
- B-Team initiierte Podiumsdiskussion in Hannover - Biggi / pixelio.de
Hannover. Zu einer Podiumsdiskussion auf dem Ernst-August-Platz lud die Studentengruppe B-Team die verschiedenen Parteienvertreter des niedersächsischen Landesparlamentes am Donnerstag, 6. Oktober um 15 Uhr, ein. Dabei wurden Positionen zwischen einer Loyalität zur G8-Bildungsreform (verkürzte Abiturzeit an Gymnasien) und vornehmlich unzufriedenen Stimmen gewahr, die die Bildungsstruktur in speziellen Sektoren hinterfragten und grundsätzlich auf eine größere Treue zu sozialem Handeln drängten wegen ersichtlicher Fehlentwicklungen an den Schulen.
Zuvor konnte man an jenem Donnerstag bereits etwas der Zerwürfnisse im Bildungsdiskurs der Tagespresse entnehmen. Nicht nur in Niedersachsen. Während die Frankfurter Allgemeine von geplanten Schulreformen im Saarland berichtete, wonach der grüne Bildungsminister Klaus Kessler auf eine Elterninitiative reagierte und mit einem Schulordnungsgesetz kleinere Schulen vor der Schließung bewahren will, trotz rückläufiger Schülerzahlen, griff man auf der Podiumsdiskussion nahe des Hannoveraner Bahnhofs, unter Moderation einer H1-TV-Journalistin, unter anderem das junge Erbe und die Folgen der G8-Bildungsreformen auf. Nahe am Bürger debattierten die Teilnehmer neben dem Streitpunkt "überfüllter und zu homogener" Klassen ebenso die Schattenseiten der verkürzten Abiturzeit an Gymnasien. Berücksichtigt wurden dabei jene von Schülern, Lehrkräften und Bildungsexperten geäußerten Schwierigkeiten, die mit dem Etablieren des Turbo-Abiturs und einer "sehr wirtschaftsgefälligen" Strukturdominanz aus dem "G8 Bildungssparpaket" einher gingen.
Die Vertreterin der Linken fordert mehr integrierte Gesamtschulen
Tina Flauger, Fraktionsvorsitzende der Linken im niedersächsischen Landtag und europapolitische Sprecherin, betonte in ihrer Argumentation die "Erfordernis der integrierten Gesamtschulen." Sie befand: "Viele Schüler haben nicht die Möglichkeit ihr Abitur an einer integrierten Gesamtschule zu machen. Es gibt noch zu wenige integrierte Gesamtschulen und Einrichtungen für das Abitur, neben dem Gymnasium."
Sie wehrte sich auch gegen ein Divergieren in Klassen nach gesellschaftlich-finanziellem Hintergrund und Aufsplitten in Bürgerliche- und Beamtenkinderklassen sowie Klassenverbände mit ärmeren Kindern, die vor allen anderen die Härte und Oligarchie der Bildungsnomenklatur erlebten. Zur Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit einer gerechten Bildungspolitik gehöre auch die Parteilosigkeit und Unvoreingenommenheit bei Abiturempfehlungen. Sie fügte an: "Da gibt es leider noch Missverhältnisse. Wie viele Kinder aus Hartz IV-Familien bekommen Abi-Empfehlungen? Da existiert teils auch eine Selektion, die ich mit meinem humanistischen Menschenbild nicht vereinbaren kann." Eine Schülerin aus dem Publikum beteiligte sich an der Diskussion, schritt im schrägen Oktoberregen zum Podium und verwies auf die schulpsychologischen Belastungen: "Die Stofffülle ist mittlerweile an Gymnasien so groß geworden, dass Schüler, die von der Realschule kommen, enorme Probleme kriegen, da die Stundenpläne sehr aufgestockt sind."
