
- Die Götter sind los! - The List
Auf die Frage, warum er überhaupt auf die Idee gekommen sei, den Mount Everest zu erklimmen, pflegte Sir Edmund Hillary zu antworten: „Weil er da ist.“ So - oder so ähnlich - verhält es sich auch mit den Filmen von Tarsem Singh: man sollte sie sich schon allein deswegen anschauen, weil es sie gibt.
Ein Leinwandpoet
Singh ist in Deutschland selbst unter Cineasten nicht unbedingt ein Begriff. Das ist schade, denn der Mann ist ein Garant für optische Genüsse, wie das Kino sie seit Peter Greenaway nicht mehr erlebt hat.
Ins Blickfeld rückte er erstmals als Regisseur des Videos zum Hit Losing My Religion der Erfolgsband R.E.M. Die darin bereits angekündigte Bildallgewalt setzte er 2000 fort mit dem Film The Cell, einem leicht science-fiction-mäßig angehauchten Psychothriller à la Schweigen der Lämmer, der sogar trotz eines wie immer fehlbesetzten Vince Vaughn und einer bisweilen arg beliebig zwischen Realität und Surrealem springenden Story zu überzeugen vermochte.
In seinem nächsten Film, The Fall aus dem Jahre 2006, war - neben der opulenten Perfektion - dieses zweite Markenzeichen Singhs wesentlich nachvollziehbarer dank eines genialen Drehbuchs, das Story und Metastory perfekt zu balancieren verstand, schauspielerischen Meisterleistungen von Lee Pace und der sensationellen Catinca Untaru, des nicht minder genialen Soundtracks (was, zugegeben, nicht allzu schwer war, stammte er doch von Beethoven höchstpersönlich) und einer berückenden Leichtigkeit der Handhabung sämtlichen Materials. Ohne Zweifel, The Fall ist und bleibt ein Meisterwerk, und so gab die Ankündigung, dass nach Wolfgang Petersen, Oliver Stone, Zack Snyder, Louis Leterrier und Kenneth Branagh nun auch Tarsem Singh Mythologie und Antike für sich entdeckt habe, Anlass zu schönsten Hoffnungen.
Sie werden nur teilweise enttäuscht.
Das Schlachtfest des Theseus
Die Geschichte ist schnell erzählt: König Hyperion (Mickey Rourke) möchte sich an den Göttern rächen, die seine Familie nicht gerettet haben, indem er die vor Äonen im Tartarus eingekerkerten Titanen mit Hilfe des von Hephaistos geschmiedeten Epirus-Bogens befreien und den Olympiern auf den Hals hetzen will. Zusätzlich zur Rache erhofft er sich dadurch auch noch eine neue Weltordnung zu etablieren. Gegen seine Pläne sind die Götter machtlos, ist es ihnen doch verboten in von den Menschen in Gang gesetzte Ereignissen einzugreifen, und so setzen sie alle Hoffnung auf Theseus (Henry Cavill), ein Bastard und Bauer, der zwar ein großartiger Kämpfer ist, es aber nicht sein will. Im Laufe des Films wird er durch widrige Umstände, einem grausamen Schicksal, einem durch eine wunderschöne Frau personifizierten Orakel (Freida Pinto), und dem obligatorischen alten Weisen (gespielt von dem mittlerweile in diesen Rollen ebenfalls obligatorischen John Hurt) eines Besseren belehrt. Am Ende besiegt er im Kampf um den Bogen einen zum Minotaurus stilisierten Kämpfer, im Kampf um die Freiheit eine ganze Armee und König Hyperion selbst im Kampf um die Rettung der Welt, wofür Zeus ihn mit der Aufnahme in den Olymp belohnt - vermutlich.
So weit, so gut. Oder auch nicht.
Die Welt seit 300
Denn um es vorweg zu sagen: auch Krieg der Götter kommt nicht aus ohne Blutbäder en masse, durch die Unmengen barbrüstiger, six-pack-bewährter Helden gegen gewaltige Monsterarmeen zu waten haben, in Verteidigung eines fast in Schwarz-Weiß am Rande des Abgrunds hängenden Hellas, das von Pauken und Trompeten (diesmal leider nicht von Beethoven) nur so hallt. (Das Bild ist inzwischen so vertraut, dass man sich fragt, ob es am Ende nicht die Eindringlichkeit solcher Projektionen ist, der wir es verdanken, dass Griechenland mittlerweile auch realiter nicht vom Rande dieser verdammten Klippen wegkommt.) Es mangelt auch nicht an kernigen Aussagen, die Helden und Götter, Bösewichter und Weise abwechselnd an den Mann bringen müssen, wenngleich keiner von ihnen sich in die Niederungen von Anthony Hopkins‘ Odin in Thor, Liam Neesons Zeus im Kampf der Titanen oder gar Lena Headeys Gorgo aus 300 begeben muss. Ja, Rourke, Hurt & Co. sinken auch, aber nichts ganz bis zu solchen Tiefen.
Trotzdem hat man auch hier das Gefühl, dass diesen nach Unsterblichkeit Greifenden etwas Esprit nicht geschadet hätte, wie sie auch durchaus für ein wenig Rhetorikunterricht Verwendung haben dürften. In Ermangelung sowohl des einen wie auch des anderen hätte man vielleicht sich einfach mit etwas Charaktertiefe begnügt, doch die scheint im momentanen Antike-Hype völlig out zu sein. Das ist bedauerlich, denn auch wenn die Darstellung eines leicht erregbaren Ares nicht zwingend nach Method-Acting schreit, so hätte man doch gern bei der einen oder anderen Figur gewusst, warum sie dies und das tut - oder überhaupt da ist.
Und dennoch…
Wenn man nun den Eindruck hat, das alles höre sich gar nicht gut an, so stimmt dies leider auffallend. Trotzdem vermag auch diesmal die schiere Kraft der Bilder Singhs, die Poesie seiner visuellen Sprache den Zuschauer zumindest für die Dauer des Spektakels in den Bann zu ziehen. Dabei hilft sicherlich, dass er viele der Fehler seiner Vorgänger vermeidet: das Blut spritzt, aber nicht in Zeitlupe, die Farben sind eher grau als Sepia und der Olymp ist - anders als Brannaghs Walhalla - dankeswerter Weise nicht wie eine Einkaufsmall in Dubai ausgestattet. Singh zitiert keine Comic-Ästhetik, sondern vielmehr Rodin und Dali, den Pergamon-Altar und am Ende gar Michelangelos gewaltiges Jüngstes Gericht aus der Sixtinischen Kapelle. Ein sich wild drehender Reigen höchster visueller Genüsse, der einen fast vergessen lässt, dass man auch hier die Antwort schuldig bleibt, was das Ganze eigentlich soll.
Am Ende hat man also nur ein paar tolle Bilder mehr gewonnen. Aber nach Achilles, Alexander, Leonidas, Perseus und Thor sucht nun auch Theseus noch immer einen (Film-)Autor. Und wenn er ihn nicht einmal in Tarsem Singh finden konnte, ist zu fürchten, dass er heutzutage für antike Helden vielleicht gar nicht zu finden ist.
Originaltitel: Immortals
Land, Jahr: USA 2011
Regie: Tarsem Singh
Darsteller: Henry Cavill, Mickey Rourke, John Hurt u. a.
Quellen:
