Kriegsinvalide im Ersten Weltkrieg 1914-1918

Grundlagen und Dimensionen im industrialisierten Krieg

Acht Millionen Kriegsinvalide forderte der Erste Weltkrieg, Kriegsopfer, deren Verwundungen oft grausam und unmenschlich waren; ihr Schicksal war selten thematisiert.

Manchenorts begann der Erste Weltkrieg euphorisch, trotz aller Sorgen, und er sollte ja auch – so war es versprochen worden – nicht lange andauern, bis Weihnachten längstens. Der Aufmarsch erfolgte per Bahn, und das mitgeführte Kriegsgerät schien auf dem neuesten technischen Stand. Schwere Geschütze waren dabei, von Besatzungen bedient, die, oft kilometerweit vom Feind entfernt, kaum noch Augenzeugen des blutigen Sterbens auf dem Schlachtfeld waren, das ihre Kanonen und Haubitzen erzeugten. So schien der Krieg zu einer einigermaßen distanzierten, sauberen Angelegenheit geworden zu sein, zu einer Frage von Industrie und Technik eher. Die blutigen Gemetzel früherer Kriege hingegen, bei denen im Nahkampf Mann gegen Mann auf eng begrenzten Schlachtfeldern das Morden allgegenwärtig war, schienen Vergangenheit.

Zur „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts

Der Weltkrieg sollte pauschal gesagt alle hergebrachte Ordnung auf den Kopf stellen. Frauen, bis dahin weitgehend auf den engen Wirkungskreis von Kindern, Kirche und Küche beschränkt, wurden plötzlich – wenn auch nur für wenige Jahre – zu Stützen der Volkswirtschaft. Beamte und Angestellte, die bislang zu den privilegierten Schichten der Gesellschaft gezählt hatten, verarmten weitgehend. Breite Schichten der städtischen Bevölkerungen wurden Hunger und Krankheit preisgegeben, und schließlich verloren auch die alten Eliten, der grundbesitzende Adel und das preußische Offizierskorps, ihr hergebrachtes Prestige. Kurzum: die Legitimität des autoritären Nationalstaats brach am Ende der Zeit unter den Prüfungen des Krieges zusammen. Nach 1918 dann versank Europa in Chaos und Anarchie. Massenarbeitslosigkeit, galoppierende Inflation und wirtschaftliche Stagnation wurden zu Phänomenen, die im Deutschen Reich zur politischen Radikalisierung gerade der bürgerlichen Bevölkerungsschichten führten und letztlich das Dritte Reich mit vorbereiten halfen.

Vom „humanen“ Krieg

Von alledem aber wusste man bei Kriegsbeginn noch nichts. Im Gegenteil ging die Fachwelt in der Vorkriegszeit sogar davon aus, dass der industrialisierte Krieg deutlich humaner werden würde, als die Kriege in der Geschichte bislang. „Kriege, wenn man so sagen darf, werden immer harmloser“ hieß es in einem Zeitschriftenbeitrag der „Umschau“ aus dem Oktober 1914. Der Grund dafür lagen sozusagen klar auf der Hand: Die Neuerungen in der Waffentechnik, vom „humanen“ weil kleinkalibrigen Mehrladegewehr bis hin zu angeblich bloß strategisch eingesetztem Trommelfeuer seien in ihrer zerstümmelnden Wirkung längst nicht mehr mit den furchtbaren, eher handwerklichen Angriffswaffen vergangener Kriegtage zu vergleichen. Kurzum, der Krieg sei zu einer einigermaßen sauberen Angelegenheit geworden, zu einer Frage von Industrie und Technik eher, als zu einer Gefahr für Leib und Leben. Vor allem aber, und das war das schlagende Argument, würde der Waffentechnik in diesem Kriege eine vorbildliche Militärmedizin gegenüberstehen. „Das ist der beste Beweis dafür, daß das so seltsam erscheinende Wort vom humanen Krieg Berechtigung hat, weil unsere Zeit die Wunden, die sie geschlagen, auch zu heilen weiß“, hieß es in der bereits erwähnten Zeitschrift (Die Umschau).

Kriegsbeschädigung als ethisches Problem

Nun schlug die Zeit allerdings reichlich viele Wunden – im Januar 1915 schätzte man die Anzahl der mittlerweile Kriegsbeschädigten allein in Deutschland auf rund 30.000, und das war lange vor den großen Materialschlachten der Jahre 1916 bis 1918 (Bernd Ulrich). Damit war die deutsche Gesellschaft – und nicht nur sie allein – mit einem Problem von denkbar größter ethischer Bedeutung konfrontiert, das allzu rasch auch wirtschaftliche Bedeutung bekam, weil der Staat, der seine Söhne hier wie Schlachtvieh an die Fronten in Ost und West schickte, kaum bereit war, sich ihrer auch noch anzunehmen, wenn sie nicht länger kriegsverwendungsfähig waren.

Acht Millionen Kriegsinvalide 1914-1918

Das Problem der so genannten „Kriegskrüppel“ betraf alle Kriegführenden Nationen gleichermaßen. Rund 20 Millionen Menschen wurden zwischen 1914 und 1918 schwer verwundet, acht Millionen kehrten als Invalide zurück. „Augenzeugenberichte machen deutlich, daß diese Männer Verletzungen hatten, wie sie schlimmer niemals in einem Krieg gesehen wurden. Schrapnelle explodierender Granaten zerfetzten Fleisch und Knochen ... Unter ständigem Granatfeuer und umgeben von allgegenwärtigem Sterben verloren nicht wenige Männer den Verstand, während sich andere nach Monaten in rattenverseuchten Schützengräben schwächende Krankheiten zugezogen hatten: Krankheiten, die ihnen den Atem nahmen und ihre Leben verkürzten. Sechs Millionen Kinder wurden durch diesen Krieg zu Waisen; vermutlich weitere drei Millionen mußten mit ansehen, wie ihre Väter zu Hause starben. Es gab kaum eine Familie, die vom Horror des industriellen Krieges verschont blieb" (Deborah Cohen).

Literatur

K. Biesalski, Die ethische und wirtschaftliche Bedeutung der Kriegskrüppelfürsorge und ihre Organisation im Zusammenhang mit der gesamten Kriegshilfe. Vortrag Hamburg 1915, Beilage zur Zeitschrift für Kriegskrüppelfürsorge, 8/1915/16.

Deborah Cohen, Kriegsopfer, in: Der Tod als Maschinist. Der industrialisierte Krieg 1914-1918, hg. v. Rolf Spilker und Bernd Ulrich, Ausstellungskatalog, Bramsche 1998.

Ewald Frie, Vorbild oder Spiegelbild? Kriegsbeschädigtenfürsorge in Deutschland 1914-1919, in: Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, hg. v. Wolfgang Michalka, München 1994, S. 563-580.

Bernd Ulrich, „... als wenn nichts geschehen wäre“. Anmerkungen zur Behandlung der Kriegsopfer während des Ersten Weltkrieges, in: Gerhard Hirschfeld u.a., (Hg.), Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch, Essen 1993.

Sind die Kriege gefährlicher geworden? in: Die Umschau, 18 (1914).

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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