Kurt Tucholsky arbeitete als Journalist, Schriftsteller, Dichter, Satiriker, Publizist und Polemiker. Hermann Haarmann schreibt: „Er war ein Moralist in schlimmen Zeiten.“ Noch heute bestechen die Gewandtheit und der Sprachwitz seiner Texte. Zehn Bände umfassen seine bei Rowohlt erschienenen „Gesammelten Werke“. Kurt Tucholsky war einer der bekanntesten Intellektuellen und einer der bedeutendsten Journalisten der Weimarer Republik. Er galt als eine Art Kassandra der Weimarer Republik, nur das, was dann über Deutschland kam, war noch schlimmer als er befürchtet hatte.
Allein die Freiheit des Denkens war sein Maßstab. Für Tucholsky gab es keine allgemeingültigen, absoluten Wahrheiten. Er machte sich niemand untertan, schon gar nicht einer Doktrin. Er war das, woran es der Weimarer Republik mangelte, ein überzeugter Demokrat. Tucholsky stand im linken Lager, blieb aber immer entschiedener Demokrat. Ließ sich nicht blenden und erkannte früh die Gefahr des Nationalsozialismus, den er entschlossen bekämpfte. Kein Freund von Ideologien, ist Tucholsky trotz zeitweiliger Annäherung nie Kommunist geworden.
In Berlin am 9. Januar 1890 als Sohn einer bürgerlich-jüdischen Familie geboren, sah sich Tucholsky in der Tradition Heinrich Heines. Wie Heine litt er an Deutschland. Golo Mann stellt Tucholsky Heine gegenüber: „Von Witz und Hass des großen Dichters (Heine) war ein Stück in ihm, nur leider wenig von seiner Liebe.“ Doch übersah Golo Mann, dass dem Hass auf Deutschland enttäuschte Liebe zugrunde lag. In einer Liste über Dinge, die Tucholsky hasste und liebte, schrieb er in beiden Spalten Deutschland. Allerdings bei der Rubrik über das, was er hasste setzte er Deutschland in Anführungszeichen.
Nach unerfreulichen Schuljahren legte er 1909 das Abitur ab. In Deutsch mit einem "Genügend" und der Bemerkung: „Seine schriftliche Arbeit genügte nur knapp.“ Doch der Redakteur der satirischen Zeitschrift „Ulk“ sah das anders und veröffentlichte 1907 anonym zwei Texte Tucholskys. Zunächst begann Tucholsky das Studium der Rechtswissenschaft. Das Studieren an der Berliner Universität behagte ihm wenig. Seine Professoren waren ihm zu reaktionär. Zwar schließt Tucholsky 1915 mit Doktorgrad das Jurastudium ab, aber das war bereits Nebensache. Er arbeitete schon lange als Journalist und die erste erfolgreiche Buchveröffentlichung hatte er mit „Rheinsberg“ auch schon hinter sich.
Der frühe Tod des Vaters, den er verehrte, hatte eine Lücke bei ihm hinterlassen. 1913 fand er in Siegfried Jacobsen einen Vaterersatz. Jacobsen gab die „Schaubühne“ heraus, die unter Tucholskys Einfluss 1918 in „Weltbühne" umbenannt wurde und bis 1933 eines der Hauptblätter der Linksintellektuellen war. Tucholsky schrieb aber nicht nur für die „Weltbühne“. Artikel von ihm erschienen unter anderem auch im „Vorwärts“, der „Frankfurter Zeitung“, der „Zeit im Bild“, der „Dresdner Volkszeitung“, dem „Simplicissimus“, im „Pan“, im „März“ und im „Kunstwart“.
Den Krieg 1914 begrüßte Tucholsky anders als viele Intellektuelle nicht mit Begeisterung, sondern mit Zweifel. Doch dem Militärdienst fügte er sich. Ihm gelang es, sich sicher in der Etappe an der Ostfront einzurichten. Tucholsky ging soweit, dass er wegen eines Beamtenpostens zum Protestantismus übertrat. Sogar Werbetexte für Kriegsanleihen verfassteTucholsky. Diesen Opportunismus des Antimilitaristen Tucholsky machten ihm viele zum Vorwurf.
