Kriegsinvalidität und Kriegsmedizin 1914-1918

Orthopädie, Psychologie und berufliche Integration

Das schwere Schicksal der Kriegsinvaliden wurde während des Ersten Weltkrieges kaum gewürdigt. Statt dessen sollten sie wieder für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden.

Der Erste Weltkrieg forderte nicht nur Millionen von Kriegstoten sondern auch eine Unzahl von Kriegsbeschädigten. Letztlich galt es, das „Kriegskrüppelproblem“ auf dreierlei Arten in den Griff zu bekommen: durch orthopädische und psychologische Herangehensweisen gleichermaßen sowie durch die möglichst rasche Integration der Kriegsversehrten in die Arbeitswelt, übrigens auch, um denkbare Rentenzahlungen einzusparen. Überspitzt gesagt sollte es Kriegsbeschädigte eigentlich gar nicht geben, und dabei war dem Glauben an das, was technisch möglich sein sollte, offenbar keine Grenze gesetzt.

Über die „möglichste Entkrüppelung aller Gebrechlichen

Noch im Januar 1915 setzte eine Folge oft bebilderter Presseberichte ein, in denen es im wesentlichen darum ging, die „möglichste Entkrüppelung aller Gebrechlichen“ für das Publikum zu dokumentieren. Gezeigt werden sollte also, dass man letztlich jedes Kriegsversehrtengebrechen durch orthopädische Mittel und Methoden aufheben könnte, oder überspitzt gesagt: Es ging um den Nachweis, dass es letztlich keine Kriegskrüppel gibt, weil es mit Hilfe der Orthopädie möglich sein würde, jedes Handicap auf technischem Wege zu beseitigen.

Eine nicht abreißende Bilderfolge untermalte den Text – „ob nun mit teils skurrilen Prothesen ausgerüstete Arm- und Beinamputierte Turnübungen vorführten oder gezeigt wurde, wie der armlose Postbeamte mit der „Fischerschen Klaue mit Schraubvorrichtung“ auch weiterhin den Federhalter rühren konnte“ (zitiert nach Bernd Ulrich). Was man letztlich sah war dies: Den Menschen, hier den durch den Krieg versehrten Körperbehinderten, der durch bloßen Technikeinsatz wieder funktionstüchtig wurde. Kurzum, hier wurde der Körper industrialisiert, und zwar nicht allein mit der Zielsetzung, trotz Behinderung auch fürderhin ein erfülltes Leben leben zu können. Zielsetzung war vielmehr die technische Überwindung irgendeiner Behinderung und ihre gänzliche Beseitigung durch möglichst bruchlose Rückführung des Kriegsversehrten in seinen bisherigen Wirkungskreis zwischen Familie, Nachbarschaft und Arbeitsplatz, für den er technisch betrachtet zunächst einmal funktionstüchtig gemacht werden sollte.

Berufliche Integration der Kriegsinvaliden

Dass der Mensch schlichtweg würde repariert und die Narben des Krieges damit abgeschliffen werden können, fußte auf den Vorkriegserfahrungen in der damals so genannten „Krüppelfürsorge“. 138 private „Krüppelheime“ existierten vor 1914 im Deutschen Reich. Sie waren im wesentlichen der Aufgabe gewidmet, „durch orthopädische Behandlung, Erziehung und Handwerkslehre krüppelhafte Kinder erwerbsfähig zu machen“ (Konrad Biesalski). Darauf aufbauend wurde die berufliche Reintegration der Invaliden zur eigentlichen Ziellage der deutschen Kriegsbeschädigtenfürsorge.

Die Rückführung selbst schwerstbeschädigter Veteranen in den Arbeitsprozess und, wo immer möglich, in ihre ursprünglichen Berufe war von Beginn des Krieges an das ausgesprochene Ziel der Verantwortlichen. Diese Zielvorstellung war einerseits ein moralisches Unterfangen, das jedoch andererseits stark von praktischen Überlegungen bestimmt war. Das Reich konnte sich die kriegsversehrten Veteranen schlicht nicht leisten, ebenso wenig wie es sich leisten konnte, auch nur einer Minderheit staatliche Anstellungen zu geben“ (Deborah Cohen). Wirtschaftliche Notwendigkeit auf der einen Seite und die Grundidee, dass allein die berufliche Reintegration den Kriegsinvaliden auf Dauer gesellschaftliche Akzeptanz geben könnte auf der anderen Seite bestimmten die weitere Zielrichtung in der Beschädigtenfürsorge.

„Eiserner Wille“ soll das „Krüppeltum“ überwinden

In diesem Sinne zogen Staat, Psychologie und Orthopädie fortan an einem Strang. Sie wurden unterstützt vor allem auch von den zeitgenössischen Medien. Deren Auftrag bestand im wesentlichen in der Vermittlung der Botschaft, dass es kein „Krüppeltum“ mehr gebe, weil medizinischer Fortschritt auf der einen und der „eiserne Wille“ der Betroffenen auf der anderen Seite jede Behinderung überwinden, sie gegenstandslos, ja inexistent werden lassen könnte. Entsprechende Pressekampagnen, Wanderausstellungen und so genannte „Aufklärungsschriften“ waren die Folge, bei denen es auch schon mal etwas drastischer zugehen durfte. In der „Umschau“, jenem populärwissenschaftlichen Technikmagazin, das ja bereits verschiedentlich herangezogen wurde, fanden sich im Jahre 1916 etwa auch Abbildungen einigermaßen dramatischer frischer Kiefer- und Gesichtsverletzungen. In acht Davor-Danach Sequenzen wurden die „schönen Erfolge plastischer Operationen“ dokumentiert, die dann aber so erfolgreich doch nicht waren, schlichtweg ihrer Defizite in ästhetischer Hinsicht wegen. Selbst die Umschau konnte am Beispiel des eigenen Probanten nicht leugnen, dass „die Harmonie des Antlitzes zerrissen (und) das Kaugeschäft beeinträchtigt“ sei (zitiert nach Bernd Ulrich). Im Hinblick auf das Ziel der bruchlosen beruflichen Reintegration blieb noch zu vermelden, dass mit solchen Handicaps natürlich kaum einer Arbeit im öffentlichen Raum nachgegangen werden könnte.

Literatur

K. Biesalski, Die ethische und wirtschaftliche Bedeutung der Kriegskrüppelfürsorge und ihre Organisation im Zusammenhang mit der gesamten Kriegshilfe. Vortrag Hamburg 1915, Beilage zur Zeitschrift für Kriegskrüppelfürsorge, 8/1915/16.

Deborah Cohen, Kriegsopfer, in: Der Tod als Maschinist. Der industrialisierte Krieg 1914-1918, hg. v. Rolf Spilker und Bernd Ulrich, Ausstellungskatalog, Bramsche 1998.

Ewald Frie, Vorbild oder Spiegelbild? Kriegsbeschädigtenfürsorge in Deutschland 1914-1919, in: Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, hg. v. Wolfgang Michalka, München 1994, S. 563-580.

Bernd Ulrich, „... als wenn nichts geschehen wäre“. Anmerkungen zur Behandlung der Kriegsopfer während des Ersten Weltkrieges, in: Gerhard Hirschfeld u.a., (Hg.), Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch, Essen 1993.

Sind die Kriege gefährlicher geworden? in: Die Umschau, 18 (1914).

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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