Kunst in der Mode. Denn auf Glanz zählt man immer

Das Gesamtkunstwerk zeichnet die Welt der Mode von morgen aus. Designer wollen die eigene Kreativität während der Berliner Fashion Week 2012 ansprechen

Die letzte Fashion Week in Berlin hatte der internationalen Modewelt offensichtlich einiges zu verkünden. Damit die Trends von morgen eine effektvolle Präsenz auf dem Festival erhalten, greifen einige Designer nach entsprechenden Signifikanten. Manch einen Versuch krönt der Erfolg: ganz besonders jene Arbeiten, die durch die Idee des Gesamtkunstwerkes inspiriert eine Art Patchwork-Körper formen, Gröbstes und Feinstes vereinen, menschliche Silhouetten innovativer behandeln.

Dadurch sind die Schöpfungen der Großen Mode voll im artistischen Geist unserer Zeit und diesen Geist verkörpern viele der mitwirkenden Designer auf dem Berliner Modefestival: bekannt wie debütierend, konservativ wie avantgardistisch, älter wie jünger. Manche dieser Künstler, die sich hauptsächlich der europäischen Mode verpflichten, setzen dabei zum Zweck einer die Sinne stark illustrativ anregenden Wirkung auf ein düsteres Schauspiel der Mannequins, die von Kopf bis Fuß in Schwarz verkleidet, ab und an ihre blassen Gesichter mit lebendigen strahlenden Augen von den Zuschauenden manieristisch abzuwenden pflegen und die Blicke auf die kalte Wand einer zu ganz persönlichen Deutungen inspirierenden Installation richten. Dadurch bringen diese hübschen Kreaturen die handwerklich anspruchsvollen Details auf Körpern und Gliedern zur Geltung, was auch als der schöpferische Einsatz einer Art averbaler Sprache ihrer Emotionen verstanden werden kann. Sicher zeigt uns aber das gesamte Bild des Modemenschen eins: immens angesagt sind ein starker Individualismus und die eigene Kreativität. Was sich mit ein wenig gesunden Optimismus, auch wenn dieser in der surrealistischen Welt wahrscheinlich ganz fehl am Platz ist, in eine motivierende Anregung für die eigene Präsenz unter den vertrauten vier Wänden zu verwandeln vermag.

Verhüllte und verschleierte Gesichter und der Einsatz von Hüten aus Filz und Strick auf dem Laufsteg, die ganz ungewohnt für das Auge nicht den Hinterkopf, sondern den Antlitz überdecken und dadurch in ein besonderes Maskenelement übergehen, bringen die komplette Silhouette zur Vollständigkeit. Angespielt wird hier womöglich auf eine Inszenierung der Glamour, die in der Wahrnehmung des eigenen Publikums nur als nicht vergänglich verstanden werden kann. Gelungen werden jedenfalls Rätselhaftes und Mysteriöses zum Ausdruck gebracht in einer nächsten Ausführung unterstrichener Individualität. Und als Quellen der Inspiration für diese geben manche Designer Begriffe an, die sich auch brillant ergänzen: wie Lust und Nacht, Verführung und Traum.

Auch spätestens nach dieser Woche in Berlin lassen sich Stoffe ganz legitim kombinieren, die bislang in der Wahrnehmung eher als sich ausschließend galten. So präsentiert sich Strick mit Seide wie Leder in sehr kreativen Ensembles. Dazu kommt der besondere Sinn, der manch einem Häkelabschluss und manch einer Strickkante in Netzoptik gegeben wird wie dem aufwendigen handausgearbeiteten Schmuck für Gesicht oder Haare.

Der Mode in Berlin dürfen die Tendenzen des politischen Alltags Europas nicht entgehen: sie entwirft puristische Kleider für Mann und Frau und demokratisiert überzeugend ihre Modelle. Und das Ergebnis zögert in diesem Jahr nicht: die Ware scheint vollkommen tragbar zu sein.