Kunst des Informel in Deutschland

Mit der informellen Malerei lösten sich die Künstler von allen bis dahin geltenden Regeln und strebten die maximale Freiheit an.

In den fünfziger Jahren sah man erstmals Arbeiten der Informellen Kunst in Deutschland, im Raum Düsseldorf. Mit dem vorangegangenen Krieg fehlte den Künstlern der Ansatzpunkt, der keinesfalls am Alten anknüpfen sollte. Die Künstler begannen zu experimentieren und verdeutlichten damit ihren absoluten Drang nach Befreiung, der sich in ihren Bildern widerspiegelte.

Begriff Informel und seine Strömungen

Mit dem Begriff Informel wurde die maximale Freiheit gleichgesetzt, die dem Künstler ein Höchstmaß an individuellem Ausdruck einzuräumen vermochte, indem er sich von allen bisherigen Formvorgaben loslösen konnte.

Das Informel fand sich in verschiedenen Strömungen wie den Tachismus, die Lyrische Abstraktion, Art Autre, dem Informalismus, dem Action Painting, dem Automatismus und im Abstrakten Expressionismus wieder. Diese kristallisierten sich aus den unterschiedlichen Arbeitsweisen heraus. Ihre Gemeinsamkeit lag in dem sich Lösen von der Bindung an Motive und der Suche nach dem Ausdruck im Zufall, seiner Subjektivität und der individuellen Spontanietät.

Kritiker sahen in der neuen Richtung egozentrische Marotten mit dem Einsatz der Farben als Provokation.

Vom Wesen der informellen Malerei

Bis zur Geburt der informellen Malerei galt das Hauptinteresse dem Bild und wechselte von nun ab in die Dynamik, den energetischen Schaffensprozess. Die Aufmerksamkeit galt der Kraft, anstelle den bislang ins Zentrum des Augenmerks gestellten äußeren Formen.

Laufen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes, wie es zumindest von Jackson Pollock ausgiebig praktiziert wurde, Momente einfangen, Energie in malerischer Konzentration darstellen, der Farbe das Hauptgewicht zusprechen und mit Spontanietät dem eigenen Malakt den Ausdruck verleihen. Es galt, Unanschauliches in Sichtbarkeit zu verwandeln.

Bereits die deutschen Romantiker und auch die französischen Impressionisten suchten ihre Gegenstandswelt im Jenseits, indem sie ihre Realität von Licht und Farben auflöste.

Beim Informel verlieren Form, Linien und Farben ihre wesentliche Gegenständlichkeit. Es wird mit der Tradition, dem Akademischen, gebrochen und die Elemente agieren selbständig. Informel ist nicht abstrakt, da es sich nicht um die Abstraktion eines Naturvorbildes handelt.

Der Malakt und die weiterführende Rolle des Betrachters

Die Künstler suchten einen Neuanfang, der zum einen dem Pseudorealismus der Nazikunst entgegenwirken sollte, wie auch den bis dahin geltenden bildnerischen Normen und ästhetischen Regeln. Jede Form der Sicherheit, auch die lediglich scheinbaren, galten als verdächtig, als lebens- und kunstfern. Mit dem Informel begannen die Maler sich von der Staffelei zu lösen, die Leinwand auf den Boden zu legen und von oben zu malen. Kompositionsgesetze und die Gesetze des klassischen Tafelbildes wurden außer Kraft gesetzt. In erster Linie öffnet sich damit die Malerei dem Raum, der Experimentierwille wird gefördert und lässt Farben malerisch lebendig strömen.

Das Informelle und der Abstrakte Expressionismus basieren auf dem spontanten Handeln und dem impulsiven Vollzug. Insbesondere im Formlosen liegt der Indiz der reinen Spontanität, die sich im Beträufeln, Bekritzeln der Malfläche oder einem scheinbar wild gewordenen Pinsel zeigt. Der Malvorgang gleicht einer Choreographie, einem meditativem Bewegen, dessen Spur sichtbar gemacht wird.

Die informelle Malerei erfordert das Nacherleben des Werkes vom Betrachter. Die Bilder führen den Betrachter in das Reich der Phantasie, der Assoziationen, in die Freiräume der Werke, die ihn zum Partner des Künstlers werden lassen. Er wird somit veranlasst, dass er die angebotene Struktur kreativ füllt und wird damit aus seiner passiven Rolle entlassen. Dem Betrachter obliegt damit eine neue Aufgabe.

Resonanz auf die informelle Malerei

Die als fortschrittlich geltenden Betrachter lehnten diese Richtung ab. Für sie zeugte es lediglich als bloßes Abladen von Gefühlen, von Willkür und leerer Gestik, ohne dabei die innewohnende Hintergrundinformation wahrzunehmen. Informel geht schnell, hieß und heißt das Vorurteil noch immer, ohne den eigentlichen Gehalt, die Essenz des Künstlers, dabei wahrzunehmen. Weder in Deutschland, Europa noch in Amerika fand sich ein Markt für die eigenwilligen Bilder.

Mit einem Artikel in der 1947 veröffentlichten Zeitung "Der tägliche Kram" beklagt sich Erich Kästner aufgrund einer Publikumsbefragung zu einer Ausstellung, dass die intolerantesten, dümmsten sowie niederträchtigsten Bemerkungen fast ausschließlich von Schülern, Studenten und anderen jungen Menschen stammten. "Die heutige Jugend steht also dort, wo seit je die Alten, die unverbesserlichen Spießer und Kunstbanausen hingehörten? Welche Perversion, wenn dem so wäre!"

Das Informel aus historischer Sicht

Die einstig innewohnende Dynamik und Euphorie, die dem Befreiungsakt mit dem Informel innewohnte, war bereits in den 60er Jahren rückläufig. Künstlervereinigungen lösten sich auf und das, was einst das Informel beseelte, gab es nicht mehr. Der Zeitgeist hatte sich verändert. Seine Energien gelangten in die Bereiche des Fluxus, Happening und Aktionismus.

Das Informel bot keine angepasste Matrix, was ein Grund gewesen sein mag, dass sich diese Kunstrichtung nicht als Stil etablierte.

Neue Ansatzpunkte zu finden, die das Informel weiterentwicklen sind unumgänglich.

Quelle: Kunst des Informel, Malerei und Skulptur nach 1952, Herausgeber Tayfun Belgin, Wienand Verlag, 1997,

Christine Rödel, Christine Rödel

Christine Rödel - Ich bin in Thüringen geboren und aufgewachsen. Mitte der achtziger Jahre genügte der sich immer mehr verengende Radius nicht ...

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