"Kuckuckskind" – ein Roman von Ingrid Noll

Ingrid Noll: Kuckuckskind - hagir25 - Pixelio
Ingrid Noll: Kuckuckskind - hagir25 - Pixelio
Hass, Neid und Rache. Der erste Vaterschaftstest von dreien ist tödlich, die zweite DNA-Analyse sinnlos, die dritte endlich beruhigend. Wirklich?

Eine vermeintliche Freundschaft zweier Lehrerinnen geht nicht zuletzt am Neid der einen auf die andere zu Grunde. Die andere ist attraktiver, bei Schülern wie Kollegen beliebter und hat obendrein den Lieblingsschüler einmal wöchentlich zur Nachhilfe in ihrem Arbeitszimmer zu Gast. Als dann auch noch die ohnehin angeschlagene und ungewollt kinderlose Ehe der Neiderin endgültig in die Brüche geht und kurz darauf die Rivalin schwanger wird, schlägt ihr Neid in blanken Hass um und ihre Rache – wofür auch immer – kommt erst mit dem Tod der anderen zum Stillstand.

Neid und Rache: ahnungsloses Kuckuckskind per DNA-Analyse ins richtige Nest?

Der Titel des Romans suggeriert, es ginge um ein uneheliches Kind, das dem ehelichen Partner als das eigene ins Nest gelegt werden soll. Zwar ist das Baby der attraktiven Lehrerin ein solches, doch gäbe das allein noch keinen Stoff für einen Roman her. Aus der Rivalin der Kuckucksmutter allerdings tritt die dunkle Seite ans Tageslicht und daraus lässt Ingrid Noll ihre Ich-Erzählerin keinen Hehl machen: "Eigentlich hasse ich sie schon lange, aber es wird mir erst jetzt bewusst" (Seite 69). Nun erst kann es für den Leser spannend werden und wird es auch, obwohl einiges dagegen spricht. Es spricht gegen Spannung, dass die Ich-Erzählerin ihre Gefühle äußerst unverblümt ausspricht und dadurch all ihr mörderisches Tun logisch und vorhersehbar werden lässt. Kein von ihr initiierter Vaterschaftstest überrascht. Dennoch liest man weiter, als müsse man alle Ahnungen hinsichtlich des Fortganges der Handlung überprüfen. Finstere Gefühle reißen das Zepter an sich, die sich in vielen Menschen mehr oder minder beherrscht und in Schach gehalten regen. Die Identifikation mit der Furie, die tötet, ohne selbst Hand anzulegen, zieht den Leser in ihren Bann. In ihrem unbändigen Hass fühlt man sich fast heimisch, weil sie ebenso wie ihn auch ihre Enttäuschungen und Verletzungen offenbart, die ihn keimen und wachsen ließen. Hätte sie ihn nur ein wenig im Griff! Aber vielleicht nimmt doch alles einen anderen als den vermuteten Ausgang?

Patchwork: glückliche Partnerschaft mit eigenem und Kuckuckskind?

Nein, das Ende ist kein gutes, obwohl die Neiderin schlussendlich mehr als das besitzt, worum sie ihre Rivalin zuvor je hatte beneiden können: Sie findet ihre Liebe, und zwar ausgerechnet beim Vater des Lieblingsschülers. Den Lieblingsschüler hat sie nun nicht nur einmal wöchentlich zu Gast, sondern sie wohnt bei ihm. Sie blüht auf und gewinnt an Attraktivität. Ihre Schüler mögen sie und schenken ihr zum Schuljahresende Blumen. Sie adoptiert das Kuckuckskind der gehassten Kollegin, dessen per DNA-Analyse ermittelter Vater in ihrer neuen Patchwork-Familie lebt. Sie wird endlich selbst schwanger. Ist nun alles gut? Die Antwort auf diese Frage enthalten die Gedichtzeilen von Ricarda Huch:

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,

Die Welt wird ein Blütenmeer.

Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,

Da blüht nichts mehr.

Vaterschaftstest: legale Auskunft zur Abstammung an jedermann?

Ingrid Noll greift mit neuen Familienformen, Kuckuckskindern und Abstammungsgutachten ein durchaus aktuelles Thema auf. Leider geht sie damit sehr leichtfertig um. Abgesehen davon, dass sie DNA-Analyse und Gen-Test synonym verwendet, was falsch ist, problematisiert sie die Legalisierung von Abstammungsgutachten nicht nur nicht, sondern bagatellisiert: "Eine Untersuchung von DNA-Material eines Menschen ohne dessen Zustimmung verstößt zwar gegen das Recht auf Selbstbestimmung, ist aber nicht strafbar" (Seite 310f). Erhält tatsächlich jeder, der genetisches Material eines Kindes und eines Mannes an ein entsprechendes Labor schickt, Auskunft darüber, ob der Mann der Vater des Kindes sein kann oder nicht? Überprüft wirklich keiner, von wem das Gutachten angefordert und was damit beabsichtigt wird? Ingrid Noll stellt das so dar. Was hat es eine Lehrerin zu interessieren, wer der Vater des Kindes ihrer Kollegin ist? So der Roman zur Schullektüre wird, ist er bestens geeignet für seine kritische Betrachtung im fächerübergreifenden Unterricht in Deutsch, Biologie und Ethik.

Ingrid Noll: Kuckuckskind. Diogenes 2008. Taschenbuch, 339 Seiten. Euro 9,90.

Bildnachweis: hagir25/ pixelio.de

Miriam Hartz, Photograph: Jörg Gerhard Bundschuh

Miriam Hartz - Im Anschluss an 18jähriges Dasein in Minderjährig- und Unmündigkeit als Buchbindergehilfin gearbeitet, eine Lehre zur ...

rss