
- Göttlicher Angler Maui, South Bay Kaikoura - FxReid
Ebenso wie auf anderen Inseln im Südpazifik sahen sich die europäischen Entdecker auch auf Neuseeland nicht nur mit unerforschter Natur und ungewohnt harten Lebensbedingungen konfrontiert, sondern auch mit einem Volk, das eher da war. Woher und wann genau die Maori in ihren einfachen Holzbooten die Küste der Zwillingsinseln von Neuseeland erreichten, ist nach wie vor unklar. Hinweise geben jedoch ihre Kultur, die Sprache und die bekannt freundlichen Wesenszüge, die den glücklichen Bewohnern der Südsee-Eilande Polynesiens eigen sind.
Die Große Flotte der polynesischen Migration
Ein Teil der polynesischen Migration fand den Seeweg von der Inselwelt um Tahiti ans südöstlichste Ende der Welt und brachte Begriffe wie z.B. Tapu und Marae mit, auf den Inseln des Südpazifik für einen (heiligen) Versammlungs- und Kultort gebraucht – auch in Neuseeland. Es ist rund 700 Jahre her, dass die polynesischen Seefahrer an der Küste Neuseelands landeten. Der Legende nach kam die Große Flotte in sieben mythischen Kanus, auf die die Abstammung der verschiedenen Stämme zurückgeführt wird. Die Polynesier fanden in den wechselhaften Bedingungen des Klimas und der ungewohnten Natur ihrer neuen Heimat nicht nur Vorteile, doch sie blieben.
Ein gutes Beispiel dafür bietet die Gegend um die heutige Stadt Rotorua, auf halber Strecke zwischen zentralem Vulkanmassiv und der Bay of Plenty gelegen. Da es den polynesischstämmigen Einwanderern und ihren Nachkommen in der winterlichen Hochebene schon mal recht frisch um das Baströckchen wurde, schätzten sie den vulkanischen Vorteil der Gegend, denn um die vielen Seen gibt es bis heute starke geothermale Aktivität, die den Maori an ihren Siedlungsplätzen eine vorinstallierte Fußbodenheizung bescherte.
Für Moa-Hunter der Maori Neuland im Reich der Vögel
Doch auch die Nahrungsbeschaffung erforderte neue Vorgehensweisen, denn das neuseeländische Wetter ist eben nur selten tropisch, so dass mitgebrachte Kulturpflanzen wie die Kokosnuss nicht mehr als Nahrungsquelle dienen konnten. Auch das tierische Nahrungsangebot war nicht viel reichhaltiger als in der alten Heimat, da es ursprünglich keinerlei Landsäugetiere in Neuseeland gab. Nur eine Kuri genannte, mitgebrachte Hundeart diente neben der vielfältigen Meeresfrüchte-Diät als Protein-Lieferant, bis zu ihrem Aussterben kurz nach der Ankunft der Europäer. Auch die Entdecker um James Cook schätzten übrigens die Hunde der Südsee-Inseln als Nahrungsergänzung und frische Alternative zum mitgeführten Pökelfleisch. Neuseeland hingegen war natürlicherweise das Reich der Vögel, die sich in der Isolation der Inseln ungestört und flächendeckend entwickeln konnten. Besonders der Moa, eine riesige Laufvogelart größer als der Vogel Strauß, wurde von den frühen Maori-Stämmen – eben auch Moa-Hunter genannt – als Jagdbeute bevorzugt, bis auch er endgültig verspeist war.
Gefährlichestes Raubtier Neuseelands: Der Mensch
Der Mensch war seit der Ankunft auf den neuseeländischen Inseln das gefährlichste Raubtier. Doch die Maori lebten, so lange sie ungestört waren, weitestgehend so, wie man sich ein ursprüngliches Leben im Einklang mit der Natur vorstellen mag. Zwar legten auch sie schon vor der Ankunft der weißen Siedler große Gärten und Kumara (Süßkartoffel)-Pflanzungen an, indem sie den Regenwald mit Nachdruck abholzten und brandrodeten. Doch geschah dies unter der Maxime der Bestandssicherung. Maori jagten z.B. einen Vogel namens Huia, um sich mit seinen Schwanzfedern als Statussymbol zu schmücken. Und zwar nur so lange, bis der Bestand in einem Gebiet bedroht war. Dann wurde eine Jagdsperre, Raiwi genannt, ausgesprochen, um der Art Gelegenheit und Schonzeit zu geben, sich zu erholen. Das funktionierte so lange, bis weiße Siedler den Wald dermaßen dezimiert hatten, dass der Huia keinen Lebensraum mehr fand und umgehend ausstarb.
