Tanzen hatte immer mit mir selber zu tun“, hat Pina Bausch einmal gesagt. „Ich wollte mich formulieren.“ Aus diesem inneren Drang heraus ist es der Choreografin gelungen, eine neue Form des Bühnentanzes zu schaffen. Mit ihrem 1973 gegründeten „Tanztheater Wuppertal“ avancierte sie zu einer der bedeutendsten Choreografinnen weltweit. Für ihr Lebenswerk wurde die gebürtige Solingerin in Japan mit einem der weltweit bedeutendsten Ehrungen in Kultur und Wissenschaft ausgezeichnet, dem 300 000 Euro dotierten Kyoto Preis.
Zwischenmenschliches im Mittelpunkt
Sarkastisch, tragikomisch und schmerzhaft authentisch sind ihre Tanzstücke, die Zwischenmenschliches in den Mittelpunkt rücken und sich mit Gefühlen, wie Angst, Liebe, Trauer oder Wut auseinandersetzen. Der ehemaligen Folkwang-Schülerin geht es nicht um virtuosen Tanz, sondern um das, „was Menschen bewegt.“ Pina Bauschs versierte Tänzer bringen daher auch Sprechtheater auf die Bühne, zeigen alltägliche, verfremdete Bewegungen und sind in ihrer ganzen, oft eigenwilligen Persönlichkeit gefordert. In Zusammenarbeit mit der Choreografin bringen sie sich bedingungslos ein, wenn sie Paarbeziehungen, Kindheitserinnerungen, Unterdrückung oder Einsamkeit auf den Grund gehen. In Improvisationen findet Pina Bausch das Material für ihre Stücke, die sie auf eigenwilligen Bühnen inszeniert, indem sie etwa Schlamm und Wasser verteilt oder den festen Untergrund durch Schrägen aufhebt.
Bedroht, statt gefeiert
Nicht immer feierte sie damit Erfolge. Ihre erste Wuppertaler Choreografie „Fritz“ (1974), fiel bei den Kritikern durch, das an klassisches Ballett gewöhnte Abonnentenpublikum reagierte aggressiv und bedrohte die Ballettchefin sogar mit anonymen Anrufen.
Damals hatte die Eliteschülerin des „legendären Neurer des Ausdruckstanzes“, Kurt Jooss, bereits eine Karriere als Solistin beim Folkwang-Ballett hinter sich und war mit ihrem erst zweiten Tanzstück „Im Wind der Zeit“ 1969 als Siegerin im Kölner Choreografischen Wettbewerb hervorgegangen - vor den wesentlich arrivierteren Kollegen Gerhard Bohner und John Neumeier. Im selben Jahr wurde sie künstlerische Leiterin der Tanzabteilung an der Folkwang Hochschule in Essen-Werden, bevor sie vier Jahre später die Leitung der Ballettsparte Wuppertal übernahm.
Internationale Erfolgsstücke
Aus der Gastwirtstochter Philippine, die im Kinderballett als „Schlangenmensch“ aufgefallen war, ist eine eigenwillige Ballettchefin geworden, deren zweites Stück, „Iphigenie auf Tauris“, von Kritikern 1974 bereits als wichtigstes deutsches Tanzereignis des Jahres gelobt wurde. Seit Mitte der 80er Jahre wird die Company, die oft im Ausland probt und Erfolgsstücke, wie „Café Müller“ oder „Kontakthof“ (1978), immer wieder neu einstudiert, auch international als bedeutendste deutsche Tanzcompany gefeiert.
Mehr als 30 Mal ist Pina Bausch, die oft als „Urmutter des Tanztheaters“ bezeichnet wird, mit Preisen ausgezeichnet worden, ihre Vorstellungen sind fast immer ausverkauft. Immer noch zeigt sich die öffentlichkeitsscheue Künstlerin und Mutter eines Sohnes in schwarzen, weiten Anzügen, scheint sich hauptsächlich von Zigaretten zu ernähren und bringt jährlich ein neues Stück heraus. Eigentlich wollte sie sich nur „formulieren“ und hat doch lange schon Tanzgeschichte geschrieben.
