
- Jeffery Deaver - Der Insektensammler - Random House
Eigentlich ist Lincoln Rhyme gerade in eigener Sache unterwegs. Gemeinsam mit seiner Freundin und Assistentin Amelia und seinem Pfleger Thom ist der querschnittsgelähmte Spurenleser auf dem Weg ins Krankenhaus. Eine neuartige Operation verspricht endlich etwas Besserung für sein Schicksal. Vielleicht kann Rhyme bald mehr bewegen als nur seinen Kopf und den linken Ringfinger, vielleicht wird aber auch alles noch schlimmer...
Die schöne Amelia ist beinahe erleichtert, als die örtliche Polizei sie und Lincoln bittet, bei einem äußerst schwierigen Fall zu helfen. Diesmal gilt es nicht, einen Täter aufzuspüren, dieser ist allen in der kleinen Provinzstadt bereits bekannt, sondern nur einen Flüchtigen zu finden. Viel Zeit kann dies nicht in Anspruch nehmen, denkt der Profifinder Rhyme und willigt ein. Die Jagd durch ein unwegsames und den eingefleischten New Yorkern Rhyme und Sachs völlig unvertrautes Gelände beginnt. Doch als sie den Unsektenjungen finden, den alle für schuldig halten, bestreitet er den Mord. Er habe Mary, das entführte Mädchen, nur versteckt, um sie zu schützen. Amelia glaubt ihm und tut das Unglaubliche: Sie hilft dem Untersuchungshäftling beim Ausbruch. Als Gegenleistung soll er sie zu dem Mädchen führen. Rhyme jedoch glaubt nicht an die Unschuld des Jungen und will nur noch seine Amelia aus den Fängen des potentiellen Killers befreien. Eine neue Jagd beginnt.
Eine Gegend mit eigenen Gesetzen
Deaver nutzt für seinen dritten Lincoln Rhyme Fall eine interessante Technik, die für neues Spannungspotential sorgt. Er entfernt seine Helden aus ihrer gewohnten Umgebung und bringt sie in eine amerikanische Provinzstadt Carolinas. Sie kennen weder die Beschaffenheit der Gegend noch den Menschenschlag, mit dem sie hier konfrontiert werden. Sie können sich nicht mehr auf Instinkte verlassen und müssen neue Wege der Fahndung ausprobieren. Jeffery Deaver macht dieses Unvertraute für den Leser sichtbar, indem er nicht, wie in den beiden Vorgängerromanen, die Gedanken des Täters in einem zweiten Handlungsstrang offen legt. So wie Rhyme keinen Zugang zu seinem Gegner bekommt, wird dieser auch dem Leser vorenthalten.
Rhyme gegen Sachs
Der Thriller bekommt darüber hinaus einen besonderen Reiz, als plötzlich Amelia die Rolle der Verfolgten zugeschrieben wird. Lincoln ist sicher, dass sie einem gefährlichen, psychisch Kranken zum Ausbruch verholfen hat, während Sachs sicher ist, dass der Junge ehrlich zu ihr ist. Für sie gilt es darum, ihrem Verfolger unbedingt zu entwischen und so versucht sie, ihm immer einen Schritt voraus zu sein. Dabei wissen beide, dass sie inzwischen mental gleichstark sind. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen beginnt.
Ein untypischer Thriller - ein typischer Deaver
Wie der eifrige Jeffery Deaver Leser bereits von den ersten beiden Kriminalromanen über das Ermittlerduo Rhyme/Sachs weiß, ist bei diesem Autoren meistens nichts so, wie es scheint. So wimmelt auch dieser Thriller wieder von überraschenden Wendungen. Es wird immer deutlicher, dass niemandem ungeprüft Vertrauen entgegen gebracht werden sollte, nicht dem jungen Garett, nicht den unbescholtenen Bewohnern des Ortes und auch nicht der dortigen Polizei. Nicht nur Amelia, sondern auch Lincoln schwebt über weite Passagen des Romans in akuter Gefahr. Die Spannung wird dadurch stark gesteigert. Indem Deaver seine Leser keine Einblicke in die Psyche des Täters gewährt, lässt er zwar ein wichtiges, für das Genre des Thrillers typisches, Element weg, eröffnet dadurch aber auch neue Möglichkeiten, Spannung auf anderem Wege zu erzeugen. Atemlos verfolgt der Leser diesen rasanten Roman, der erst dann keine Wendung mehr erfährt, wenn die letzte Seite umgeblättert ist.
Deaver, Jeffery: Der Insektensammler; Blanvalet 2003; ISBN 3442359059; 9,99Euro
