Ganz egal, ob man straff à la Hemingway erzählen möchte oder so üppig fabulierend wie Salman Rushdie, zum Fertigstellen eines Manuskripts gehört es immer den Text zu kürzen, zu straffen, ihn dadurch auch dichter zu machen und all die überflüssigen kleinen Schlenker zu entfernen, die den Leser aus der Kurve fliegen lassen könnten.
Doch sitzt man dann vor dem Text, den man sich gerade erst unter Mühen aus dem Hirn gewrungen hat, will man meistens partout nichts entdecken, worauf man verzichten könnte. Deswegen hier ein paar Hinweise, wo man ansetzen kann. Am besten setzt man für das Kürzen viele Durchgänge an und konzentriert sich immer nur auf einen Aspekt. Vorab noch ein Tipp zum Thema "gerade erst geschrieben": Bevor man mit dem Straffen beginnt, sollte der Text eine Zeit lang zur Seite gelegt werden, damit sein Autor ihn distanzierter betrachten kann.
Überflüssige Szenen
Was will ich erzählen? Und auf welchem Weg möchte ich das tun? Wer das weiß, kann bei jeder Szene überprüfen, ob sie etwas zur Geschichte beiträgt, ob sie die Erzählung voranbringt. Szenen, die zwar sehr schön sind, jedoch dem Text keinen neuen Aspekt hinzufügen, werden ausgeschnitten und in den Ordner mit dem Titel "geliebter Müll" oder so verschoben.
Funktionslose Figuren
Für Figuren gilt ähnliches wie für Szenen, jeder Einsatz muss sinnvoll sein. Auch Nebenfiguren und Platzhalter müssen für den Text eine Aufgabe haben, zum Beispiel Informationen einbringen oder einen wichtigen Persönlichkeitsaspekt der Hauptfigur zum Vorschein kommen lassen. Schon aus Gründen der Übersichtlichkeit sollte man versuchen mit möglichst wenigen Figuren auszukommen, diese jedoch um so besser ausgestalten.
Inhaltliche Wiederholungen
Im richtigen Leben müssen wir mit Wiederholungen leben, erzählen unsere Lieblingsanekdote immer wieder und müssen die alten Geschichten der Verwandtschaft stets aufs Neue ertragen. In Texten sind Wiederholungen das sicherste Mittel, um Leser zu langweilen.
Erläuterungen
Es ist nicht nett, aber ehrlich gesagt hält man die Leser gerne mal für ein bisschen … doof. Man schreibt eine Szene, und um sicher zu gehen, dass das Wichtigste beim Leser angekommen ist, fügt man noch eine Erklärung hinzu. Oder man schreibt ans Ende der Geschichte so etwas wie eine Quintessenz und sei es nur der Satz: "Das war ein unvergessliches Wochenende für Karl-Peter." Alle Erläuterungen, die das noch mal ganz klar machen, was sowieso schon in der Geschichte steckt, gehören ersatzlos gestrichen.
Überflüssige Details
Details können einen Text lebendig machen, sie sollten jedoch sinnvoll ausgewählt sein. Wenn man den Protagonisten in ein Büro gehen lässt und dabei als Detail anmerkt, dass die Sekretärin das Gebiss eines Rottweilers hat, dann charakterisiert das die Sekretärin, vielleicht auch die Atmosphäre. Schreibt man hingegen nur, dass sie eine lilafarbene Bluse trägt, fragt sich der Leser „So what?“. Details, die nicht aussagekräftig und besonders (für die Geschichte) sind, blähen den Text auf und können getrost gestrichen werden.
Die Einführung
Anton Tschechow empfahl ganz kompromisslos, die ersten drei Seiten eines Textes wegzuwerfen. Den Anfang einer Geschichte braucht der Autor, um sich warm zu schreiben, sich in den Ton, die Figur und die fiktive Welt einzufinden. Das ist wichtig, was dabei herauskommt, ist allerdings für den Leser oft verzichtbar, denn ihm wäre höchstwahrscheinlich eine straffe, ihn direkt ins Geschehen ziehende Einleitung lieber. Neben dem Warmschreiben gibt es noch einen anderen bedenkenswerten Punkt, nämlich die Frage, wann der beste Zeitpunkt ist, um den Leser in die Geschichte einsteigen zu lassen. Das kann man oft erst entscheiden, wenn die Geschichte komplett vorliegt. Also: Erst mal drauflos schreiben und dann wegstreichen.
Blähwörter und Lieblingsausdrücke
Irgendwie, völlig, eigentlich – Wörter wie diese sagen nichts aus, sondern blähen Sätze auf und können aus dem Text entlassen werden. Auf ihrem Weg nach draußen sollten sie begleitet werden von den Lieblingswörtern und -ausdrücken, die jeder Autor hat und zu oft verwendet. Diese aufzuspüren ist schwierig, ein Testleser kann dabei eine große Hilfe sein.
Wortwiederholungen
"Er legte fragend den Kopf schief. Ich schüttelte den Kopf ..." Wortwiederholungen sind schnell in die Tasten gerutscht und werden am besten laut lesend aufgespürt. Werden sie nicht ausgemerzt, klingt das im Leserohr zu Recht schlampig geschrieben.
Unpräzise Adjektive und Adverbien
Jedes einzelne Adjektiv oder Adverb im Text sollte auf Herz und Nieren geprüft werden. Transportiert es einen präzisen, sinnlichen Eindruck, wie etwa samtig, kalt, blutrot? Dann hat es womöglich eine Existenzberechtigung. Handelt es sich um ein unpräzises Adjektiv, wie beispielsweise schön, toll, blöd (denn wer legt fest, was schön, toll oder blöd ist?), ist das ein Fall für die Löschtaste. Aber auch sinn-volle Adjektive sollten besser nicht wie mit dem Salzstreuer im Text verteilt werden. Daher kann man sich in jedem einzelnen Fall fragen, ob das entsprechende Adjektiv tatsächlich notwendig ist.
Dialogauszeichnungen
Fragte er, befahl sie, antwortete es. Oder auch: sagte er, sagte sie, sagten wir. Für welche Variante man sich entscheidet, ist immer auch eine Geschmacksfrage. Außer Frage steht lediglich, dass man diese Dialogauszeichnungen weglassen sollte, wenn klar ist, wer spricht.
Übung: Um das Straffen eines Textes in Ruhe zu trainieren, kann man sich eine ältere, selbst geschriebene Geschichte vornehmen und weder rasten noch ruhen, bis sie um exakt 25 % gekürzt ist. 25 % sind richtig viel, höchstwahrscheinlich sogar zu viel, aber darum geht es in diesem Moment nicht. Hier soll nur geübt werden, auch dann noch weiter zu kürzen, wenn man glaubt, nichts mehr zu finden, was noch weg könnte. Außerdem soll man bei dieser Übung beobachten, wie sich der Text während des Kürzungsprozesses verändert. Vielleicht erreicht die Geschichte ihre ideale Form, wenn sie um 8 % oder 17 % schlanker ist, aber stören Sie sich ein einziges Mal nicht daran, sondern streichen Sie gnadenlos weiter, bis 25 % weg sind.
