Kritik: "Shoot' Em Up"

Clive Owens bleihaltiger Actionfilm schießt sich selbst ins Knie

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Der Actionfilm "Shoot' Em Up" schlägt in die gleiche Kerbe wie "Crank", verfehlt sein Ziel aber, weil er sich selbst zu ernst und die Naturgesetze zu leicht nimmt.

Was braucht man für einen Actionfilm? Nichts weiter als einen kahlköpfigen Jäger und einen listigen Hasen. Das erkannte schon Tex Avery und lieferte mit Bugs Bunny und Elmer Fudd zwei wunderbare Blaupausen, auf die unendlich viele Figuren im Genre der Actionkomödie zurückgehen. Hier ist Elmer Paul Giamatti ("Sideways") und Bugs wird gespielt von Clive Owen ("King Arthur"), der gleich in den ersten Minuten zwei Männer mit einer Möhre umlegen darf. Aber der Reihe nach:

In dunkelster Großstadt wird eine hochschwangere Frau von bösen Männern gejagt, bis ein möhrchenmampfender Held die Killer killt, das Kind entbindet und fortan den süßen Bengel am Bein hat. Verfolgt von einem überzivilisierten Psychopathen liefern die Figuren sich ein Katz- und Mausspiel, dessen Schießereien von den Hochhausschluchten Torontos bis in die Stratosphäre reichen, bis der einsame Retter und die Hure mit dem goldenen Herzen das Komplott knacken, die Oberbösen töten und ein neues Leben beginnen können.

Spritzige Dialoge und eine hanebüchene Story

Das klingt amüsant und ist es auch – für etwa 20 Minuten. Held und Schurke zitieren ungeniert ihre Cartoon-Vorlagen und übertrumpfen einander in Schießkünsten und sarkastischen Einzeilern. Nein, über die Dialoge von „Shoot’em Up“ kann man wenig Schlechtes sagen, sie sind schnell, witzig und präzise, und wäre die Story ebenso, vielleicht hätte dies ein Meilenstein des Genres werden können. Doch der Autor war ein Gagschreiber, kein Romancier. Und so bricht allzu deutlich hervor, was ihn an seiner Story interessierte: gar nichts. Die Verschwörung im Hintergrund (todkranker Präsidentschaftskandidat betreibt Babyfarm und will Waffengesetze verschärfen, woraufhin die Waffenlobby ihm einheizt) ist nur die Entschuldigung, um möglichst viele Schießereien abfilmen zu können. Das Geheimnis des verwaisten Babys wird so lange herausgezögert, dass man als Zuschauer jegliches Interesse verliert und nur auf den nächsten Austausch von Worten und Kugeln wartet. Die Alibi-Story wirkt umso ärgerlicher, weil „Crank“ bereits vorher bewiesen hat, dass man auch vollkommen ohne einen verdammt guten Actionfilm machen kann.

Crank für nicht mehr ganz Gesunde

Überhaupt kann man „Shoot’em Up“ am besten als Reaktion auf das Konkurrenzprodukt „Crank“ verstehen, von dem er gnadenlos abkupfert, von einer absurden Sexszene bis zum vorgezogenen Showdown über den Wolken. Doch der Action-Hit mit Minimalmime Jason Statham blieb seiner Oberflächlichkeit und seinen flachen Charakteren treu, während er selbstironisch von einem Klimax zum anderen jagte, ohne Platz für seichte Sentimentalität zu lassen – bis zum furiosen Finale, das dadurch an Kraft und Bedeutung gewann. Clive Owens Charakter dagegen muss natürlich eine schlimme Vergangenheit mit sich rumschleppen, ein politisches Komplott aufdröseln und auch noch die wahre Liebe finden – und all das mit nur einem einzigen Gesichtsausdruck.

Actionfigürchen gegen böse Lederjacken

Die gezwungene Schwere der Hintergrundgeschichte kontrastiert unangenehm mit der Leichtigkeit, mit der Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden. Der knallharte Held kracht folgenlos durch Dächer und Frontscheiben, wird ohne schlimmere Schäden angeschossen und gefoltert, so dass man irgendwann begreift, dass man sich keinerlei Sorgen um das Actionfigürchen machen muss: er stammt vom Planeten Krypton. Auf seinem Weg über unsere Erde legt er etwa 1000 Leute um – doch an keinen einzigen erinnert man sich später. Sie sehen auch alle irgendwie gleich aus, die bösen Männer in ihren bösen schwarzen Lederjacken (Denise Cronenberg fällt wie bei „Eastern Promises“ nichts Neues ein), die da haufenweise schießen und erschossen werden. Und wenigstens das muss ein solch bleihaltiger Film eigentlich bedienen: den juvenilen Fetischismus des Genres, der bei Dirty Harrys 44er beginnt und bei Bonds Walter PPK aufhört. Doch mit seinem fiktiven Fabrikanten Hammerson (Stephen McHattie), der hinter den Kulissen die Fäden zieht und deren Produkte von allen Teilnehmern der Schießbude verwendet werden, beraubt „Shoot’ Em up“ sich selbst dieser Möglichkeiten.

Verschenkte Chancen – Ziel verfehlt

Autor und Regisseur Michael Davis wäre besser beraten gewesen, der ironischen Anfangskonstellation von Hase und Jäger treu zu bleiben, ohne den Film mit politischem Kommentar und dramatischem Background zu überfrachten. Mit Paul Giamatti hatte er einen echten Charaktermimen an der Hand und mit Clive Owen immerhin einen Darsteller, der unter den richtigen Bedingungen (siehe „Hautnah“ ) großartige Leistungen erbringt. So aber bleibt das Fazit bestehen: Keine Charaktere, keine Story, nur ein langes Schützenfest.

Shoot' Em Up (USA 2007)

Regie: Michael Davis

Buch: Michael Davis

Darsteller: Clive Owen, Paul Giamatti, Monica Belucci

Stephan Greitemeier, Stephan Greitemeier

Stephan Greitemeier - Geboren am 19.08. 1978 in Essen. Schulzeit in Gelsenkirchen, Wehrdienst beim Wachbatallion BMVg in Siegburg und Bonn. Praktikum bei den ...

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