Als in München während der Siebziger Jahre die Alternativbewegung Fuß fasste, war Haidhausen der erste und erklärte Schauplatz mannigfacher Initiativen. Hier gab es den ersten Naturkostladen, in dem sich die „Szene“ an verschrumpelten Mohrrüben und strohtrockenen Dinkelplätzchen delektierte, hier schossen die ersten alternativen Kneipen aus dem Boden. Heute lockt das ehemalige Spontiviertel, das hinter dem rot in der Sonne aufleuchtenden Maximilianeum beginnt, mit einem bunten Kneipenleben, das dem traulichen Charme stiller Plätze und liebenswerter Gassen keinen Abbruch tut.
Ein spezifisches Lebensgefühl: Der Wiener Platz
Gleich hinter den Maximiliansanlagen liegt der Wiener Platz – verwunschen in der Morgenstille offenbart er sich als das Zentrum eines spezifischen Haidhauser Lebensgefühls, das im Wesentlichen aus dem Sitzen in Cafehäusern besteht. Umgeben von winzigen eingeschossigen Häusern befindet sich hier ein ebenso winziger Markt, dessen herrliche Spezereien das hohe kulinarische Bewusstsein des Stadtteils widerspiegeln – man bevorzugt Bio, ob es sich nun um den Käse, den Wein oder die Eier vom Land handelt. Rechterhand, über den Isarauen gelegen, erhebt sich das Hofbräuhaus an der Inneren Wiener Straße, nicht zu verwechseln mit seinem berühmteren Namensvetter, dem Hofbräuhaus am Platzl. Das Haidhauser Hofbräuhaus ist eine beliebte Traditionsgaststätte mit einem riesigen Biergarten, unter dessen Kastanienbäumen ein bunt gemischtes Publikum seinen Maßkrug stemmt. Wechselnde Gerichte a 5,55 bietet der Wirt hier feil – eine Sozialmaßnahme angesichts der gerade in München rasant angestiegenen Restaurantpreise. Die größte Attraktion ist jedoch der eingezäunte Spielplatz im Freien sowie die abgetrennte Spielecke im Innern: Hier sorgt eine ausgebildete Kindergärtnerin dafür, dass die gestressten Eltern in Ruhe ihre Schweinshaxn verzehren können.
Cafèhäuser: Die Qual der Wahl
Mehrere Läden rund um den Wiener Platz haben Cafehausstühle vor ihre Auslagen platziert – in Haidhausen entfaltet sich das Crossover-Modell von Shop und Cafe auf geradezu inflationäre und hinsichtlich der Originalität beglückende Weise. So hat der Spaziergänger im Lauf seiner Exkursion schwere Entscheidungen zu fällen: Soll er nun im „Cafe am Wiener Platz“ seinen Cappuccino schlürfen, dass es dem Exmann von Iris Berben gehört, gibt dem eher konventionellen Lokal einen gewissen Kick, oder soll er lieber an den Sonnentischen des „Celebrita“ ein wenig römisches Ambiente atmen? Soll er weiterspazieren, in die Steinstraße hinein, um dort auf kleinen Kinderstühlchen, also quasi auf dem Bürgersteig, seine Butterbrezen zu vertilgen? Nun, haltmachen sollte er in jedem Fall im „Mezzodi“ auf dem idyllischen Genoveva-Schauer-Platz, wo der liebenswürdige Wirt Antonio als stille Kontaktbörse fungiert und überdies herrliche Weine, Topsalate und wunderbare Bruschetta serviert.
Schräge Kneipen, skurrile Wirte
Und anschließend sollte er in die Wörthstraße einbiegen, die unübersehbar das kulinarische Rückgrat des Viertels bildet. Hier, wo die Tram Nummer 19 bimmelnd ihre Spur zum Ostbahnhof zieht, hält der Ferdl, ein Haidhauser Urgestein, das Zepter über die wohl schrillste Kneipe Haidhausens: Das NoMiYa, eine bajuwarisch-japanische Crossover-Lokalität offeriert des Ferdls Quetschkommodenklänge zum original japanisch zubereiteten Sushi. Die gelungene Mixtur aus bairischem Hirschgeweih und japanischer Verköstigung ist seit Jahren ein Dauerbrenner, zumal das Essen phantastisch schmeckt. Doch weiter: Im „Cafe solo“ serviert die Wirtin Christin, dreifache Mutter und ergo kindgerecht ausgestattet, herrlichen selbstgebackenen Kuchen und eine Auswahl an köstlichen Chai-Tees. Und noch ein paar Häuser entfernt offenbart ein ehemaliger Ober des Operncafes seine wechselvolle Biografie nebst ausgesuchten italienischen Spezialitäten – „Mio piccolo Cafe“ heißt das neue Lokal von Oberkellner Bekim und wird als neuester Insidertipp der Haidhauser Szene gehandelt.
Das Johanniscafé: Ein Muss für Insider
Und wenn wir schon bei der Originalität sind: Ein absolutes Muss für den München-Kenner ist das „Johanniscafe“ am wunderschönen Johannisplatz. Hier saß die Autorin schon vor dreißig Jahren im seither immer gleich schräg gebliebenen Mobiliar: Fünfziger Jahre Resopaltische stehen hier nicht aus Gründen des Designs, sondern quasi aus sich selbst heraus so wie sie sind. Nichts könnte das Johannsicafe mit seinen angestammten Wirtinnen und seinem urigen „Tannenzäpflebier“ je verändern – und wenn doch, so bräche eine Revolution aus unter den Gästen. Und die suchen das Lokal vornehmlich in den frühen Morgenstunden auf – wunderbares Nachtgesindel oder „Gschwerl“, queerbeet „durchrasst“: Dichter, Möchtegerndichter, Schachspieler, Uhrenverkäufer, Originale, Möchtegernoriginale, Münchner, Möchtegernmünchner und Ungernmünchner. Wie sich der Genius loci seit Jahren hält, der sich durch das „Nichts Besondere“ – auch was die Speisekarte betrifft – auszeichnet, ist im Grunde ein Rätsel. Fakt ist, er tut es.
Bio-Weißwurscht und Frühstücksfreuden
Ein wenig artiger wird es dann wieder in der Preysingstraße, wo sich im gleichnamigen „Preysinggarten“ vornehmlich das Haidhauser Frühstücksestablishment tummelt. Hier wird zu gehobenen Preisen Gehobenes serviert – Bio versteht sich – doch der kleine Biergarten ist herrlich und die Bedienung freundlich. Besonders sonntags empfiehlt es sich, einen Platz zu bestellen, zumal auch hier wieder ein Spielplatz in den Biergarten integriert ist und viele junge Eltern dessen Annehmlichkeit genießen. Einen Katzensprung weiter geht es zum „Kloster“, einem schlicht eingerichteten Lokal in wahrhaft klösterlich stiller Umgebung: Der Blick fällt, ungetrübt von vorbeifahrenden Autos, auf die zauberhaften kleinen Häuschen und Vorgärten, die einst von den Arbeitern der Isarvorstadt bewohnt und durch lautstarke Bürgerproteste vor dem Abriss bewahrt wurden. Im Kloster herrschen reelle Preise: Die Weißwurscht liefert der Promi-Bio-Metzger Vogel und den Schweinsbraten serviert das Kloster auf herkömmliche, das heißt bayerische Weise. Schön ist es hier zu sitzen, zu essen, zu trinken, vor allem, wenn in den Abendstunden die bunten Lampions leise im Nachtwind schaukeln und die beginnende Haidhauser Nacht einläuten, die - wir wollen es nicht verhehlen - natürlich im Johanniscafè endet.
