Künstliche Intelligenz

Bayerisches Kultusministerium ändert nachträglich die Korrekturmaßstäbe für das G-8-Abitur, damit mehr Schüler bestehen.

Wenn die Bayern fürchten müssen, irgendein Land könnte dem Freistaat mit irgendetwas zuvorkommen, dann wird in München zum Überholen angesetzt – im Eiltempo und manchmal auch im Übereiltempo. Das zeigt sich dieser Tage nur allzu deutlich am ersten Abiturjahrgang des achtstufigen Gymnasiums.

Stoibers Alleingang

Es war der 6. November 2003 als Edmund Stoiber (CSU), damaliger bayerischer Ministerpräsident, in einer Regierungserklärung verkündet hatte:"Unsere Jugendlichen sollen die bestmögliche Ausgangsposition für ihren Start in das Leben haben. Sie sollen hervorragend ausgebildet werden. Aber sie sollen auch mit Jugendlichen aus anderen Ländern mithalten können, die früher in das Berufsleben einsteigen und damit in unserer globalen Welt bessere Chancen haben." Damit stand fest: Vom kommenden Schuljahr an sollte das achtstufige Gymnasium (G8) in Bayern Wirklichkeit werden.

Und: Auch die bereits 2003 in die 5. Klassen eingeschulten Kinder sollten schon nach zwölf Jahren ihr Abitur machen. Stoiber wollte allen zuvorkommen, die auch an der Einführung eines achtstufigen Gymnasiums bastelten, insbesondere den Nachbarn aus Baden-Württemberg. Die bayerischen Schüler sollten die Ersten sein, die in die Hörsäle der Unis einrückten. Dabei hatte die Staatsregierung noch kurz zuvor im Wahlkampf damit geworben, am neunstufigen Gymnasium festhalten zu wollen und – nach fünf Jahren Ausarbeitungszeit – einen neuen Lehrplan für das alte Modell in Kraft gesetzt. Der wurde nun verworfen, ein ausgearbeiteter Plan für das G8 aber existierte nicht.

Ohne richtiges Konzept

Vielmehr wurde das neue Modell zu einem fortlaufenden Feldversuch, in dem der erste Schülerjahrgang als Versuchskaninchen missbraucht wurde. Lehrpläne wurden mitten im Schuljahr komplett geändert, Stundenpläne nachträglich gekürzt und Schulbücher teilweise erst Wochen nach Schuljahresbeginn herausgegeben. Die Proteste von Lehrern, Schülern und Eltern gegen das neue System waren jedoch nicht laut genug und die Vertreter der Staatsregierung übten sich bis zum Schluss in Zweckoptimismus. So verkündete Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) noch im vergangenen Jahr: "Die berechtigte Sorge, dass einer der beiden Jahrgänge benachteiligt sein könnte, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht eintreten. Die Abiture im G8 und im G9 werden vergleichbar sein."

Genau dies ist aber nun nicht der Fall. Die Abiturergebnisse des ersten G8-Jahrgangs fielen so schlecht aus, dass der Kultusminister sich gezwungen sieht, sie nachträglich ein bisschen schöner zu färben. Am vergangenen Mittwoch erreichte eine Mitteilung des Ministeriums alle bayerischen Gymnasien: Man möge die schriftlichen Abiturprüfungen noch einmal – und zwar sehr wohlwollend – prüfen. Außerdem wurden die Maßstäbe zum Bestehen des Abiturs herabgesetzt. So müssen Abiturienten nun nicht mehr wie bisher in zwei von drei Kernfächern (Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache) mindestens fünf Punkte (Note 4) erzielen, sondern es genügt, wenn sie in einem Kernfach fünf und in einem weiteren Kernfach mindestens vier Punkte erreichen.

Reduzierung von Wissen auf "Bestehen" oder "Durchfallen"

Zwar senkt diese nachträgliche Korrektur das Niveau im Endeffekt nur um ein Drittel einer Note und sie wird die Durchfallerquote wohl auch nicht nennenswert reduzieren (an einem Nürnberger Gymnasium profitierte beispielsweise nur einer von zwanzig durchgefallenen Abiturienten von der neuen Regelung). Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack: Denn wenn sich die Standards für das Bestehen eines Abiturs so einfach ändern lassen, geht es wohl weniger darum, was die Schüler nun tatsächlich gelernt haben, sondern lediglich darum, wie gut sie im Vergleich zu anderen sind.

Das Ziel von schulischer Wissensvermittlung scheint also nicht zu sein, mündige Bürger zu formen, die nach Gründen fragen und sich mit Neugier bildungsrelevanten Themen widmen. Stattdessen werden die Kriterien von Wissen und Können auf Bestehen oder Durchfallen reduziert und die Prüfung wird zum alleinigen Zweck der Wissensaneignung. Die Menschen, die ein solches Schulsystem hervorbringt, lassen sich dann eben auch acht Jahre lang als Versuchskaninchen missbrauchen, ohne großartig dagegen aufzubegehren.

Quellen:

  • Scherf, M.: "Spaenle greift in Abiturbenotung ein", S. 45 In: Süddeutsche Zeitung Nr. 128.
  • http://www.sueddeutsche.de/bayern/g-abitur-in-bayern-scheitern-muss-sein-aber-nicht-zu-oft-1.1105378.
  • http://www.aref.de/news/allgemein/2005/volksbegehren-G9-anstatt-G8.htm.

Nikolaus Röhrer - Niki Röhrer hat Sport, Medien und Kommunikation an der TU München studiert. Nach verschiedenen Praktika in den Bereichen ...

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