Kriegskochbücher, Fletschern und Steckrüben

Propaganda statt Brot im Ersten Weltkrieg

Kartoffelknappheit auf der Kriegspostkarte - Sammlung Giesbrecht
Kartoffelknappheit auf der Kriegspostkarte - Sammlung Giesbrecht
Absurde Ernährungstipps wie das so genannte "fletschern", Kriegskochbücher und Propaganda für Steckrübengerichte sollten den Durchhaltewillen der Bevölkerung stärken.

Die Ernährungskrise des Ersten Weltkrieges sollte Hunderttausende zivile Opfer fordern. Nahrungsmangel, einseitige Ernährung und auch die Qualitätsverschlechterung der Lebensmittel an sich führten vielfach zu gesundheitlicher Zerrüttung. Der staatliche Wirtschaftdirigismus wiederum zeigte sich als untaugliches Mittel, der Nahrungskrise Herr zu werden. Was blieb war eine hilflose Ernährungspropaganda, die sich gelegentlich ins Absurde steigerte und schließlich nahezu kontraproduktiv wirkte.

Ernährungstipps bei Kriegsausbruch

Die Umstellung der tradierten Ernährungsgewohnheiten forderte von der Hausfrau ein hohes Maß an Veränderungsbereitschaft in ihrer Haushaltsführung, nicht nur die Hauptmahlzeiten betreffend. Brötchen solle man künftig nur noch zum Frühstück verzehren, „zum Mittag und Abendessen dagegen Großbrot aus Roggen- oder Roggen- und Weizenmehl. Man lasse ab von der weit verbreiteten unsinnigen Verschwendung, bei Zwischenmahlzeiten nur Brot mit Fettbelag zu essen. Brot allein reicht auch aus oder Brot mit Obst oder Marmelade“.[1] Insbesondere im Hinblick auf Fleisch- und Fettersparnis sollten Kinder bis zum fünften Lebensjahr grundsätzlich vegetarisch ernährt werden, um das ersparte Fleisch den Eltern zuzuführen, die ihren Fleischverbrauch allerdings ebenfalls reduzieren sollten.[2] Im Mittelpunkt der Mittagsmahlzeit sollten in erster Linie Gemüse stehen, die statt mit Fleisch und Fett, künftig mit großen Mengen Kartoffeln und geringen Teilen fettem Fleisch als Geschmacksverstärker angereichert werden sollten. Auch Mehlspeisen, Reis und Nudeln, „die namentlich in Norddeutschland noch lange nicht den Platz einnehmen, der ihnen gebührt“, könnten anstelle der üblichen Fleischgerichte als Mittagsmahlzeit dienen.[3]

Die hohe Zeit der Kriegskochbücher

Zur Aufklärung der Hausfrauen erschienen noch 1914 verschiedene Kriegskochbücher, deren erstes vom „Reichseinkauf“ herausgebracht und den Stadtverwaltungen in hoher Auflage kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.[4] Zusammen mit dem von Hedwig Heyl, der Vorsitzenden der Zentralstelle des Nationalen Frauendienstes, verfassten Kochbuch[5] fand es in Oldenburg weiteste Verbreitung, sicherlich auch der rührigen Werbetätigkeit Willa Thorades wegen. Die im gemeinwirtschaftlichen Denken ungeübte Hausfrau, so Thorade, bedürfe zur kriegsmäßigen Umstellung einer praktischen Anleitung.[6] Heyls „Kleines Kriegskochbuch“ biete neben einigen erläuternden Abschnitten über das Kochen und Braten, mit der Kochkiste, in Kochbeuteln und im Kochofen, noch eine Vielzahl kriegsmäßiger Rezeptvorschläge. „So finden wir z.B. eine ganze Reihe von Gemüsesuppen; wir sehen die Morgensuppe von Roggenmehl oder Haferflocken wieder zu Ehren gebracht; wir lernen die mannigfaltigsten Gerichte aus Kartoffeln allein oder in Verbindung mit Gemüse, Fleisch oder Obst herstellen, erfahren, wie aus gehacktem Fleisch und Hafergrütze oder Kartoffeln Klops verschiedener Art entstehen, finden Anleitung zur Bereitung von Gerichten aus Roggenbrot, Roggen und Buchweizenmehl“.[7] Das „Kriegskochbuch“ wiederum sei vielleicht noch mehr als die Heylsche Arbeit auf den Krieg zugeschnitten und beide Bücher zusammen würden der Hausfrau sicher helfen, „um, wie Frau Altmann-Gottheiner sagt, >das gefährdete Schifflein ihrer eigenen Wirtschaft glücklich durch den Sturm des Krieges zu lenken<“.[8]

