Hochkultur - Alltagskultur - Kulturverfall?

Das Sinnstiftungsprogramm einer Gesellschaft

Ein Einblick in die Tücken und Faszination des Begriffs "Kultur"

Zu den wohl widerborstigsten Begriffen, die sich standhaft einer eingängigen Definition widersetzen, zählt wohl fraglos neben dem Kommunikations- der Kulturbegriff – und sorgt auf diese Weise dafür, dass die Kulturwissenschaften ein unerwartetes Comeback feiern konnten, kritisch beäugt von der Soziologie, die sich eher auf den benachbarten Gesellschaftsbegriff stützt. Doch sobald sich die Frage stellt, was Kultur eigentlich „ist“, wird es ernst – und kompliziert. Denn seit etwa einem Jahrzehnt wuchert das Label „Kultur“ - längst aus den besonders in Deutschland ihm vorbehaltenen Höhen der „Hochkultur“ hinabgestiegen in die Niederungen der „Alltagskultur“, die beispielsweise eine Fan-, Ess-, Jugend-, Unternehmens- oder Sprechkultur umfasst. Die Liste produktiver Neuschöpfungen ist dermaßen lang, dass man wohl statt von „der Kultur“ von „den Kulturen“ im Plural sprechen sollte. Und so vielseitig der Kulturbegriff, so lang ist auch die Tradition, über den tatsächlichen oder vermeintlichen Kulturverlust zu klagen, besonders gern und eindringlich zur Epochen- oder Jahrhundertwende. In Reinkultur (!) läuft dieses Klagen dann auf den lapidaren Satz hinaus, dass früher alles besser gewesen ist. Doch das ist eine Haltung, die schon der Antike vertraut war. Man denke nur an den Mythos vom Verfall des Goldenen Zeitalters, den nicht erst Ovid beschrieb.

Ein kommunikationswissenschaftlicher Vorschlag zur Begriffsbestimmung

Unter der Vielzahl an Begriffsbestimmungen ragt der kommunikationswissenschaftliche Vorschlag heraus, Kultur als Programm zu verstehen, mit dem eine Gesellschaft/eine Gruppe ihre Vorstellungen von der Wirklichkeit erzeugt. Das hat auf mehreren Ebenen Konsequenzen; beispielsweise stellt der Bezug auf Kultur Wertmaßstäbe bereit – eine der wichtigsten Grundlagen jedes Modells von Wirklichkeit. Zugehörig zur selben Kultur ist, wer dieselben Werte teilt. Zweitens regelt das Programm damit das Identitätsbewusstsein der Gruppe, indem sie einerseits alternative Wirklichkeitsmodelle anderer Gruppen ins Blickfeld rückt und gleichsam unter der Hand auf Unterschiede aufmerksam macht. Man bekennt sich notfalls zu (s)einer Kultur und zeigt damit an, dass man dazugehört – man ist anders als die anderen. Und drittens ermöglicht die Kultur, dass eine Gesellschaft/eine Gruppe so etwas wie ein soziales, kollektives Gedächtnis herausbildet und sich, wenn es eng wird, auf Traditionen berufen kann.

Alles in allem, so kann man verschiedene Ansätze auf einen Nenner bringen, handelt es sich bei der Kultur um ein Sinnstiftungsprogramm; Kultur ist erforderlich, wenn es darum geht, beispielsweise eine Menge von Zeichen, nicht zuletzt: sprachlichen Zeichen, also Wörtern oder Worten, mit einer inhaltlichen Vorstellung zu koppeln.

Kultur im Unternehmen – Kultur des Unternehmens

In der Betriebswirtschaftslehre ist die Begeisterung für den Faktor „Unternehmenskultur“ inzwischen einer realistischeren Betrachtungsweise gewichen, der zufolge es mit zu(?) vielen Unwägbarkeiten verbunden ist, mittels des sogenannten „Change Management“ quasi von oben gewachsene kulturelle Gepflogenheiten per Dekret zu verändern. Hier greift die Erkenntnis Raum, dass die Unternehmenskultur, Inbegriff der informellen Organisation, und die „soft skills“ sich bei jedem Versuch, sie eigens und ausschließlich zu thematisieren, dem Blick entziehen. Dabei ist eine intakte Unternehmenskultur eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Lernende Organisation – als Fundament unhinterfragbarer Vorannahmen, auf deren Grundlage erst Markt-, Kunden-, Konkurrenz- und nicht zuletzt Selbstbeobachtungen möglich werden.

Die Faszination der Kultur dauert an

Darum wird der Kulturbegriff auch weiterhin faszinieren, und zwar als Inbegriff des Wissens um das eigene Nichtwissen, das eine Gesellschaft oder Gruppe zu dem macht, was sie ist – und das heißt nicht zuletzt: wandelbar – mit all den Risiken, die ein Kulturwandel eben mit sich bringt.

Nuri Ortak - Promovierter Pragmalinguist mit Schwerpunkt "Überzeugungskommunikation", Textlinguistik, Dialoggrammatik. Interesse an systemischen ...

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