
- La mer von Claude Debussy - Holzschnitt von Katsushika Hokusai
„La Mer“, an dem Claude Debussy von 1903 bis1905 fernab der Küste in der Bourgogne arbeitete, weckt beim Zuhörer nicht zwangsläufig Assoziationen an Wellen, Strand und Brandung. Bei der Uraufführung 1905 wurden die drei sinfonischen Skizzen von Kritik und Publikum entsprechend durchwachsen gewürdigt. Der Kritiker Pierre Lalo zum Beispiel urteilte, dass er das Meer weder hören noch sehen noch fühlen könne.
Heute gehört „La Mer“ neben dem „Prélude à l'après-midi d'un Faune“ zu den beliebtesten und meistgespielten sinfonischen Werken Debussys und gilt als Paradebeispiel des frühen Impressionismus.
Debussy und der Impressionismus
Claude Debussy (1862-1918) wird gern als der impressionistische Komponist schlechthin angesehen, hielt jedoch selbst von der Einordnung in diese musikalische Schublade wenig.
Sein Schaffen stand zunächst in der romantischen Tradition seiner Vorgänger Hector Berlioz oder Franz Liszt, an deren programmatischen Sinfonien er sich vielleicht für „La Mer“ orientierte. Allerdings verzichtete Debussy auf detaillierte Inhaltsbeschreibungen seiner Musik, allein die Titel der drei Sätze "De l´aube à midi sur la mer" (Von der Morgendämmerung bis zum Mittag auf dem Meer), "Jeux de vagues" (Spiel der Wellen) und "Dialogue du vent et de la mer" (Zwiesprache von Wind und Meer) liefern den thematischen Aufhänger.
Dabei lag es offenbar nicht in der Absicht des Komponisten, ein reines Abbild des Naturschauspiels musikalisch nachzumalen. Vielmehr ließ sich Debussy von der Natur und auch den faszinierenden Bildern von Hokusai und Turner inspirieren, um den Charakter des Meeres nach eigenen Empfindungen und Erinnerungen zu vertonen. Trotz der räumlichen Entfernung konnte er sich an viele Strandausflüge seiner Kindheit noch lebhaft erinnern, und für den letzten Schliff an der Instrumentierung begab er sich doch noch auf die Kanalinsel Jersey.
„La Mer“: Experiment aus Form und Klang
Formal gab die in etwa 23 Minuten aufzuführende Komposition ihren Analytikern einige Rätsel auf, denn so eng sich Debussy in seiner Satztechnik an die traditionelle Form der Sinfonie anlehnte, so unübersichtlich entwickelten sich die verschiedenen Themen, Figuren und schwer fassbaren melodischen Gebilde.
Der erste Satz beginnt in stiller Strukturlosigkeit, die kaum einzeln wahrnehmbaren Klangmuster verdichten sich zu erkennbaren Melodien der Soloinstrumente, um am Ende in einem majestätischen Finale der Blechbläser zu gipfeln. Im sehr lebhaften zweiten Satz wechseln sich die Instrumente mit kurzen Themen und Akkordfolgen ab, die an das Auf und Ab der Wellen erinnern können. Der abschließende Dialog zwischen Wind und Meer lässt schon eher an einen ausgewachsenen Sturm denken, der nur gelegentliche Ruhephasen in der leisen Melodie der Holzbläser findet. Bewegte Streicherakkorde und erhabene Blechbläserklänge führen den Orkan auf den Wellen schließlich einem gewaltigen Ende aus Klangkaskaden des ganzen Orchesters zu.
Debussys bewegtes Leben zur Entstehungszeit
Auch privat herrschten bei Claude Debussy damals stürmische Zeiten. Die dauernden Gefühlsverwirrungen und finanziellen Nöte des unangepassten Musikus schienen durch die Heirat mit Rosalie Texier im Jahr 1899 erst einmal zu Ende zu sein. Im Hause ihrer Eltern begann er mit der Komposition von „La Mer“, das er dennoch in den ersten handschriftlichen Fassung der Bankiersfrau Emma Bardac widmete, die er 1901 kennengelernt hatte: "Pour la petite mienne dont les yeux rient dans l´ombre" (Für meine Kleine, deren Augen im Schatten lachen), lautete die ursprüngliche Widmung.
Während der eineinhalb Jahre des zögerlichen Schaffens an diesem Werk überschlugen sich dann die Ereignisse: Nach der Entdeckung der Affäre beging Debussys Frau Rosalie einen Selbstmordversuch, Emma Bardac wurde mit Tochter Chouchou schwanger und der folgende Scheidungskrieg behinderte eine neue Eheschließung noch bis zum Jahr 1908. Die meisten Freunde Debussys wandten sich von ihm ab, da sie ihm Geldgier in Bezug auf seine Geliebte vorwarfen, während Emma Bardac durch ihre eigene Scheidung mittellos wurde. Inzwischen verdiente Claude Debussy als Pianist und Komponist aber genug, um sich und seine Frau über Wasser zu halten. Und das neue Familienglück brachte sogar bald ein weiteres berühmtes Werk hervor, den für Chouchou komponierten Klavierband „Children’s Corner“.
Quellen:
„La Mer“ kostenlos zum Download bei MyClassicWorld
