
- Profunde Gastgeberin - Nicole Gohlke - Linksfraktion
Der Wind pfeift kalt durch Berlin, fast so, als wolle das Wetter das Thema dieses Wochenendes noch meteorologisch untermauern. Zwei Tage lang kamen linke Studierenden nach Berlin, zu diskutieren, konferieren und neue Perspektiven zu entwickeln. Am Samstag geschah dies auf Einladung von dielinke.SDS in einer Zukunftswerkstatt an der TU Berlin, am Sonntag hatte die Linksfraktion ins Paul-Löbe-Haus eingeladen.
Befreite Diskussionstimmung in der Zukunftswerkstatt
Der Samstag fand in entspannter Stimmung statt. Um die einhundert Studierende aus ganz Deutschland hatten sich in der alten Bibliothek versammelt, um über die Finanz- und Wirtschaftskrise, die Occupy-Bewegung und das eigene Selbstverständnis zu debattieren und neue Perspektiven zu erarbeiten. Ob im Plenum, oder in den Bundesarbeitskreisen (BAK) genannten Kleingruppen, die Auseinandersetzungen verliefen freundlich, wenn auch stellenweise bestimmt, aber ohne große Aufreger, wie man es von Bundeskoordienierungstreffen des SDS vielleicht gewohnt sein mag.
Auch stellte der Bundes-SDS mit seiner Onlineausgabe der Critica ein neues Konzept vor, mit welchem man tagesaktueller und umfassender linke Themen publizieren und eine höhere Reichweite als mit der Printausgabe erreichen wolle.
Lafontaine statt Wagenknecht
Für den Sonntag hatte die Linksfraktion dann im Anschluss ins Paul-Löbe-Haus am Reichstag geladen, um unter dem Titel „Krise. Bildung. Zukunft.“ über die Krise und ihre Auswirkungen auf die Hochschulen zu diskutieren. Nach einer generellen Grundsatzansprache durch die Bildungspolitische Sprecherin, Nicole Gohlke, folgte eine ca. halbstündige Rede des saarländischen Fraktionsvorsitzenden Oskar Lafontaine, welcher über volkswirtschaftliche Mechnismen, seine Zeit als Bundesfinanzminister und die Reaktionen auf die aktuelle Lage referierte. Er ersetzte dabei Sahra Wagenknecht, welche auf Grund von Stimmproblemen ihre Teilnahme kurzfristig absagen musste.
Im folgenden zogen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung in vier Workshops zurück, welche unter den Themen „Alles Gender oder, was? - Frauen in Wissenschaft und Hochschule“, „Wir fordern … ein Aktionsprogramm zur sozialen Öffnung der Hochschule“, „Studentische Kämpfe und das Recht auf Stadt“ und „Hochschule im Kapitalismus – Wissenschaft im Spannungsfeld von freier Bildung und Reproduktion von Arbeitskraft“ eine breite Themenpalette von aktuellen hochschulpolitischen Fragen abdeckten.
Internationales Podium zum Abschluss
Die Veranstaltung schloss mit einer Podiumsdiskussion, die durch ihre internationale Besetzung wissenswertes über die Vorgänge in Europa zu Tage brachte. So referierte Andrej Hunko, Mitglied im Europaausschuss, über die Abläufe und das Zustandekommen der grundlegenden Richtlinien für Hilfspakete und stellte in so manchem Beitrag dar, was auch bereits vielfach in der deutschen Presse zu lesen war, nämlich, dass jene Rettungspakete an den nationalen Parlamenten vorbei und in nicht-öffentlichen Sitzungen beschlossen würden. Er stellte zudem fest, dass im Zuge der Verhandlungen um Mittel zur Bewältigung der Krise demokratische Grundprinzipien beschnitten, oftmals sogar vollkommen ausgesetzt würden.
Nicht weniger informativ gestaltete sich auch der Beitrag der griechnischen Aktivisten Haris Triandafilidou, welche berichtete dass im Zuge der Sparmaßnahmen ein drittel aller Grundschulen geschlossen worden seien. Auch gab sie ihrer Beunruhigung Ausdruck, dass die neue Regierung Griechenlands das Universitätsasyl aufgehoben habe und es als direkte Reaktion darauf starke Repressionen und gewalttätige Ausschreitungen seitens der Polizei auf den Campus der griechischen Hochschulen gegeben habe.
Am interessantesten gestaltete sich jedoch der Beitrag des britischen Studentenführers Marc Bergfeld, welcher nach den gewalttätigen Ausschreitungen nach der Erhöhung der Studiengebühren das Feindbild Nr. 1 des englischen Boulevard wurde. Er bezeichnete auch die Diebstähle, deren Bilder die Berichterstattung über die Londoner Riots dominiert hatten, als Ausdruck einer sozialen Krise, da der Besitz von gewissen Markenprodukten konstitutiver Bestandteil einer sozialen Definition sei, welche vor allem dort, wo unterschiedliche materielle Vorbedingungen konfrontativ aufeinander träfen, eine herausragende Rolle spielten.
Viele Informationen, wenig Lösungen
Die Konferenz verblieb am Ende, wie es auch nicht anders zu erwarten war, ohne konkrete Lösungsvorschläge zur Bewältigung der angesprochenen Probleme. Es war jedoch sowohl seitens der Veranstalterinnen und Veranstalter, wie auch seitens der Teilnehmerschaft zu hören, dass die Konferenz viele Inputs gegeben habe und man mit den gesammelten Erfahrungen sicher weiter an Lösungen arbeiten könne – natürlich an solchen, aus antikapitalistischer Sicht.
