Krimi: Thomas Pynchon - Natürliche Mängel - Inherent Vice

Thomas Pynchon - Natürliche Mängel - Inherent Vice - Vera Kriebel
Thomas Pynchon - Natürliche Mängel - Inherent Vice - Vera Kriebel
Ein Krimi in der Tradition Dashiell Hammetts von Thomas Pynchon: Natürliche Mängel (Original: Inherent Vice) - ein gutes Weihnachtsgeschenk ...?

Ein gutes Weihnachtsgeschenk für Krimifans und Leseratten, das sei vorausgeschickt - aber ein literarisches Meisterwerk ...?

Buchbesprechung: Thomas Pynchon "Natürliche Mängel"

Thomas Pynchons "Natürliche Mängel" (Original: "Inherent Vice" - der Buchtitel wird übrigens im Laufe des Buches erläutert) ist ein Krimi in der Tradition Raymond Chandlers und Dashiell Hammetts, den Begründern der "hardboiled novel" (der spezifisch amerikanischen Abart des Krimis) und Erfindern der Privatdetektive Philip Marlowe und Sam Spade. Hier fängt das erste Problem des deutschen Lesers aber schon an: denn der englische Slang wirkt in der deutschen Übersetzung nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern falsch getönt und aufgesetzt, was aber auch an der schnellen und etwas schlampigen deutschen Fassung liegen kann. Wer also irgend kann, sollte sich die englische Originalfassung zu Gemüte führen.

Stilvirtuose des amerikanischen Kriminalromans

Denn Thomas Pynchon ist ein Virtuose des Stilplagiats, des Kopierens eines Schreibstils. So wie "Mason & Dixon" (ein historisierender Roman zur Grenzziehung zwischen den sklavenfreien Nord- und den Sklaverei-verbundenen Südstaaten) grandios den Stil der englischsprachigen Romane des 18./19. Jahrhunderts imitiert, so schwelgt Pynchon bei "Inherent Vice" im Stil des amerikanischen Krimis (hardboiled novel) des frühen 20. Jahrhunderts.

Ein Schnelldurchlauf zu Pynchon - Was ist die Postmoderne?

Ein altbekannter Trick der Postmoderne: So tun, als ob (sehr schön wird die Postmoderne übrigens erklärt bei Rolf Gunter Renner - "Die Postmoderne Konstellation"). Da wird inhaltlich aus der Geschichte geborgt, aber gelogen und betrogen - Geschichte wird einfach verbogen und/oder neu erfunden.

Ein postmodernes Bild sieht so aus, als habe es Michelangelo gemalt, ein postmodernes Buch tut so, als ob es schon 200 Jahre alt ist oder als ob es ein Nachkriegs-Agenten-Thriller sei (zum Beispiel Pynchons Klassiker und Meisterwerke "Mason & Dixon" und "Gravity's Rainbow"). Postmoderne Kunstwerke sind meist sogar die besseren Klassiker, sie sind so virtuose Plagiate (Kopien), dass sie sich in der eigenen Kunstfertigkeit - wiederum meisterhaft - verheddern und den Leser in die Irre laufen lassen - wer das mal erfahren will, sollte Pynchon "Gravity's Rainbow" (deutsch: "Die Enden der Parabel") lesen.

Thomas Pynchon: Literatur-Ikone der Postmoderne

Pynchons Bücher drehen sich meist um Mysteriöses und - scheinbar historische - weltweite Verschwörungen - Pynchon selbst hat sich zum Kunstwerk gemacht - über ihn ist kaum etwas bekannt, nicht einmal Preise nimmt er selbst an, sondern soll sich schon vor Jahrzehnten dafür doubeln haben lassen. Ein Film über ihn nimmt dies kongenial auf: "A Journey Into the Mind of P." ist eine obsessive Spurensuche nach dem sagenumwobenen Schriftsteller ohne Spuren.

Inherent Vice: Morde in LA

Der neue Pynchon "Inherent Vice" ist beheimatet in Kaliformien, 1970, im Blumenkinder-Hippiemilieu. Dort treibt es den Privatdetektiv Doc Sportello um: Das Wichtigste im Leben ist neben Sex, Sex und Sex vor allem Dope, manchmal Dope oder auch Dope oder Gras oder Marihuana, seltener Härteres. Am Horizont scheint durch den ewigen Marihuana-Dunst nicht nur die fröhliche kalifornische Sonne, sondern auch die Liebe. Man lässt sich so treiben und wird getrieben durch die erbarmungslosen Bullen. Buch-Held Doc Sportello stolpert über einen Mord nach dem anderen, versucht den Mord-Nebel durch den Gras-Nebel hindurch zu lichten und macht sich auf eine - wie das bei den amerikanischen Krimiklassikern so üblich ist - mörderische und äußerst komplizierte und vielschichtige Suche nach den Bösen. (Und wer sich Überraschungsmomente und Spannung erhalten möchte, sollte hier nicht mehr weiterlesen!)

Im Stil der amerikanischen Krimiklassiker

Das ist am Schluss nicht die Polizei, denn zu guter Letzt löst sich alles mehr oder weniger hübsch in einem harmonischen Happyend, was sehr Pynchon-unlike ist, auf. Die richtig Bösen machen sich allerdings davon und der gute Reiche, der all sein Vermögen der Allgemeinheit spenden wollte, wird auch wieder ein normaler Bauunternehmer, aber es gibt noch Gras, Sportello lebt und seine große Liebe auch ...

Spannender Krimi zum Verschenken

"Natürliche Mängel", das mit 480 Seiten erstaunlicherweise einmal nicht in den Wettlauf um das dickste Buch mitmacht, der derzeit unter Autoren ausgebrochen zu sein scheint (gibt es sonst noch ernstzunehmende Neuerscheinungen unter 500 Seiten?), bietet eigentlich nichts Neues für Pynchon-Leser: Verschwörung und Suche nach deren Aufklärung und Hippieromantik und Sex, bunt durchgemischt und mit dem historischen Drumherum um 1970 (Nixon, Vietnam, Mason, ...), garniert mit der damaligen Musik- und Unterhaltungskultur.

"Natürliche Mängel" ist gut und unterhaltsam zu lesen - ein netter, abgedrehter, spannender Krimi mit viel Action. Der auf dem deutschen Klappentext ein wenig sehr dick angekündigte Humor ist aber entweder nicht jedermann zugänglich oder bei der Übersetzung verloren gegangen. Ein literarisches Meisterwerk ist "Inherent Vice" definitiv nicht - dafür ist das Ganze dann doch ein wenig zu einfach gestrickt.

Wer sich in die faszinierende Pynchon-Welt einlesen will, sollte da lieber "The crying of lot 49" probieren (und dann bei Gefallen das bereits erwähnte "Gravity's Rainbow").

Thomas Pynchon: "Natürliche Mängel". Rowohlt Verlag, Reinbek 2010, 24,95 €. (Original: "Inherent Vice".)

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