Krieg in Kroatien: Vor zwanzig Jahren fiel Vukovar

Vukovar: Die Spuren des Krieges sind noch sichtbar - Steffen Emrich
Vukovar: Die Spuren des Krieges sind noch sichtbar - Steffen Emrich
Am 18. November 2011 jährt sich der Fall von Vukovar zum zwanzigsten Mal. Es war der Höhepunkt eines in Europa so nicht mehr für möglich gehaltenen Krieges.

Am 18. November 2011 jährt sich der Fall von Vukovar als Höhepunkt eines in Europa nicht mehr für möglich gehaltenen Krieges zum zwanzigsten Mal. Der Austritt Kroatiens und Sloweniens aus dem jugoslawischen Gesamtstaat am 25. Juni 1991 war das Ergebnis der Unzufriedenheit dieser beiden Staaten mit der zunehmend autoritären und zentralistischen Politik der serbisch dominierten Führung in Belgrad. Man war in Laibach und Zagreb nicht mehr bereit, das brutale Vorgehen gegen die albanische Bevölkerung im Kosovo mit der eigenen Wirtschaftskraft zu finanzieren. Der Grundstein für die innenpolitischen Entwicklungen in Kroatien und Slowenien waren durch freie Wahlen im Frühjahr 1990 in beiden Republiken gelegt worden. Diese Wahlen bescherten den regierenden Kommunisten den Machtverlust und legitimierten neue, bürgerliche Regierungen.

Krieg als Antwort auf die Unabhängigkeitserklärungen Kroatiens und Sloweniens

Belgrad antwortete auf die Unabhängigkeitserklärungen mit dem Einsatz der Jugoslawischen Volksarmee (JNA), welche bereits am nächsten Tag mit Kriegshandlungen gegen Slowenien begann. Aufgrund des starken Widerstandes der slowenischen Territorialverteidigungskräfte (TO) sowie Massendesertionen slowenisch- und kroatischstämmiger JNA-Soldaten sah sich die Armee jedoch schon nach 10 Tagen genötigt, einem im Abkommen von Brioni ausgehandelten Waffenstillstand zuzustimmen.

Zu dieser Zeit waren aufständische Serben in den mehrheitlich serbisch besetzten Gebieten Kroatiens längst dabei, unter Vertreibung der ansässigen Kroaten ein „ethnisch reines“ serbisches Gebiet zu schaffen. Unterstützt wurden sie dabei von der politischen Führung in Belgrad, welche mit Vergleichen des neuen Kroatiens mit dem faschistischen Ustascha-Staat des Zweiten Weltkrieges die Angst unter der serbischen Bevölkerung schürte und so Zuspruch für ihre eigene großserbische Politik erhielt.

Der Frieden für Slowenien bedeutete Krieg für Kroatien

Vor diesem Hintergrund erwies sich der auf Brioni beschlossene Abzug der JNA aus Slowenien als fataler Fehler, denn die betroffenen Verbände der sich offiziell noch als neutral definierenden Armee befanden sich nun in Kroatien und stellten sich offen auf die Seite der serbischen Freischärler. In den Konfliktgebieten weiteten sich die Kämpfe weiter aus, erreichten Städte wie Karlovac und Sisak und näherten sich bedrohlich der Hauptstadt Zagreb. Angesichts der militärischen Übermacht gegenüber der noch schwach ausgebildeten kroatischen Nationalgarde zögerte Präsident Tudjman zunächst und rief erst Ende August die Generalmobilmachung Kroatiens aus. Zu diesem Zeitpunkt kontrollieren die serbischen Separatisten schon ein Drittel des kroatischen Staatsgebietes, die ostslawonische Donau-Grenzstadt Vukovar wurde bereits systematisch bombardiert.

Im September wird Vukovar von Truppen der JNA sowie serbischen Freischärlern angegriffen, es beginnt eine zwei Monate dauernde Belagerung. Während der Belagerungszeit wird die Stadt nahezu dem Erdboden gleichgemacht. Neben gepanzerten Fahrzeugen wird dabei massiv Artillerie eingesetzt. Am 18. November 1991 fällt Vukovar, unvergessen sind die Fernsehbilder, in denen betrunkene Tschetniks mit der Sljivovic-Flasche in der Hand die in der Stadt verbliebenen Zivilisten durch die völlig zerstörten Straßen treiben. Dazu die Ansprache der JNA-Führung vor Ort, dass man Vukovar nun endlich „von den Faschisten befreit“ habe. Viele der ca. 2.000 noch in der Stadt anwesenden Menschen hatten sich in das städtische Krankenhaus geflüchtet. Dort nahmen Soldaten der JNA sowie der serbischen Paramilitärs am 20. November 1991 300 Personen gefangen und trieben sie zur nahe gelegenen Schweinefarm Ovcara. 100 von ihnen wurden auf Ortschaften in der Umgegend verteilt, die übrigen 200 wurden am 24. November erschossen und in einem Massengrab verscharrt. Heute erinnert die Gedenkstätte Ovcara an das Massaker von Vukovar.

Quellen:

"Eine fürchterliche Tragödie"; Der Spiegel, Nr. 48/1991

Euronews vom 27.09.2007

A. Rüstau, A. Rüstau

Alexander Rüstau - Diplom-Staatswissenschaftler und Diplom-Finanzwirt als freier Autor tätig seit 2007, für Suite101 seit April ...

rss