Seit dem Beginn der Republik 1918 verteidigte Tucholsky Freiheit und Demokratie und nahm dabei keine Rücksicht auf Gesinnung und politisches Lager. Als Hauptgegner machte er das Militär, die reaktionäre Justiz und den erwachenden Nationalsozialismus aus. Mit Spott und Satire aus spitzer Feder ging Tucholsky auf sie los. Sehr früh warnte er vor Adolf Hitler. Vor seinem Scharfblick war nichts sicher, auch das eigene politische Lager verschonte Tucholsky nicht.
In der „Weltbühne“ veröffentlichte Tucholsky so oft, dass er sich Pseudonyme für einzelne Bereiche zulegte: Ignaz Wrobel war der Kritiker, Peter Panther der Feuilletonist, Theobald Tiger war für Verse und Chansons zuständig, Kasper Hauser betrachtete die Welt von außen. Für den Rest diente das fünfte Pseudonym: Kurt Tucholsky. In dem Sammelband „Mit 5 PS“ hat er die tiefere Bedeutung der Pseudonyme erläutert.
Bereits 1924 verließ Tucholsky als Korrespondent Berlin Richtung Paris. Ein Zeichen erster Resignation? Der Tod von Siegfried Jacobsen ließ ihn 1926 nach Deutschland zurückkehren. Ein Schock für ihn, hatte Tucholsky nicht nur seinen väterlichen Freund verloren, sondern auch den Lehrer und Mentor. Vorläufig übernahm Tucholsky die Leitung der „Weltbühne“. Den ungeliebten Posten gab er jedoch bald an Karl von Ossietzky ab. Als Tucholsky 1928 den Sammelband „Das Lächeln der Mona Lisa“ herausgibt, ist das Lob in Europa groß. Eine dänische Zeitung kürt ihn zu „Deutschlands genialsten Journalisten“ und sogar im faschistischen Italien lobt man seinen Schreibstil.
Nach einer Lesereise durch Deutschland im Jahre 1929 gab er seinen unermüdlichen Kampf auf. „Um mich herum verspüre ich ein leises Wandern. Sie rüsten zur Reise ins Dritte Reich“, schrieb er. Tucholsky sah den Sieg des Nationalsozialismus nun als unaufhaltsam an, das versetzte Tucholsky nach eigenen Aussagen den Knacks seines Lebens.
Im Januar 1930 zieht er endgültig nach Schweden. Mit dem Roman „Schloss Gripsholm“ hatte er 1931 nochmals großen Erfolg. 1932 gab er die Mitarbeit bei der „Weltbühne“ auf. Tucholsky verstummte zusehends und sah bald von weiteren Veröffentlichungen ab. Auch bei der Machtergreifung Hitlers blieb er stumm, an der Exilliteratur beteiligte er sich nicht. Als einer der ersten bürgerten ihn die Nationalsozialisten aus, verbrannten seine Bücher und verboten sie.
Zwar hatte sich Tucholsky schon früh mit dem Thema Selbstmord beschäftigt, aber ob er seinen Tod am 21. Dezember 1935 beabsichtigte, lässt sich nicht einwandfrei nachweisen. Ein richtiger Abschiedsbrief lag nicht vor. Der Autor Michael Hepp erwägt die Möglichkeit des Tablettenautomatismus, hält also einen Unfall für möglich. Die Schlaftabletten die er seit Jahren nahm, verlangten immer höhere Dosen, und gleichzeitig damit stieg das Risiko der Überdosierung. Eine weitere Theorie spricht von Mord durch die Nationalsozialisten.
Über den Tod Tucholskys schreibt Thomas von Vegesack: „Und wir werden nie mit Sicherheit erfahren, ob Tucholsky sich wirklich das Leben genommen hat. Was nicht gestorben ist und was nicht schweigt, sind die Texte von Tucholsky.“ Diese Texte haben Wirkung bis heute. Sie sind nicht nur bleibende Zeugnisse deutscher Sprachkultur. Seine Texte können uns auch darüber nachdenken lassen, wie wichtig die Freiheit als höchstes Gut der Demokratie ist.
Quellen:
Helga BemmannKurt Tucholsky Ullstein Hc (1990); Hermann Haarmann Berliner Profile Fannei & Walz (1993); Michael Hepp Kurt Tucholsky.Biographische Annäherung Rowohlt Tb. (Juli 1999); Kurt Tucholsky Gesammelte Werke 1-10 Rowohlt; Auflage: N.-A. (Februar 1997); Gerhard Zwerenz Kurt Tucholsky Biographie eines guten Deutschen Bertelsmann Verlag (Juli 1989)
