825 schafften dann kretische Freiheitskämpfer und Piraten, die sich als Osmanen verkleidet hatten, in die Festung zu kommen und diese einzunehmen. Gramvoussa entwickelte sich daraufhin zu einem regelrechten Seeräubernest.
Piraten kaperten in drei Jahren 155 Schiffe
Wegen der miserablen Lebensbedingungen auf der Insel blieb vielen Einwohnern, um zu überleben, nichts anderes übrig, als sich den Piraten anzuschließen und die Schiffe, die zwischen Gramvoussa und der Insel Antikythira fuhren, zu entern. Allein in der Zeit von 1825 bis 1827 brachten die Piraten 155 Schiffe auf, raubten deren Ladung und nahmen die Besatzungen und Passagiere gefangen. Diese massiven Übergriffe führten dazu, dass im Jahr 1828 die Seeflotten der Engländer und Franzosen vereint gegen die Piratenplage vorgingen und das gefürchtete Seeräubernest stürmten. An die 6.000 Gefangene der Piraten wurden dabei befreit. Die Piraten, die den Angriff überlebt hatten, wurden von Gramvoussa vertrieben oder gefangen genommen.
Gerüchte um den Piratenschatz aus Gold und Münzen halten sich hartnäckig
Reichtümer oder Schätze wurden bei der Erstürmung des Piratenstützpunktes nicht gefunden. Jedenfalls ist nichts davon bekannt. Doch wo waren all die Kostbarkeiten wie Gold, Edelsteine und Münzen, die die Seeräuber erbeutet haben sollen? Das Gerücht über die Existenz eines Piratenschatzes rund um Gramvoussa hält sich jedoch bis heute hartnäckig. Ob es tatsächlich einen Schatz gegeben hat, ist nicht erwiesen. Doch wie heißt es doch so schön: Hinter jedem Gerücht steckt ein Fünkchen Wahrheit. Auf jeden Fall - unabhängig davon, ob es einen Schatz gibt oder nicht – ist die Piratenbucht einen Besuch wert, schon allein wegen der traumhaften Landschaft.
Quellen
- ADAC Spezial Kreta, Ausgabe Nr. 7, März 1992, ADAC Verlag GmbH
- Reiseführer Kreta, Mediterraneo Editions, 2007
