Kuba - die Weltmacht im Amateurboxen

Ein Insider-Blick in die beste Talentschmiede im Boxsport

Boxschule in Kuba - Marco Theuer
Boxschule in Kuba - Marco Theuer
In der Amateurboxszene sind die Boxer aus Kuba gefürchtet und geachtet. Worin genau liegt das Erfolgsgeheimnis der kubanischen Amateurboxer begründet?

"Was sind die drei größten Errungenschaften der Revolution? Gesundheit, Bildung und Sport. Und was sind ihre drei größten Mängel? Das Frühstück, das Mittag- und das Abendessen“, sagte einst Fidel Castro. Ja, die kubanischen Boxer erhalten ihre drei Mahlzeiten am Tag, wohl schmeckend oder nicht. Sie sind satt. Doch zugleich hungrig. Hungrig nach jenen Privilegien, die das arme Land seinen Besten zukommen lässt: Reisen ins Ausland, eine eigene Wohnung, ein Auto, landesweite Anerkennung, eine Anstellung in der Sportbehörde. Also hauen sie rein und quälen sich, die blutjungen Fighter.

Das Geheimnis der kubanischen Boxerfolge

Ein Tagesablauf: halbtags Schule von 8 bis 12 Uhr, anschließend Boxtraining von 14 bis 17 Uhr. Im Internat gibt es mehrere Boxlehrer für die knapp vierzig Jungs im Alter von 10 bis 16 Jahren, die sich in den sogenannten "Combinados Deportivos" für die "Einführenden Sportschulen" (EIDE) qualifiziert haben. Diese Schulen sind über den ganzen Staat verteilt, und jeweils nur die besten Kämpfer werden es vielleicht bis zur nächsten Stufe schaffen, dem Zentrum für Hochleistungssport. Bestehen sie auch dort, dann erst wartet die Nationalmannschaft. Das ist das erste Geheimnis kubanischer Boxherrlichkeit.

Das zweite nennt sich Rastersichtung. Wichtig sind dabei die landesweit stattfindenden Schulspiele. Ein Pflichttermin für kubanische Trainer und Talentscouts aus verschiedenen Sportarten. Viele kubanische Boxstars wurden bei diesen Schulspielen entdeckt und machten dort erstmals auf sich und ihr sportliches Können aufmerksam. Die aussichtsreichsten Athleten in Disziplinen wie Leichtathletik, Ball- oder Kampfsport werden bei den Spielen ausgewählt und dann wiederum in der EIDE "gewogen und vermessen", wie es in Kuba heißt. So testete man beispielsweise den legendären Amateur-Boxchampion Felix Savon zuerst bei den Leichtathleten, dann beim Volley- und Basketball, ehe man ihn den Faustkämpfern zuschlug.

Boxsport: Auslese der Besten

Unbarmherziger Zentralismus durch staatliche Leistungszentren, organisiert vom Sportinstitut INDER, und von Stufe zu Stufe immer höhere Anforderungen an die im Netz hängen bleibenden Talente: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. So schafft man Medaillengewinner. Und darauf haben sie sich eingelassen, gerne und stolz, die jungen Burschen in den zwölf EIDE-Schulen von Kuba. Zehn Monate im Jahr in der Einöde dieser spartanischen Sportinternate zu leben, ist bei weitem kein Vergnügen. Anstrengende Arbeit, psychische Belastungsproben und schwerer Leistungsdruck erwarten die Jungen fernab von ihren Familien. Doch die Zukunft, sie kann so süß sein. Sie kann für alles entschädigen.

Alle Champions in Kuba durchlaufen dieselbe Ausbildung

Bei jeder Trainingseinheit haben die jungen Talente sie vor Augen, die kubanischen Boxlegenden, die Stevensons und Savons. An der Wand der karg ausgestatteten Halle ist die Bildergalerie der wahrgewordenen Träume ausgestellt. Und zwischen den Champions entdeckt der Betrachter einen mit Boxhandschuhen bewaffneten Fidel. Der verhinderte Berufssportler hatte nie einen Zweifel daran gelassen: sportlicher Wettstreit ja, mit allen und auf allen Gebieten, aber niemals fürs große Geld. Kubas Sportler als Botschafter der Revolution sind keine Söldner. Also blieben die großen Legenden im Land, fahren Lada, ernähren sich redlich von der Handvoll Dollar, die sie nach ihrer Karriere als Repräsentanten des Sportinstituts INDER verdienen, und trauern offiziell keine Sekunde den verpassten Chancen nach. Denn es war alles klar: Vater Fidel hat es befohlen. Ende. Aus!

Die Schattenseiten des Erfolgs

Jedes Bild hat seine Rückseite. Das "Unternehmen Champion" ist selbst für Kuba nicht mehr so leicht zu realisieren wie früher, als die Sowjetunion noch nicht aufgelöst war. Das geben sogar die Verantwortlichen für Kubas Boxequipe hinter vorgehaltener Hand zu: "Es muss gespart werden – selbst bei unserem so prestigeträchtigen Boxsport." Und tatsächlich, ein nüchterner Blick genügt: viele Trainingsanlagen wirken verkommen. Die Wände sind schon lange nicht mehr renoviert worden. Der Putz bröckelt und lässt den nackten Stein zum Vorschein kommen. "Die materielle Basis unseres Sports ist nicht sehr rosig, trotzdem geben wir unser Bestes, um ein gutes Training auf die Beine zu stellen. Genau das ist unser Job – wir bauen neue Champions auf. Sicher, wir haben nicht für alle einen passenden Kopfschutz. Manchmal fehlt es an Boxhandschuhe oder Boxbandagen und viele der jungen Boxer können sich keine Boxschuhe, geschweige denn eine vernünftige Sportbekleidung leisten. Aber das Wesentliche ist doch, dass sie hier etwas lernen, ihre Technik verbessern und sich mit besseren oder ähnlich starken Boxern messen können", erläutert Coach Fernandez die Situation in Havanna. Ganze vier Paar Boxhandschuhe stehen dem Trainerteam von Havanna für mehr als dreißig Boxer zur Verfügung, neben Sandsäcken baumeln alte Reifen von der Decke und die Schuhe der Boxer werden durch Leukoplast zusammengehalten.

Kuba: Die Weltmacht im Amateurboxen wankt

Bis vor einigen Jahren haben die kubanischen Boxer die schlimmen Zustände ertragen. Sie kämpften für ihr Land, träumten nicht vom großen Geld oder einem gut dotierten Profivertrag im Ausland. Es gab nur wenige Ausreißer und Flüchtlinge, doch mit Fidel Castros Rückzug aus der Politik und Kubas drohendem Ausverkauf scheint sich das langsam zu ändern. In den letzten Jahren hat das kubanische Boxteam die Hälfte seiner Boxer an den Kapitalismus verloren. Vier ehemalige hochdekorierte Olympioniken sind seit 2005 geflohen, arbeiten als Profiboxer in Deutschland und den USA, andere verdingen sich notgedrungen als Straßenkämpfer in Kuba. Bei der Olympiade 2008 gab es seit langem keine Goldmedaille für die kubanischen Boxer. Kuba blieb mit viermal Silber und viermal Bronze zwar immer noch die stärkste Boxnation. Dennoch ist es unübersehbar: der Box-Mythos Kuba und sein Sportsystem wanken und sind angeschlagen.

Marco Theuer, Boxjournalist, Sportautor

Marco Theuer - Marco Theuer, Jahrgang 1972, Sportautor und Boxjournalist war selbst jahrelang aktiver Boxer und Leistungssportler. Als Landesmeister und ...

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