Kris Verdonck: "Exit" im Haus der Kulturen der Welt

Plakat des Festivals - Haus der Kulturen der Welt
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Verdoncks neuestes Projekt ist eine Performance im weiteren Sinne. Bei der Premiere wurde das anvisierte Ziel erreicht: größtmögliche Entspannung.

Gemäß seiner Ausbildung von der bildenden Kunst herkommend, hat der 1974 geborene Belgier Kris Verdonck seine künstlerische Bandbreite um die Bereiche Theater, Performance und Installation erweitert. Seine Anregungen gewinnt er aus dem Spannungsverhältnis von Maschine und Mensch, das sich aufgrund der technischen Entwicklung stets verändert. Als Macher steht Verdonck oftmals im Hintergrund, er gibt die Anweisungen und lässt den für ihn arbeitenden Künstlern genügend Freiraum, fehlt aber bei manchen Proben. Und so steht bei „Exit“ die Choreografin und Tänzerin Alix Eynaudi allein auf der Bühne, um mit ihrer Performance den Opfern hektischer Betriebsamkeit ein Entspannungsangebot zu liefern.

Das Gehirn steht niemals still

Beim Betreten des Theaterraums kündigt sich schon eine erste Bequemlichkeitsoffensive an: Die Sitze sind mit schwarzen und weißen Kissen ausgestattet. Die Tänzerin Eynaudi bittet einige Zuschauer, aus Gründen, die nicht näher erklärt werden, Plätze mit schwarzen Kissen zu wählen. Nach einigen Erläuterungen über den Bewegungsablauf der Performance werden die Zuschauer dann aufgefordert, sich die Schuhe auszuziehen. Wer dieser Empfehlung nicht nachkommt, kann sich dennoch in einem relaxten Zustand auf ein Video einlassen, in dem ein Wissenschaftler über die Notwendigkeit des Schlafs spricht. Das Auditorium erfährt, dass im Schlaf die gemachten Tageserfahrungen gesammelt, gebündelt und neu geordnet werden. Die im Hypothalamus abgelegten Erfahrungen werden demnach während der Schlafphase in eine innere Ordnung gefügt. Diese nächtliche Strukturierung mache, so der Wissenschaftler, den Menschen nach dem Erwachen handlungsfähiger. Die Tatsache, dass das Gehirn nie stillsteht und im Schlaf weiterarbeitet, könnte unter Umständen ein Thema für den Regisseur René Pollesch sein. Derartige Thesen werden für Pollesch mitunter zu Inspirationen, die er bei Gelegenheit als denkerische Highlights in seine Stücke einbaut. Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Zuschauer der Berliner Volksbühne in naher Zukunft mit diesen Gedankengängen konfrontiert werden.

Größtmögliche Entfernung von der Arbeitswelt

Nach Beendigung des Videos betritt Alix Eynaudi die Bühne, die zunächst in Tageshelligkeit getaucht ist. Ein hellblaues Kleid tragend, zeigt Eynaudi gemächliche gymnastische Übungen, die von unaufdringlicher, karger Klaviermusik begleitet werden. Allein die wenigen Tastenklänge reichen schon dazu aus, um das Publikum in einen betäubungsähnlichen Zustand zu versetzen. Spätestens nach zehn Minuten hat Verdonck mit seinem Projekt seine vorgefasste Absicht erreicht: Die Streck- und Dehnbewegungen der Tänzerin lullen förmlich ein und sind so weit von der Arbeitswelt entfernt, dass man am liebsten noch tiefer in seinem Sitz versinken möchte. Gemäß seinem Arbeitsprinzip bietet Verdonck Präsentation statt Repräsentation, alles ist so authentisch, dass die wie angewehte meditative Stimmung ebenso real erscheint. In der Performance werden die technischen Möglichkeiten - Musik, Licht und Tanz – so miteinander kombiniert, damit die Besucher sich in einer völlig technikfreien Welt wähnen.

Die Entspannung erreicht ein Übermaß

Immerhin wollte der belgische Theatermacher seine Aufführung nicht ganz der Monotonie überlassen, denn nach einer Weile wechselt das Licht in ein sanftes Rot, das auch für den entspannungswilligen Zuschauer einen großen Vorteil mit sich bringt. Erstens ist nun der kleine Saal in Finsternis gehüllt und zweitens hat sich die Tönung des auf der Bühne präsentierten Kleids geändert. Für Freunde des ausgesuchten Details wird wenigstens etwas geboten und Verdonck braucht sich den Vorwurf der Eintönigkeit nicht gefallen zu lassen. Die langsamen Bewegungen werden konstant beibehalten – mal liegt die Akteurin auf dem Bauch, ein andermal ist sie positioniert wie auf einer Startrampe -, allerdings verschränkt Eynaudi bei einer Stellung ihre Arme und dreht sich mehrfach im Kreis, was einen Versunkenen beinahe aufschrecken könnte. Mit der Zeit wird das Licht immer weiter herausgenommen, die Tänzerin steht allmählich im Halbdunkel da und verliert an Sichtbarkeit.

Umschlag zum Aktionismus

Der besondere Effekt dieser Aufführung ist es anscheinend, dass die Tänzerin gegen Ende nur noch als Silhouette sichtbar ist. Noch zu registrieren sind die dünnen Tastenklänge und ein schrittweise sich verflüchtigendes Grau. Ist die Tänzerin überhaupt noch auf der Bühne? Nach einer Weile ist man sich nicht mehr darüber im Klaren, ob sich da ein Schatten bewegt oder man bereits einer optischen Täuschung unterliegt und eine leere Bühne anblickt. Endlich, das Licht und die Tänzerin erscheinen wieder, sie trägt allerdings ein Glitzerkleid, das sie sich unbemerkt übergestreift hat. Die Bewegungen werden wesentlich lebhafter, und was zuvor bestenfalls in den Bereich meditative Gymnastik fiel, ist nun eindeutig dem Tanz zuzuordnen. Der Rest des Abends ist ein Aufwecker, es herrscht eine Aufbruchsstimmung, die in die Alltagswelt hinüberleiten soll. Verdonck hat dieses Projekt initiiert, um herauszufinden, inwieweit das Bewusstsein der Zuschauer manipulierbar ist. In einem gewissen Maße kann auch das Theater die mentale Einstellung des Publikums vorübergehend verändern, jedenfalls solange es freiwillig in einem Raum verharrt. Insofern hat Verdonck jenen Menschen, die dem hektischen kapitalistischen Betrieb entfliehen wollen, einen kurzeitigen Ruhepunkt anzubieten. Leider läuft die Entspannung jederzeit Gefahr, in bare Langeweile umzukippen. Und bei der Premiere waren vermutlich wenig erholungsbedürftige Businessmenschen anwesend, stattdessen aber Personen, bei denen eher ein Eventüberschuss zu vermuten ist.

Exit von Kris Verdonck

Mit Alix Eynaudi (Tanz)

Konzept: Kris Verdonck und Alix Eynaudi

Musik/Sound: Rutger Zuydervelt (Machinefabriek)

Dramaturgie: Marianne Van Kerkhoven

Lichtdesign und Technik: Luk Schaltin

Produktion: Hendrik De Smedt/A Two Dogs Company

Ort: Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin

Von 18. – 20 August 2011

Bildnachweis: © Haus der Kulturen der Welt

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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