Ladakh – Berge, Klöster und Lamas

Industal - Matthias Jäger / pixelio.de
Industal - Matthias Jäger / pixelio.de
Wer sich im Hochland des Himalaya bewegt, lässt jegliche „Zivilisation" zurück. Vieles, was in Europa so wichtig erscheint, ist hier völlig entbehrlich.

Zwischen dem westlichen Himalaya und dem Karakorum hat sich in naturgegebener Abgeschlossenheit eine Jahrtausende alte Kultur erhalten. Während diese Kultur in Tibet von den Chinesen nahezu zerstört wurde, ist der tibetisch-lamaistische Einfluss in West-Tibet oder Ladakh unter indischer Herrschaft noch allgegenwärtig.

Reisende nach Ladakh landen üblicherweise zuerst im nordindischen Delhi, bei tropischer Hitze und enormer Luftfeuchtigkeit. In dieses Klima tritt der Europäer in festen Schuhen, Pullover und Anorak, die er im Reisegepäck nicht mehr untergebracht hat. Zum Glück geht es schnell weiter nach Srinagar in Kashmir, dem Ausgangspunkt für viele Himalaya-Touren. Nach zwei Tagen Akklimatisierung geht es von dort weiter Richtung Norden.

Die Landschaft ähnelt zunächst unseren Alpen, dann geht es quer durch die Himalaya-Kette über drei recht gefährliche Pässe. Der Weg führt in abenteuerlich engen und steilen Serpentinen den Berghang hinauf. Kein Problem für einen wendigen Jeep, sehr wohl aber für Busse mit den unvermeidlichen abgefahrenen Reifen. Da bleibt die Hoffnung, dass zumindest die Bremsen das halten, was die Reifen längst nicht mehr versprechen.

Nach der Passhöhe ändert sich das Landschaftsbild endgültig: kahl, wildromantisch, ringsum schneebedeckte Berge, eine unendliche Weite, bei der unsere gewohnte Perspektive versagt. Die am weitesten entfernten Berge sind genauso klar wie die Felsen in unmittelbarer Nähe. Was dem Auge noch relativ nah erscheint, ist bereits weite Ferne. Das Hochtal liegt in einer Höhe, die der Großglockner nicht erreicht.

Der Lamaismus Ladakhs

Kulturell wechseln wir vom islamischen Kashmir in das buddhistisch-lamaistische Ladakh. Auf dem letzten und höchsten der drei Pässe, dem 4091 m hohen Fatu-la, sieht man in der Ferne Lamayuru, das älteste Kloster in Ladakh. Es führt bereits ein „Hotel“, sprich Schlafraum und Teeküche. Der Schutz„gottheit“ Tibets, Avalokitesvara (tib. Chenre-zig), der Verkörperung des Mitleids, der Nächstenliebe, ist in Lamayuru ein eigener Tempel geweiht.

Einen Gott in unserem Sinne gibt es im Buddhismus nicht. Im tibetischen Volksglauben und in der schamanistischen Bön-Religion ist dagegen alles belebt. Durch die Vermischung dieser drei Elemente ist jener für uns so exotisch anmutende tibetische Buddhismus oder Lamaismus entstanden. Auf den ersten Blick besonders fremdartig wirken die Dharmapalas (Beschützer der Lehre). Es sind dies Schutz„gottheiten“, die alles Schädliche und Feindliche abweisen sollen. Sie sind zu diesem Zweck auch an die Eingangsmauer jedes Tempels gemalt. Sie erinnern jedoch an die tierisch-dämonischen Fratzen, die uns von den Außenwänden gotischer Kathedralen bekannt sein sollten.

Es begegnet uns eine verwirrende Zahl verschiedener Buddhas, Bodhisattvas, "Dämonen", "Schutzgottheiten", noch dazu in so vielfältigen Erscheinungsformen, dass selbst Einheimische nicht alle kennen können. Außerdem finden sich die verschiedensten Interpretationen, von der einfachen Personifizierung als Götter und Geister bis zur "psychologischen" Betrachtungsweise der hohen Lamas. Für sie ist Buddha das Wesen jedes Menschen, und ihr Ziel ist es, sich dieser Buddha-Natur bewusst zu werden. Es geht nicht so sehr um eine Lehre, ein Jenseits oder einen Glauben an einen doch nur vorgestellten Gott, sondern „einfach“ um das Erreichen eines höheren Bewusstseinszustandes.

Es ist üblich, dass aus jeder Familie ein Sohn Lama wird. Die Klöster haben dadurch nicht über Nachwuchs zu klagen. Die Ausbildung beginnt mit etwa fünf Jahren.

Klösterreich

Eindrucksvoll sind die Klöster (Gompas) abseits der Straße, die zu der Hauptstadt Leh führt, besonders Rizong und Likir. Ist es in Rizong die hohe, abgeschiedene Lage des Klosters, so beeindrucken in Likir die unendliche Weite und der Schutz der umsäumenden Gebirge. In Rizong beeindruckt eine der schönsten Buddhastatuen dieser Reise, in Likir die Thankas (Rollbilder) in den Räumen des Abtes und die besondere sakrale Atmosphäre.

Weit weniger Atmosphäre bieten die Klöster rund um die Hauptstadt Leh. Die Lamas verkaufen Eintrittskarten und werden manchmal ungeduldig, wenn sich Touristen zu lange in einem Raum aufhalten. Die Hauptstadt Ladhaks ist ein Gemisch von Religionen und Nationen, einem Kino und vor allem einem Generator, der (zumindest 1979) für drei Stunden am Tag Strom und Licht erzeugen soll, aber oft nur Lärm produziert – den aber sehr gründlich.

Asiatische Weite und Losgelöstheit

Die Landschaft ist auch auf dem Rückweg immer faszinierend, fast durchweg in etwa 3500 Metern Höhe in jener asiatischen Weite, die schwer zu beschreiben ist. Die Luft ist so klar, dass nur die Berge die Sicht begrenzen. Entfernungen sind für Europäer unmöglich abzuschätzen, weil der Horizont fast genauso "greifbar" ist wie die nächste Umgebung. Es sind ganz andere Dimensionen, und vieles in der westlichen Zivilisation Unentbehrliche ist hier auf ganz natürliche Weise einfach unnötig! Eine einschneidende und wohltuende Erfahrung für Europäer.

Probleme mit Tourismus und Wetterkapriolen

Der Winter dauert oft von Oktober bis Juni, in den wenigen Sommermonaten muss hart gearbeitet werden, um die Vorräte für die übrige Zeit zu beschaffen. Im Winter sind dafür die religiösen Feste angesetzt. Abgelenkt vom Tourismus kam diese Ordnung zunehmend durcheinander. 1979 waren noch nicht allzu viele Touristen in Ladakh unterwegs, das erst 1975 für den Tourismus geöffnet wurde. Später wurden es natürlich mehr. Helena Norberg-Hodge gründete bereits 1978 ein Ladakh-Projekt, das den negativen Einfluss des Tourismus abfedern und die dortige Kultur erhalten sollte. Das Projekt wurde 1986 mit dem Alternativnobelpreis ausgezeichnet.

Bildnachweis: © Matthias Jäger / Pixelio.de

Robert Harsieber, Robert Harsieber

Dr. Robert Harsieber - Vom Hauptberuf Fachjournalist (Wissenschaft, Wirtschaft, Medizin) betrieb ich einen kleinen Verlag (RHVerlag, spezialisiert auf ...

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