Kurdenkonflikt weitet sich aus: Bomben am Strand von Kemer

Trügerische Ruhe: Strand von Kemer - Piak 33 - Pixelio
Trügerische Ruhe: Strand von Kemer - Piak 33 - Pixelio
Türkei bereitet Bodenoffensive im Nordirak mit heftigen Luftangriffen vor, die viele Zivilisten heimatlos machen / Kurden-Familie mit vier Kindern getötet.

Während alle Welt den Vormarsch der libyschen Rebellen beobachtet, spitzt sich der blutige Konflikt zwischen der Türkei und kurdischen Rebellen fast unbemerkt weiter zu. Bei den seit Tagen anhaltenden schweren türkischen Luftangriffen auf angebliche Rückzugbasen der kurdischen PKK- Rebellen im Nordirak sollen jüngsten Berichten zufolge 160 Guerilleros getötet worden sein. Die PKK dementiert dies und spricht von türkischer Propaganda. Sie gibt ihre eigenen Verluste mit weniger als zehn an und weist darauf hin, dass bei den türkischen Luftangriffen auch Zivilisten ums Leben gekommen seien.

Frauenguerilla rächt Tod von Familie

Bei dem Dorf Kortek sei eine siebenköpfige Familie, darunter vier Kinder, getötet worden, so die kurdische Seite. Als Reaktion darauf griff eine Abteilung der PKK-Frauenguerilla eine Wohnsiedlung von Polizisten in Elazig an und tötete zwei Beamte. Zwei weitere wurden nach diesen Angaben verletzt. Am Sonntag wurden drei türkische Soldaten bei Hakkari durch die Explosion von Landminen getötet, die von PKK-Rebellen gezündet worden sein sollen.

Erstmals wurde auch über Bombenexplosionen an den Touristenstränden von Kemer nahe Antalya berichtet. Wenn es zutrifft, dass wie vermutet dafür die kurdischen Freiheitsfalken (TAK) verantwortlich waren, so würden die Rebellen damit erstmals ihrer Drohung, die gesamte Türkei zur Kampfzone zu machen, Nachdruck verliehen haben. Sechs Personen wurden dabei verletzt. Die Freiheitsfalken gelten als städtischer Ableger der PKK-Rebellen. Sie hatten vor einer Woche erklärt: „Die Sensibilität, die wir bislang gegenüber Zivilisten und Touristen haben walten lassen, ist nun am Ende angelangt.” Der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle der Türkei. Mit den Bombenexplosionen soll offenbar in der laufenden Saison auch wirtschaftlicher Druck ausgeübt werden. Die TAK werfen den türkischen Kräften ein „Massaker“ an den Kurden inklusive des Einsatzes von Chemiewaffen vor.

Zivilisten fliehen vor türkischen Angriffen im Nordirak

Bisher soll die türkische Luftwaffe mehr als 450 Angriffe auf die Kandil-Berge im Nordirak geflogen haben. Als Folge seien die Bewohner von mehr als 124 Dörfern auf der Flucht. Die Rebellen vermuten dahinter eine strategische Absicht der türkischen Armee. Diese wolle die Zivilisten aus dem Gebiet vertreiben, um ungehindert die Guerillastützpunkte angreifen zu können. Die Türkei habe in Vorbereitung einer Bodenoffensive massiv Soldaten und Spezialeinheiten an die irakische Grenze verlegt. Ähnliches tue der Iran, der die PJAK-Kurdenrebellen an seiner Grenze mit dem Irak bekämpft.

Auch die Regierung der irakisch-kurdischen Autonomiezone erwartet einen solchen Angriff. Vertreter des Roten Kreuzes und der Regionalregierung hätten die Bewohner der Kandil-Berge besucht und aufgefordert, die Region zu verlassen. Sie sollten in einem Sammellager Zuflucht suchen, da sich die irakischen Kurden nicht in der Lage sähen, sie zu schützen. Ihnen sei eine Entschädigung von 20 Millionen Dinar (etwa 11.000 Euro) für jedes verlassene Haus versprochen worden. Das Angebot sei aber auf wenig Gegenliebe gestoßen.

Regierung des Irak verurteilt Bombardements

Erstmals seit längerer Zeit hat auch die irakische Zentralregierung die türkischen Angriffe auf ihr Territorium verurteilt. Die Türkei verletze die Souveränität Iraks und treffe unschuldige Zivilisten. Ankara müsse die Bombardements sofort einstellen, heißt es in einer Protestnote des Außenministeriums in Bagdad. Optimismus verbreitete Iraks Staatspräsident Jalal Talabani, selbst ein Kurde. Nach Gesprächen mit türkischen und iranischen Stellen sagte Talabani, die Angriffe würden bald eingestellt. Der Ministerpräsident der kurdischen Regionalregierung, Massud Barsani, sagte, man werde nicht länger untätig bleiben.

Zugleich machten sich hunderte kurdische Zivilisten sowohl aus der Türkei als auch aus Südkurdistan (Irak) auf den Weg ins Kampfgebiet, um sich als „lebende Schutzschilde“ der drohenden türkischen Invasion in den Weg zu stellen. Treibende Kraft dahinter sind nach Berichten die kurdischen „Friedensmütter“ Angehörige von gefallenen Rebellen, aber auch Soldaten. Diese wurden vom türkischen Militär wiederholt aufgehalten und wehrten sich dagegen mit Sitzblockaden und Protestkundgebungen. Am Sonntag wurde der Kurdenpolitiker Yildirim Ayhan bei einem Zusammenstoß von Solidaritätsdemonstranten und türkischen Spezialeinheiten bei Hakkari (Colemerg) getötet. Ayhan, Stadtrat von Van und Mitglied der Kurdenpartei BDP, wurde von einer Gasgranate an der Brust getroffen und starb auf dem Weg in eine Klinik. Zuvor hatte das Militär die Demonstranten aufgefordert, sich zurückzuziehen und ihren Protest zu beenden. Als diese sich weigerten und auch Vermittlungsversuche der kurdischen Parlamentsabgeordneten Aysel Tugluc nichts fruchteten, setzte das Militär Gasgranaten ein.

Auswärtiges Amt in Berlin warnt vor Reisen in den Südosten der Türkei

Das deutsche Auswärtige Amt warnte vor Reisen in den Südosten der Türkei. Es bestehe ein „deutlich erhöhtes Risiko“. Zwar sei von gezielten Angriffen auf Touristen nichts bekannt. Doch müsse mit schweren Behinderungen durch Straßenkontrollen und Militärkonvois gerechnet werden. Das türkische Militär hatte in den Provinzen Siirt, Sirnak, Hakkari und Mardin sechs Sperrzonen eingerichtet, die zu bereisen verboten ist.

Der Kurdenkonflikt in der Türkei hat seit 1984 über 42-000 Menschenleben gekostet. Tausende Dörfer wurden verwüstet, Hunderttausende Kurden mussten fliehen, Wälder und Äcker wurden verbrannt.

Quellen: Yeni Özgürpolitika, ANF, ISKU, CNNTurk

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