Mehr Zeit, weniger Zeit
Vertreter der Sozialdemokraten, Linken und Grünen bemängelten, dass man das "Turbo-Abitur" nicht nachhaltig und konsequent mit dem Anführen einer europäischen Weisung und Norm verteidigen könne, da es in anderen europäischen Ländern Ganztagsschulen gebe. Darüber hinaus dürfe man nicht die soziale Verantwortung für das demographische Gewicht oder rein wirtschaftspolitische Kalkül und Denken opfern. Vielmehr müsse man den Schülern "Zeit zum Lernen, zur Persönlichkeitsentwicklung geben und nicht etwas der Zeit rauben." Das Publikum, teils mit Regenschirmen im heftig verregneten Hannover ausharrend, begleitete diese Reformskepsis mit regem Applaus.
Vorzüge der G8-Bildungsreform und wegweisende Lehrerempfehlungen
Das erwartete Gegenstück zur Skepsis an der Strukturbeschaffenheit war das Loben der früheren Ausbildungsfähigkeit aufgrund der G8-Reformgesetze. Christoph Dreyer, CDU-Abgeordneter im niedersächsischen Landtag, sagte, man müsse bei bildungspolitischen Debatten von den Strukturfragen fortkommen und mehr über den Inhalt sprechen. Dabei müsse man ins Augenmerk nehmen, wie die Kinder bestmöglich ausbildungsfähig und schnellstmöglich studiumfähig gemacht würden.
Paulo Dias, Vertreter des B-Teams, verteidigte die Bedenken der Schüler und jene Strukturvorschläge, die eine Verschlankung des Lehrstoffes der 12. Klassen zum Ergebnis hätten. Es gäbe dabei keine Abwertung des Bildungsanspruches. Zu hoffen sei auch, so Paulo Dias zum Aspekt der Lehrerempfehlungen, dass man diese Wegweisungen nach den 4. Klassen hinterfrage und nicht in jedem Fall annehme. Da manchen Kindern eine benachteiligende Schulentwicklung geebnet würde, aus der sich nicht jeder herauslösen könne.
Mehr Mut zur Gerechtigkeit gegen eine starre, moderne Vergemeinschaftlichung
Und der Tenor im restlichen Publikum war fast einhellig: Zum republikanischen, demokratischen Bewusstsein gehöre auch der Glaube, dass Menschen mit mehr Bildung etwas der sozialen Benachteiligung beheben könnten und ein verkürztes Abitur nicht vorteilhafter sein müsse. Weder das G8 Reformpaket mit den Verabschiedungen zum "Turbo-Abitur" noch die Empfehlungen durch Lehrer oder höhere Verwaltungsinstanzen dürften den gegenwärtigen Bildungsweg beirren oder behindern, man müsse den Gerechtigkeitsgedanken wieder couragierter in den Vordergrund rücken. Das stünde über jeder europäischen Nomenklatur und "modernen" Vergemeinschaftlichung.
Der Regen floss stetig die prunkenden Fassaden und Verglasungen der Kaufhäuser hinab. Zum Podiumswagen kamen, entlang der anschwellenden Pfützen, immer wieder einzelne, neugierige Bürgerinnen und Bürger, klappten ihre Regenschirme auf oder streiften die Kapuzen ihrer Dreiviertelmäntel über die nassen Köpfe und hörten der lebhaften, emsigen, vielgesichtigen Debatte zu - die Skepsis schwoll an. Darunter ein älterer Mann, einer der Anwesenden am Ernst-August-Platz, der mit zusammengekniffenen Augen durch den regengemästeten und von Gräue gepanzerten, frühen Nachmittag blickte. Dann klappte er den Kragen seines Mantels hoch, presste ihn an sein glattes, feuchtes Gesicht und hörte von den anderen Bürgern, zwischen Vorwürfen und unzerrütteten Einstellungen zur Gerechtigkeit, dass man das Gerechte immer irgendwie einbinden und das eitle, blinde Privilegierte einbüßen müsste. Für die Eitelkeit und Unzerrüttbarkeit aller Kinder. Für die gerechte Gestaltung der Schulklassen und Bildungsstrukturen müsste man es versuchen. Ebenso für den Abdruck und die Transparenz einer ehrlichen, attraktiven, unauflösbaren Demokratie.