Naturnahe Kultur der Maori: Kannibalismus, Schrumpfköpfe, Tätowierungen, Jade-Kunst
Auch wenn die Maori wie ihre polynesischen Verwandten die Metallverarbeitung nicht beherrschten, kamen sie mit anderen Hilfsmitteln ihren kulturellen, handwerklichen und ausgeprägten kriegerischen Notwendigkeiten mit dem kunstvollen Gebrauch von Knochen- und Greenstone-Schnitzereien nach. Besonders das grüne Jade-Gestein Neuseelands diente als Material für Schmuck, Angelhaken, Kriegskeulen und Pfeilspitzen. Das Holz der riesigen Kauri-Bäume hingegen wurde für die Rümpfe der Kriegskanus (Waka) gefällt, während das Harz beispeilsweise mit Beimischungen als Tätowierfarbe und Kaugummi Verwendung fand. Auch wenn die Natur Neuseelands in vielerlei Hinsicht eine Anpassung der Lebensgewohnheiten der Maori forderte, änderte das nichts an der kriegerischen Tradition der Stammes-Gesellschaft – Kannibalismus gehörte übrigens laut Augenzeuge Georg Forster und seinem Reisebericht (S. 443ff. sowie insbesondere S. 886f.) auch in Neuseeland dazu. Wie die verwandten polynesischen Völker verspeisten die Maori in kultischen Ritualen bestimmte Körperteile ihrer besiegten Feinde, was bekanntlich dazu führte, dass James Cook 1779 nur teilweise auf Hawaii beigesetzt werden konnte.
Weniger bekannt hingegen ist, dass aus Neuseeland auch Schrumpfköpfe stammen, "denn bei den Maori war es eine grausame, kultische Sitte, daß die Köpfe getöteter feindlicher Häuptlinge kunstvoll getrocknet und als Mumienschädel samt Haut, Tatauierung und Haaren als zauberkräftige Trophäen aufbewahrt wurden", wie ein weiterer europäischer Forscher aus seinen engen Maori-Kontakten berichtete.
Zivilisation oder Maoritanga im Land der langen weißen Wolke
Wer schon einmal die neuseeländischen Inseln, in der Sprache der Maori Aotearoa, Land der langen weißen Wolke, besucht hat, der wird die offensichtlicheren Eigenheiten der indigenen Bevölkerung kennen gelernt haben: Die traditionellen Tätowierungen des Moko auf Gesicht und Körper; den Kriegstanz Haka, auch heute noch fester Bestandteil der Identität der Neuseeländer; und das ursprüngliche Leibgericht Hangi, ein im Erdofen gegarter Fleisch-Eintopf. Letzterer – heute ohne Hund zubereitet – wird in guter Tradition der polynesischen Gastfreundschaft gerne mit Besuchern geteilt. Doch auch wenn den Maori die brutale Verfolgung und das Unrecht anderer kolonisierter Urvölker teilweise erspart geblieben ist, so war die Anpassung an den importierten, dominanten Lebensstil und die Politik der Kolonialisten nicht immer einfach. Zumal die traditionellen Stammesfehden untereinander die Union gegen die europäischen Neuankömmlinge – Pakeha genannt – oft verhinderten.
Das Volk der Maori: Krieger, keine Politiker?
Die Maori hatten neben der christlichen Missionierung besonders unter dem Landhunger der europäischen Siedler zu leiden, die ihnen oft trickreich ihren angestammte Boden abspenstig machten. Eine Siedlung von Maori war immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass die betreffende Region einige natürliche Vorteile zu bieten hatte – egal ob fruchtbaren Boden, Fischreichtum, mildes Klima oder eben natürliche Fußbodenheizung. Als es landesweit vermehrt zu Konflikten um von weißen Siedlern unrechtmäßig erworbenes Land kam, wurde von der britischen Krone 1840 ein Vertragswerk aufgesetzt, um die Rechte der Ureinwohner zu manifestieren und zu schützen – so sah es zumindest zunächst aus. Durch sprachliche Missverständnisse dieses Treaty of Waitangi allerdings, der immer noch als Staatsvertrag Neuseelands gilt, wurden die Probleme der indigenen Bevölkerung keineswegs geringer, zumal nicht alle Stammesführer den Vertrag unterzeichnet hatten.
Heute stellen die Maori die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe Neuseelands. Nach aktuellen Schätzungen der Population Statistics Unit der Statistics New Zealand für das Jahr 2010 sind 663.900 Personen der bunt gemischten neuseeländischen Gesamtbevölkerung (4.398.688 im Januar 2011) Maori. Auch wenn nach wie vor Diskriminierung und Benachteiligung gegen die Erstbewohner Neuseelands festzustellen sind, nehmen sie mittlerweile vermehrt am gesellschaftlichen Geschehen teil, profitieren vom Anteil ihrer Kultur am touristischen Angebot des Landes, stellen Rugby-Idole und sind vor allem eines geblieben: Fröhliche, freundliche Bewohner einer Inselwelt weit weg von Europa.
