
- Cover von Jorinde und Joringel (1986) - Icestorm Entertainment GmbH
"Es war einmal ein großer Krieg, und als der Krieg zu Ende war, bekamen viele Soldaten ihren Abschied": Der Krieg, das zeigt exemplarisch der Beginn des Grimmschen Märchens "Bruder Lustig", zählt in der traditionellen Volkserzählung zu den "thematischen Selbstverständlichkeiten" (Lehmann). Klingt hier das Schicksal eines abgedankten Soldaten an, wie auch in "Das blaue Licht" (Grimm) oder "Sechse kommen durch die ganze Welt" (Grimm), so werden in anderen Märchen junge Männer in den Krieg geschickt, wenn sie als Freier einer Prinzessin "nicht erwünscht" (Lehmann) sind – auch in der Hoffnung, dass sie nie mehr zurückkehren.
Ist der Krieg in den Märchenvorlagen demnach eine "schicksalhafte Erfahrung" (Lehmann), die oftmals weder hinterfragt noch kritisch bewertet wird, so kommt ihm im Märchenfilm eine Bedeutung zu: Krieg – aber vor allem auch die Hoffnung auf dauerhaften Frieden – müssen hier sinnfällig in die märchenhafte Handlung eingebunden werden. Mitunter werden die klassischen Märchenvorlagen zu filmischen "Antikriegsgeschichten" (Schmitt) – in denen pazifistische Botschaften dramaturgisch klug, aber trotzdem nicht plakativ eingebunden werden: Der Märchenfilm als leidenschaftliches Plädoyer für Frieden?
"Das blaue Licht" (2010): Soldaten als traumatisierte Märchenhelden
Was (im Märchen) der Krieg aus den Soldaten macht, versucht Eugen Drewermann in "Heimkehrer aus der Hölle: Märchen von Kriegsverletzungen und ihrer Heilung" (2010) zu deuten. Am Beispiel der drei Grimmschen Erzählungen "Das blaue Licht", "Der Bärenhäuter" und "Des Teufels rußiger Bruder" zeigt der Theologe, wie Soldaten als traumatisierte Märchenhelden in ein alltägliches und normales Leben zurückfinden wollen – und das vor dem aktuellen Hintergrund des Bundeswehreinsatzes im Afghanistan-Krieg. Auch der Märchen- und Kinderfilm hat zwei dieser drei Soldatenmärchen bereits für sich entdeckt und adaptiert.
Beispielsweise die jüngste Verfilmung "Das blaue Licht" (2010, R: Carsten Fiebeler, BRD): Der abgedankte Soldat Jakob (Christoph Letkowski) ist ein Wrack von einem jungen Mann: verwundet, ausgemergelt, ausgehungert. Und darüber hinaus vom König (Reiner Schöne) um den Sold betrogen. Der Märchenfilm kann hier zwar keine direkten Bezüge zu Kriegen in der Gegenwart aufzeigen, aber er beantwortet gleichnishaft andere Fragen, wer allein vom Krieg profitiert (König) und welche Ziele wirklich erreicht werden sollen (Vergrößerung des Territoriums, Machterhalt). Soldaten, wie Jakob, werden im Krieg nur verheizt.
"Der Bärenhäuter" (1986): Krieg trifft vor allem Bevölkerung
Eine pazifistische Botschaft erreichen auch die DEFA-Märchenfilme "Das blaue Licht" (1976, R: Iris Gusner, DDR) – und "Der Bärenhäuter" (1986, R: Walter Beck, DDR): Am Beginn des Märchenfilms zieht es den Soldaten Christoffel (Jens-Uwe Bogadtke) nach Hause. Der Krieg hat aus seiner Heimat ein Trümmerfeld gemacht – und von seiner Familie sind nur Grabsteine geblieben. Krieg wird hier in eindringlichen Bildern mit Zerstörung, Tod und Trauer assoziiert – der vor allem die Bevölkerung trifft. Doch nicht nur vorhandene Ansätze in Märchenvorlagen, die Krieg und seine Folgen thematisieren, werden dramaturgisch genutzt.
"Jorinde und Joringel" (1986): Lovestory und Antikriegsgeschichte
Erfahrungen mit Krieg und damit verbundener Gewalt werden auch neu in die Handlung aufgenommen. Ein Beispiel ist der DEFA-Film "Jorinde und Joringel" (1986, R: Wolfgang Hübner, DDR): Die Grimmsche Geschichte vom Mädchen Jorinde, das von einer Zauberin in eine Nachtigall verwandelt und von ihrem Freund Joringel mit einer Blume erlöst wird, ist zeitlich und historisch nicht festgelegt. Diese Raum- und Zeitlosigkeit nutzen die Drehbuchschreiber Wera und Claus Küchenmeister und verlegen die Handlung in die Zeit des 30-jährigen Krieges (1618 bis 1648): Eine dreiköpfige Familie ist auf der Flucht vor den Kriegswirren.