„Fletschern“ statt essen

In den folgenden, von zunehmender Verknappung und Rationierung gekennzeichneten Monaten steigerte sich die Ernährungspropaganda noch weiter. Seit dem Sommer 1916 warb man im Sinne weiterer Nahrungsmittelersparnis für ein nach dem amerikanischen Arzt Fletscher benanntes Ernährungsverfahren, dem zufolge 30 Bissen, die etwa 2.500 Kauakte innerhalb von 30 Minuten benötigten, den Appetit vollkommen befriedigen würden. Die Unsinnigkeit der Methode leuchtete jedermann ein. „Denn nach dem Naturgesetz müssen jedem Menschen soviel Nährmittel zugeführt werden, wie er entweder durch Wachstum oder durch körperliche Bewegung verbraucht, wenn Wachstum und körperliche Kraft nicht zurückgehen sollen“, beschwerte sich ein Leser.[10] So wenig derlei obskurer Verbrauchertipps wie das „Fletschern“ die Mangelversorgung in den Städten beseitigen konnten, so aufreizend wirkten sie auf die ohnehin schon „gespannte Stimmung unter der Zivilbevölkerung“.[11]

Steckrübenpropaganda

Je knapper die Nahrung und je zwingender der Einsatz von Ersatzlebensmitteln wurde, desto intensiver geriet ihre Propagierung, bis sie sich schließlich ins gänzlich Absurde steigerte. So etwa in der Propaganda für Steckrüben, die im Kriegswinter 1916/17 die fehlenden Kartoffeln ersetzen sollten und nachgerade überschwänglich angepriesen wurden, obwohl sie, als ausgesprochene Armenkost bekannt, weithin Abscheu erweckten. Steckrüben seien haltbarer, bequemer zu verarbeiten und billiger als Kartoffeln, dazu extrem nährstoff- und eiweißhaltig, als eigenständiges Gericht ebenso geeignet wie als ständige Beilage zu Mischgemüse. Ja selbst Gebäck ließe sich aus Steckrüben herstellen, berichteten die Nachrichten Anfang des Jahres 1917, als die Kartoffelknappheit dramatische Ausmaße erreichte.[12] Auch der Hausfrauenverein präsentierte anlässlich einer Ausstellung am 30. Januar 1917 Steckrüben in jeder Form, als Steckrübenfrikadellen etwa oder als Steckrübenmarmelade mit Johannisbeersaft bzw. Aprikosenzusatz. Sämtliche Rezepte wurden schließlich in den Nachrichten veröffentlicht.[13] Tatsächlich aber weckte die verschiedenen Varianten von „Kriegsmus“ einfach nur Ekel – und Steckrübengerichte blieben bis heute ein Synonym vor Mangel und Not.

Quellen

[1] Die deutsche Volksernährung und der englische Aushungerungsplan, hg. v. Paul Eltzbacher, Braunschweig 1914, S. 173.

[2] Vgl. Carl Oppenheimer, Ärztliche Ratschläge. a) Volksernährung im Kriege, in: Kriegsbüchlein für das Deutsche Haus, hg. v. Georg Baum, Stuttgart 1914, S. 153.

[3] Ebenda, S. 155.

[4] O.V. Kriegskochbuch, in: Best. 262-1J Nr. 39. Die Urheberschaft ist in der Schrift selbst verschwiegen. In einem mit „Vertraulich“ überschriebenen Begleitbrief vom 23.12.1914 bat die „Reichseinkauf“ weder als Verfasser noch als Verbreiter des Kriegskochbuches benannt zu werden, „um Mißdeutungen zu vermeiden“.

[5] Vgl. Heyl, Kleines Kriegskochbuch

[6] Vgl. Willa Thorade, Ein kleines Kriegskochbuch von Hedwig Heyl, in: Nachrichten, 08.01.1915.

[7] Ebenda.

[8] Ebenda.

[9] Vgl. Best. 262-1J, Nr. 39, Schriftwechsel Magistrat / ZEG., Januar bis April 1915.

[10] Ebenda, Nr. 106, 20.04.1917, S. 193.

[11] Roerkohl, Hungerblockade, S. 213.

[12] Vgl. Nachrichten, Nr. 9, 10.01.1917, S. 78.

[13] Vgl. Ebenda, Nr. 30, 31.01.1917, S. 267.

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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