Kurzes Staunen über das Leichentuch Christi

In Turin wird eine der wichtigsten Reliquien der katholischen Welt gezeigt. Wer sie nicht bis zum 23. Mai 2010 gesehen hat, muss bis 2025 warten.

Jeden Tag ist es dasselbe Schauspiel: Zwischen Morgen und Abend ebbt der Besucherstrom vor und im Turiner Dom San Giovanni nicht ab. Nur bis zum 23. Mai 2010 kann man dort das Original-Leichentuch Christi aus der Nähe sehen, geschützt durch Panzerglas und gesichert von Wache stehenden Carabinieri. Wer in diesem Jahr die Chance verpasst, muss bis 2025 auf die nächste warten.

Entsprechend groß war das mediale Interesse am 10. April 2010: Fernsehstationen aus aller Welt berichteten live über die feierliche Enthüllung des 4,35 Meter langen Grabtuchs Christi, das als eine der bedeutendsten Reliquie der katholischen Welt gilt. Prächtig anzusehen war die Prozession der Bischöfe und Kardinäle von der Sindone-Kapelle über die Piazza San Giovanni in die Basilika. Dort durften geladene Gäste dem Inaugurationsgottesdienst des wertvollen Schatzes beiwohnen.

Sindone: Geheimnisse und Beweise

Spektakulär ist eigentlich nicht das Tuch selbst, sondern die Legendenbildung um es herum, und es sind die wissenschaftlichen Anstrengungen, die bis heute unternommen werden, um ihm seine letzten Geheimnisse zu entreißen und seine Echtheit zu beweisen. Die Sindone, so der italienische Name des heiligen Grabtuchs , zeigt das schwache Ebenbild eines Mannes, der die Folter- und Martermale des gekreuzigten Jesus aufweist. Wer sich dafür interessiert, was daran als belegbar gilt, wahrscheinlich oder nur mystisch ist, sollte es nicht bei dem Besuch im Dom belassen, sondern das Sindone-Museum in der Via San Domenico 28 aufsuchen, am besten bevor er sich die Original-Reliquie im Dom anschaut.

Die verbriefte Geschichte des heiligen Grabtuchs reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück, wann und wie es nach Europa kam, ist nicht bekannt. Seinen Weg durch die verschiedenen europäischen Adelshäuser beendete Emanuele Filiberto von Savoyen, als er seinen Herrschaftssitz nach Turin verlegte. 2010 verhilft es der von der Industriekrise gebeutelten Hauptstadt Piemonts zu enormen touristischen Zusatzeinnahmen. Zwar gibt es schon längst keine Eintrittskarten mehr, um am Drei-Minuten-Defilée vor der Sindone teilzunehmen, aber der Dom selbst bleibt gleichzeitig für Besucher geöffnet. Dort kann man – ohne Warte- und festgelegte Uhrzeiten, in einer Kirchenbank so lange verweilen, wie man will, und das ausgebreitete Leichentuch in aller Ruhe betrachten, von der Rückseite. Aber schließlich muss das die Seite gewesen sein, die den Körper Jesu umfangen hat.

Sindone: Blühender Souvenirhandel

Mitnehmen kann man die Sindone natürlich auch: Man begegnet in der Stadt kaum einem Souvenir, vom Halstuch über Tassen, Teller, Postkarten bis zu T-Shirt und Kugelschreiber, auf dem das göttliche Abbild fehlt. Seinen Höhepunkt dürfte der Kult um die Reliquie am 2. Mai 2010 erfahren haben, als der Papst der Sindone seinen Besuch abgestattet hat. Da waren die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen so groß, zum Beispiel waren alle Parkhäuser im Innenstadtbereich geschlossen, dass ein Besuch in Turin für Touristen kein Vergnügen gewesen sein dürfte.

Dipl.-Volkswirt Angelika Basdorf ist ständige Aut , Basdorf

Angelika Basdorf - Angelika Basdorf Diplom-Volkswirt sozialwissenschaftliche Richtung Seit 1998 bin ich selbstständige freie Journalistin und ...

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