Sie finden in einem zerstörten Dorf einen kleinen Jungen, allein zurückgelassen. Sie nehmen ihn mit – und nennen ihn Joringel, weil ihre Tochter Jorinde heißt. Der Schrecken des Krieges wird hier nicht nur mit Kriegswaisen, sondern auch mit brutalen Landsknechten bildlich umgesetzt, die nicht vor Verbrechen, wie Mord und Vergewaltigung, zurückschrecken. "Jorinde und Joringel" wird so zur mahnenden "Antikriegsgeschichte" (Schmitt). Denn: Die Schreckensbilder im Märchenfilm lassen sich gleichwohl als Spiegelbild aktueller kriegerischer Auseinandersetzungen begreifen – wenn auch zu drastisch: "Jorinde und Joringel" ist erst ab zwölf Jahren freigegeben.
"Die Geschichte vom kleinen Muck" (1953): Volk zerreißt Kriegserklärung
Eine wesentlich Kind gerechtere Umsetzung des Themas zeigt dagegen ein früher DEFA-Märchenfilm. Für "Die Geschichte vom kleinen Muck" (1953, R: Wolfgang Staudte, DDR) wird in die Handlung zusätzlich eine Episode eingefügt, die sich einem pazifistischen Grundgedanken verpflichtet sieht: Muck (Thomas Schmidt) muss als Oberleibläufer des Sultans (Alwin Lippisch) dem Nachbarland eine Kriegserklärung überbringen. Das einfache Volk reagiert entsetzt auf einen möglichen Krieg: Der Ausdruck in den Gesichtern der Menschen lässt Schlimmes erahnen. Gemeinsam wird deshalb die Kriegserklärung unter lautem Jubel mutig zerrissen.
Regisseur Staudte und Co-Autor Peter Podehl zeigen hier Gespür für die Zeit: Acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges binden beide direkt die Erinnerungen der damaligen Zuschauer ein. Heute ist der Mut und das Selbstbewusstsein des Volkes im Märchenfilm bemerkenswert, das sich vom hörigen Befehlsempfänger zum mündigen Befehlsverweigerer wandelt – und aufbegehrt. Daher ist dieser Zusatz, der bei Wilhelm Hauff nicht zu finden ist, durchaus eine erzählerische und pazifistische Bereicherung der Märchenvorlage. Eher auf einen Krieg vorbereitend als diesen kritisch hinterfragend ist dagegen eine NS-Adaption aus dem Jahr 1939.
"Schneewittchen und die sieben Zwerge" (1939): Vater zieht in den Krieg
In dem Märchenfilm kommt dem Vater der schönen Königstochter, deren Stiefmutter versucht, sie dreimal zu töten, eine größere Bedeutung zu. Heißt es bei den Grimms über den königlichen Vater nur: "Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin (...)", so wird er in "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (1939, R: Carl Heinz Wolff, D) als Nebenfigur integriert. Als Schneewittchen (Marianne Simson) 18 Jahre wird, muss der König (Walter Kynast) in den Krieg ziehen, um sein Land zu verteidigen. Schneewittchen, aus Angst mit der Stiefmutter (Elisabeth Wendt) allein zu bleiben, will seinen Vater zurückhalten.
Kritisch ist nicht, dass der Vater entgegen der literarischen Vorlage zusätzlich ins Figurenensemble aufgenommen wird. Es erscheint sinnvoll, seine blasse Rolle bei den Grimms auszufabulieren und dieser stärkeres Gewicht zu verleihen. Entscheidend ist vielmehr, dass er nur auf die Rollen als oberster Feldherr und pflichtbewusster Verteidiger seines Landes reduziert wird – und das in einem Jahr, in dem das "Dritte Reich" mit dem Überfall auf Polen einen Weltkrieg beginnt. "Schneewittchen und die sieben Zwerge" zeigt demnach, dass Märchenfilme nicht nur pazifistische, sondern auch militärische Tendenzen in sich tragen können – ohne dass sie hinterfragt werden.
Literatur:
- Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Stuttgart, 2007
- Lehmann, Albrecht: Krieg, in: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 8, Berlin/New York, 1996
- Schmitt, Christoph: Adaptionen klassischer Märchen im Kinder- und Familienfernsehen. Frankfurt/Main, 1993
