Krimi oder Thriller?

Ein Interview mit Andreas Izquierdo

Andreas Izquierdo - Petra Stock
Andreas Izquierdo - Petra Stock
Kriminalroman, Kriminalgeschichte, Detektivgeschichte, Thriller, Psychothriller - die verschiedensten Begriffe schwirren im Krimigenre herum und sorgen für Verwirrung.

Es ist nicht immer leicht, einen Krimi beim Namen zu nennen. Zu viele verschiedene Definitionen kursieren in Fachbüchern und im Web. Höchste Zeit, einen Experten auf dem Gebiet der Krimiliteratur zu interviewen, der Ordnung in die Begriffswelt der Krimlandschaft bringen kann: Der Kölner Kriminalschriftsteller Andreas Izquierdo ist erfolgreicher Autor von (Kriminal)Romanen, schreibt Drehbücher für das deutsche Fernsehen und ist designierter Sprecher des Syndikats, der Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur. Schon seit vielen Jahren befasst er sich auch mit der Theorie von Kriminalliteratur.

Was ist ein Kriminalroman?

Wenn wir den Kriminalroman als Oberbegriff für alle Texte nehmen, in denen Verbrechen eine Rolle spielt, würde ich ihn grundsätzlich in zwei Gattungen unterteilen: Die Kriminalgeschichte erzählt von der Genese eines Verbrechens. Das heißt: der Täter steht von Anfang an fest (oder man erahnt ihn), wir wissen nur nicht, warum er das Verbrechen begangen hat. Die Detektivgeschichte erzählt von der Aufklärung eines Verbrechens. In aller Regel ist das Verbrechen geschehen, meist muss hier der Tod einer Person geklärt und die Zusammenhänge hergestellt werden.

Was ist ein Thriller?

Ein Thriller, aus dem Englischen übersetzt: Schauerroman, handelt von einer Person, die durch Zufall oder böses Spiel in eine Geschichte gezogen wird, wo sie von übermächtigen Gegnern umzingelt ist. Kennzeichen eines gut gemacht Thrillers ist, dass der Protagonist in der ersten Hälfte überrascht (Surprise) wird, ihn also neue Umstände aus seiner gewohnten Bahn werfen, wobei weder er noch der Leser wissen warum. In der zweiten Hälfte überwiegt dann das Mitzittern (Suspense), weil er sich jetzt seiner Haut erwehren muss. Er steuert unweigerlich einem Showdown entgegen, in dem er besteht oder endgültig scheitert.

Was ist ein Psychothriller?

Die guten Psychothriller bedienen sich desselben Musters wie der klassische Thriller, nur sind sie persönlicher. In der Regel in einem Umfeld, das auch dem Leser vertrauter ist. Da ist zum Beispiel der neue Nachbar, der zur Untermiete einzieht. Der macht komische Sachen, geht nur nachts raus, man hört ein Hämmern und Klopfen. Langsam aber sicher wird klar, dass da ein Irrer im Haus ist, der nur eines will: töten. Und das Opfer steht ganz alleine da. Auch hier das Muster des Thriller: zuerst Surprise (ein neuer Mieter, scheinbar nett, macht seltsame Dinge), dann Suspense (er will mich töten, wie kann ich ihn aufhalten?) Das Unheimliche ist, dass der Thriller durch die Nähe des Lesers an den Protagonisten und das scheinbar harmlose Umfeld sehr direkt wirkt.

Seit wann gibt es diese Einteilung?

Das hat sich entwickelt. In den 20er Jahren, dem so genannten Golden Age des Krimis, gab es fast ausschließlich Detektivgeschichten. Auch klar definierte Regeln für das Genre. Die bekanntesten von S.S.van Dine. Dann kamen mit Dashiell Hammett und Raymond Chandler die berühmten Vertreter der hard-boiled-Schule, Geschichten aus dem wirklichen Leben, direkt von der Straße. Hier mischen sich bereits Detektivgeschichten und Kriminalgeschichten. Etwas später tauchten die ersten Thrillervertreter auf. Die berühmteste Vertreterin mag da Patricia Highsmith sein.

Gibt es eine „Hierarchie“ zwischen den einzelnen Typen?

Hierarchien sind grundsätzlich etwas für Literaturkritiker und Feuilletonisten, die immer genau wissen, warum uns etwas gefällt und warum nicht. Natürlich ungefragt. Und daher auch zu vernachlässigen. Für alle anderen gilt: Erlaubt ist, was gefällt.

Ist eine Veränderung im Krimigenre zu bemerken?

Ich glaube selbst im deutschsprachigen Raum, wo so gerne geordnet, katalogisiert und bewertet wird, entdeckt man gerade, dass Veränderungen das gesamte Genre bereichern und bunt machen. Fantasy ist dazugekommen, Mystery, Historisches, Sci-Fi, Biotech, Agenten und vieles mehr. Es ist großartig, so viele Handschriften zu haben und zu lesen.

Entstehen neue Stilrichtungen?

Die Techniken bleiben die gleichen, aber die Krimiwelt ist bunt, so dass jeden Tag auch etwas Neues entsteht. Das macht das Genre so attraktiv für den Leser.

Herzlichen Dank für das Interview!

Ilona Mayer-Zach, Sabine Windsor

Ilona Mayer-Zach - Geboren in Graz, Wahlwienerin. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften; Medienkundlicher ...

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