
- Assunta Tammelleo und Wolf Steinberger - Andrea Weber
Zwanzig Jahre ist es jetzt her, dass sich zwei Männer beim Joggen über den Weg gelaufen sind – der eine ein Wirt, der andere ein Architekt; der eine kannte die regionale Kunstszene und das Kabarett, der andere hatte einen Kellerraum zu vergeben, der bühnentauglich war. Der Architekt Peter Schleemilch plante 1990 ein außergewöhnliches Bürogebäude an der Leitenstraße, im Geltinger Industriegebiet. „Mitten auf der grünen Wiese, wo sonst nix war“, erinnert sich Matthias Röttig, kurz Hias genannt. Der kannte die Kulturszene, weil er zuvor in der Kulturkneipe „Notabene“ in Wolfratshausen eine Karriere vom Kellner zum Kulturwirt gemacht hatte und als Mitglied der Kabarettgruppe „Die Narrenschaukel“ kein Unbekannter mehr in der Region war. Das „Notabene“ gab es zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr und es fehlte in der Gegend ein Spielort für Theater und Kabarett. „Da war nur noch der „Korkenzieher“ in Geretsried, in dem vorwiegend Jazz- und Bluesmusiker auftraten“, erzählt Röttig.
Ein Jahr Planung für eine Kulturbühne mit Atmophäre
Also holte er die Pläne für den Kellerraum und fing mit seinem Freund Claus Steigenberger zu tüfteln an, wie so eine Kulturkneipe aussehen könnte, die später einmal Hinterhalt heißen sollte: Groß musste die Bühne sein und jeder Gast sollte einen freien Blick auf sie haben. „Wussten Sie eigentlich, dass die Bar konisch zuläuft, damit der Gast am Ende der Theke noch gut sehen kann?“ Wenn man dem Hias beim Erzählen zuhört, dann hört man sein Herz heute noch für den Hinterhalt schlagen. Ein Jahr lang haben die beiden geplant und gezeichnet damit am Ende auch die Atmosphäre stimmte. Claus Steigenberger entwarf die „alte Wand“ mit dem Hinterhalt-Schriftzug und Hias Röttig, organisierte das alte Mobilar. Mit seinem weißen Golf, einem Dachständer und einem kleinen Anhänger aus Niederbayern holte er sechs Tische und zwanzig Stühle auf einmal ab. „D‘Polizei häd mi ned dawischen braucha.“ Im August 1991 eröffnete die Kabarettgruppe „Fernrohr“ mit Helmut Schleich die neue Kulturbühne Hinterhalt.
Die „Narrenschaukel“ und andere Künstler, wie Helmut Schleich, Christian Springer und Andreas Giebel
Steigenberger und Röttig kannten sich aus dem spätberufenen Seminar St. Matthias in Wolfratshausen Waldram, seit sie dort von 1981 bis 1984 gemeinsam die Schulbank drückten und im Schultheater spielten, aus dem später die Kabarettgruppe „Narrenschaukel“ hervor ging. „Wo wir auftraten, war die Bude voll“, erinnert sich Steigenberger. Die „Narrenschaukel“ setzte sich kulturkritisch mit der Heimat auseinander, nahm das Bayerntum auf die Schippe. „Die Leute liebten das“, sagt Steigenberger. Auch im Hinterhalt traten sie auf und ihre Freunde aus der Kabarettszene kamen nach Gelting: Die Gruppe „Fernrohr“ mit Helmut Schleich, Christian Springer, der heutige „Fonsi“, Andreas Giebel, das Kabarettensemble Gruppo Di Valtorta. „Die waren alle sofort da, weil sie wussten, dass wir wissen, was eine gute Bühne braucht“ erzählt Steigenberger. Die anderen Künstler, die den Hinterhalt nicht kannten, waren eher skeptisch. „Was, da hinten auf der Wies‘n, sollen wir spielen, da kommen doch keine Leute hin?“, hieß es dann meistens. Doch wer einmal auftrat, kam immer wieder zurück. „Bald schon gehörte der Hinterhalt auf die Liste der Bühnen, auf der man als Künstler gespielt haben muss“, sagt Steigenberger.
Verein „Kultur im Hinterhalt“
Im Frühjahr 1992 wurde der Verein „Kultur im Hinterhalt“ gegründet. Die Vereinsmitglieder unter Vorsitz von Christoph Abeck übernahmen Planung, Organisation und Durchführung des Programms. Es wurden Sommer- und Winternächte initiiert, es gab HIZ – den Hinterhalt im Zelt, es gab „Kunst gegen Gewalt“ und die Veranstaltungsreihe „äktschn!“. Neben dem Theater und Kabarett zogen auch die unkonventionellen Musiker in den Hinterhalt ein. Man wollte alles, bloß keinen Mainstream. Unvergessen bleibt für Steigenberger das Konzert der tschechische Gruppe Jablkon. „Die spielten so ein vogelwildes Zeug, da tobten die Leute.“ Mit „Rock für vier“ und den späteren Jam Sessions war der Hinterhalt auch eine Bühne für den Nachwuchs.
Elf Jahre war Hias Röttig der Kulturwirt vom Hinterhalt. 2002 war dann für ihn Zeit zu gehen. „Ich wollte einen Ort schaffen, wo Oide und Junge, Gscheide und Blede sich wohl fühlen und das habe ich geschafft. Alle sind sie gekommen, die Akademiker und die Arbeiter, die Lehrer und Schüler.“ Der Hinterhalt war eine Institution geworden.Danach führte Hans Schaller die Kulturbühne bis sie am 15. August 2005 Grigorios Pavlidis, Akis genannt, übernahm. Auch er blieb nur drei Jahr, dann schien das endgültige Aus des Hinterhalts gekommen zu sein – dachte man.
Im Herbst 2008 kauften Assunta Tammelleo und Wolf Steinberger aus Wolfratshausen-Waldram die stillgelegte Kellerkneipe. Seitdem stellt sich das Wirtepaar der Herausforderung, aus dem Hinterhalt wieder das zu machen, was er einst war. Die „alte Mauer“ von Claus Steigenberger, die konische Bar und das Mobilar, das einst der Hias mit seinem weißen Golf hierher transportierte, erinnern noch heute an die guten alten Zeiten.
