Laaanger Beifall für Herbert Fritschs "Puntila"-Inszenierung

Herbert Fritsch hat eine überraschende, steile Karriere als Regisseur gemacht - aber vielleicht neigt sie sich schon wieder ihrem Ende zu.

KÖLN. Herbert Fritsch (61), hat in den letzten Jahren eine ebenso atemberaubende wie verblüffende Karriere hingelegt. Nach langen und erfolgreichen Darstellerjahren nicht mehr zufrieden, weil von seinen Regisseuren gegängelt, wurde Fritsch selbst Regisseur. Um den Akteuren größtmögliche Freiheit einzuräumen, erfand er das entfesselte Schauspielertheater. Ihm wurde eine absurd enorme Aufmerksamkeit zuteil, Fritsch kann seinen (leider nicht immer) blühenden Blödsinn an namhaften Bühnen inszenieren, nach dem Thalia in Hamburg hat ihn jetzt das Schauspiel Köln engagiert. Seine Inszenierung von Bertolt Brechts einzigem Volksstück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ im Kölner Schauspielhaus war bei der Premiere am Freitag ein beifallumtoster Erfolg, wobei es mit dem Applaus seine eigene Bewandtnis hatte – aber davon später.

Welkender Blödsinn

„Herr Puntila und sein Knecht Matti“ hat zwei Quellen des Witzes, derbe sexuelle Anzüglichkeiten und eine Attacke auf Die-da-Oben. Herr Puntila ist Gutsbesitzer und vertritt knochenhart seine Interessen – wenn er nüchtern ist. Gott sei Dank ist das selten der Fall. Ist Herr Puntila (be)trunken, wird er human.

Regisseur Fritsch löst sich von Brechts Absicht, die besseren Herrschaften anzugreifen, er macht sich über alle und alles lustig. Jeder Witz ist recht, jede Pointe, jeder Lacher. Der Humor wirkt ziellos und zündet in der ersten Hälfte des über zwei Stunden dauernden Spiels nur selten. Das Publikum wirkte vom expressiven, körperbetonten Spiel eher befremdet als amüsiert. Dann kommt eine geglückte Szene. Herr Puntila hat, betrunken, sich an einem Morgen mit vier Frauen verlobt, die nun auf den Hof kommen und ihn an sein Gelöbnis erinnern. Die Szene läuft aus dem Ruder, Herr Puntila liegt auf dem Rücken und eine Frau nach der anderen reitet auf ihm. Die Szenen wirken nicht obszön, die SchauspielerInnen haben Möglichkeiten, beim grob angedeuteten Akt ganz unterschiedliche Typen zu skizzieren.

Angelika Richter überflügelte rasch Charly Hübner als Puntila und Michael Wittenborn als Matti; sie spielt Eva, die Tochter Puntilas und suchte nicht wie die meisten ihrer Kollegen nach beliebigen Pointen, sondern blieb, sich Fritschs Regiekonzept widersetzend, bei Brechts Gestalt – eine junge Frau, die Virilität höher schätzt als gesellschaftlichen Rang.

Beifall erlistet

Den Höhepunkt erreichte die Aufführung, nachdem sie zu Ende war. Fritschs Applausordnung machte sich über die üblichen Applausordnungen lustig. Jeder Schauspieler trat einzeln vor. Er war demonstrativ bescheiden und musste von den Kollegen geradezu an die Rampe geschoben werden. Doch dann fiel die vorgebliche Zurückhaltung, das Glück trat zu Tage, endlich jenen Befall zu bekommen, den frau/man so lange entbehrt, erträumt hatte, und die Diva oder der Star badete im Applaus. Sehr komisch und sehr lang, die Schauspieler konnten vom Publikum über eine viertel Stunde Beifall erpressen – die Zuschauer spielten erheitert mit.

Doch trotz dieser brillanten Schlussidee, die die Eitelkeit der Künstler aufs Korn nahm – oft beschlich den Betrachter der Gedanke, dass Fritschs Idee des zweckfreien und ziellosen Witzes ihren Höhepunkt schon wieder überschritten hat. Fratzenschneiderei von Hanswürsten ist nicht abendfüllend, Humor ohne Ziel wie Theater ohne Sinn.

Aufführungen am 29. und 30. Jan; 1., 24. und 25. Februar

Kartentelefon: 0221 221 28400 – Internet: www.schauspielkoeln.de

Ulrich Fischer, Ulrich Fischer

Dr. Ulrich Fischer - Nach dem Studium der Theater- und Literaturwissenschaft in Hannover, München, Glasgow und der Promotion in Berlin Engagements als ...

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