
- Richard Hartmann in seinem Atelier - K. Mieth
Ein denkmalgeschützter Tower, Teil der Start- und Landebahn sowie eine Abflugstafel verweisen noch heute auf den Flugbetrieb des ehemaligen Münchner Flughafens Riem, der nach den Plänen des Architekten Ernst Sagebiel gebaut, im Oktober des Jahres 1939 der Öffentlichkeit übergeben wurde. In diesem Jahr landete in München-Riem die erste Maschine aus Berlin-Tempelhof kommend einen Zwischenstop auf ihrem Weg nach Italien. Im Münchner Osten, nahe dem im Jahr 1992 stillgelegten Rollfeld lebt und arbeitet der Künstler Richard Hartmann, im Souterrain des Hauses liegt sein Atelier. An Donnerstagen bietet er Kunstinteressierten einen Event der besonderen Art - Kunstfreunde können in seinem Atelier nach Lebenslust mit vorhandenen Materialien ihren Ideen freien Lauf lassen, auf Papier oder Karton bringen, was ihnen in den Sinn kommt.
Seine Gäste empfängt der Maler zu ebener Erde und gleich beginnt auch eine Diskussion zu den, im Wohnzimmer gehängten Bildern. „Dieses hier ist mit Hilfe eines Projektors entstanden, dazu legt man ein Bild auf einen Projektor und zeichnet mit dem Stift nach, was das Gerät an die Wand wirft. So lassen sich gut Proportionen übertragen. Ein weiteres Gemälde ist „freihand“ entstanden, daneben hängt eine Tuschezeichnung. „Mit der Feder zeichnen ist nicht so leicht, es können Klekse entstehen, man muss die Feder sehr vorsichtig benutzen“, berichtet sein Sohn über die Zeichenkunst mittels Feder und erzählt von einen japanischen Manga-Zeichner, der pro hergestelltem Bild eine Feder verbraucht.
Kunst-Event im Münchner Atelier an Donnerstagen
Zum Mal-Event sind drei Kunstinteressierte gekommen, ins unten liegende Atelier führt die Wendeltreppe zu Farben jeglicher Couleur und weißem Karton. Die Malerin Barbara entscheidet sich zu hellen Farben, die Idee zum Gemälde schon im Kopf haltend. Von einer anderen Malerin wird der Künstler gefragt, ob sie das fertige Bild später mitnehmen könne. „Nein“, sagt Hartmann schmunzelnd, „wenn es gut geworden ist, muss es hier bleiben, ist es nur mittelmäßig geworden, kannst du es mitnehmen.“ Jeder Teilnehmer erhält einen weißen Karton, Farben in Flaschen, Öl- und Pastellfarben stehen bereit. Zur Idee eines Kunst-Events befragt, antwortet der Künstler und gelernte Drucker: „Ich veranstalte diese Mal-Events schon lange, Vordenker dieser Idee ist der österreichische, expressive Künstler Otto Mühl. Das gemeinsame Malen in der Gruppe ist unglaublich kreativ, ich selbst male aber schon, seit ich mich erinnern kann.“
Die Teilnehmer des Events erhalten weißen Karton, Dispersionsfarben und Pinsel
Im Atelier wird die Künstlergruppe von einer Art Bar empfangen, auf der die Musikanlage steht. Ihr Weinglas oder die Kaffeetasse können die Gäste daneben abstellen. Der Sound von Songs aus den 1970er und 1980er Jahren gehört zur Kunst-Session dazu, wie Farben und Papier. Neben den aufgehängten weißen Bögen können die Teilnehmer ihre Vorlagen heften. Richard Hartmann verweist auf Hefte, die inspirieren, seine Schwarz-Weiß-Vorlage zeigt ein Paar versunken in sich selbst in einem Ozean. Mit starkem Pinselstrich gestaltet er ein erstes Werk an diesem Abend. „Hängt der Karton an der Wand, ist es besonders kraftvoll, zu malen“, erklärt der Künstler und tritt einen Schritt zurück, um das Werk zu betrachten. Während Bob Seger den Sound aus den Jahr 1980er Jahren vorgibt, feilen alle vier Künstler der hier zusammen gekommenen kleinen Künstlergruppe an ihren Arbeiten. „Jeder gestaltet sein Werk nach eigener Façon, nach dem Kunst-Event stelle ich Bilder von verschiedensten Event-Teilnehmern auf meine Homepage“, Kunst kann alles sein“, sagt Richard Hartmann, „vom Flower-Power-Gemälde bis hin zum Strichmännchen und dabei muss niemand ein perfekter Maler sein.
Malerei und Druck – gedruckte Malerei
„Hier steht noch ein alter Setzkasten aus der Druckerei, ich habe diese 30 - 40 Jahre alten Lettern neulich für einen Auftrag herausgeholt, der schnell fertig werden musste. Das Setzen des Textes per Hand geht mit diesen Lettern schnell von der Hand, ich habe ja den Beruf des Setzers erlernt - da sind sogar noch Rundstempel drin“, erklärt Richard Hartmann und sortiert die einzelnen Buchstaben wieder in den passenden Setzkasten zurück. Vor 25 Jahren hatte er seinem Vorbesitzer die Druckerei mit dem gesamten Inventar abgekauft, arbeitet heute ansonsten mit modernsten Druckverfahren. Zwischen Historischem und Modernem reißt Richard Hartmann einen weiteren Bogen heraus, hängt ihn an die Wand seines Ateliers. Ein weiteres Bild nach gleicher Schwarz-Weiß-Vorlage kann entstehen, während David Bowie „Hereos“ aus den 1970ern besingt.
„Ich kann kein gleiches Bild malen, produziere aber weitere Bilder in Folge mit anderer Farbgebung. Dabei entstehen solche Serien auch oft, weil ich zu träge bin, eine neue Vorlage aufzuhängen. So male ich anhand ein und der selben Vorlage verschiedene Variationen“, erklärt der Künstler Hartmann.
In der Künstlergruppe hat jeder seinen eigenen Stil
Die Künstler der Vierergruppe treten vor das fast fertig gestellte Gemälde Flower-Power, die Diskussion kann beginnen. „Es könnte den Titel Popart-2012 tragen, sagt eine Teilnehmerin. Leider ist während des Entstehungsprozesses des Gemäldes das Malheur passiert, dass eine Farbbahn verlaufen ist. „Aber ist dies so schlimm“, fragt die Malerin des Bildes und Richard Hartmann gibt den Tipp hier Rot, dort Weiß zu übermalen. Zum Bild mit Welle befragt, erklärt er gerne, wie ein Farbverlauf eingebracht werden könnte: „Ich würde es oben mit Weiß auffüllen und dabei die unerwünschten Stellen übermalen. Nach der Ausführung tritt er heran, sagt: „Jetzt kommt die Birne aus dem Nichts“, und schießt ein Foto vom Bild während des Entstehungsprozesses. Auf die Frage, ob das Bild an einem anderen Donnerstag fertig gestellt werden könne, antwortet Richard Hartmann lachend: „Nein, wird es heute nicht fertig, wird es verkauft.“
Quelle: Vor-Ort-Recherche und Teilnahme an der Kunst-Session im Atelier Richard Hartmann
