Das Melodram als Vorstufe der Attitüdenkunst
Um 1770 entwickelte sich zunächst das Melodram als Vorstufe der Attitüden. Bei diesen Handlungsstücken, bei denen meist eine einzige Protagonistin die Empfindungsstadien einer verlassenen Frau durchläuft, liegt der Fokus auf der Darstellung einer Palette extremer, sehr unterschiedlicher Gefühle. Schon in dieser Kunstform verliert die Protagonistin zuweilen die Sprache: Mit Hilfe verlangsamender Bewegungen verharrt sie im Moment des größten Passionsausdrucks in einem kurzen Stillstand, einer Pose.
Die Attitüdenkunst als Stilllegung des Körpers
Die Engländerin Emma Hart (1765-1815) gilt gemeinhin und sicherlich etwas einseitig gesehen als „Erfinderin“ derartiger Posen als eigenständige Kunst- und Aufführungsform. Ehemals Muse des Malers George Romney, heiratete sie 1786 den in Neapel lebenden englischen Gesandten Lord Hamilton, in dessen Salon sie ab 1786/87 vor ausgewähltem Publikum auftrat. Indem sie ihre Kunst auch in deutschen, englischen und französischen Salons präsentierte und dort zur Nachahmung anregte, verbreitete sie die Attitüden international.
Die neue Kunstgattung war ein Hybrid zwischen Bild, Tanz und Schauspieltheater ohne Handlung. Eine einzelne Darstellerin posierte in raschem Wechsel frei nach antiken Statuen, Bildwerken, literarischen Figuren oder allgemeinen menschlicher Affekten. Dass dem Einzelbild jedoch keine besondere Beachtung zugedacht wurde, lässt sich aus dem Bericht eines Zuschauers ersehen, der von über 200 Attitüden während einer Aufführung berichtete. Das Hauptinteresse lag folglich nicht auf der einzelnen Pose, sondern auf dem bewegten Übergang zwischen den stillgestellten Stationen. Bei dieser paradoxen Abfolge des sich wiederholt lebendig-totstellenden Körpers ging es besonders um den Moment des Zwischen: Um den Übergang des zum Bild gewordenen Körpers zurück zum Lebendigen. So wurde in der Regel auch kein Vorhang verwendet, hinter dem sich die Darstellerin vorbereiten konnte, da der eigentliche Schaffensprozess, der Weg zur Pose, im Blickpunkt des Interesses lag.
Die Aufführungen der Lady Hamilton
Wenn Lady Hamilton im Salon ihres Mannes vor Italienreisenden auftrat, präsentierte sie ihre Attitüden stets ebenerdig ohne Sockel in einem abgedunkelten Raum, hervorgehoben durch diffuses Kerzenlicht. Diese Form erinnert an die zeitgenössische Betrachtung antiker Statuen, die man gerne bei bewegtem Fackellicht rezipierte, da dies ihnen einen Hauch von Lebendigkeit einzuverleiben vermochte. Gekleidet war Lady Hamilton in eine, an weißen Marmor erinnernde Tunika, einige Schleier und ihre langen Haare. Die wechselnden Affekte der Darstellerin spiegelten sich besonders gut in der Beweglichkeit dieses antikisierenden Kostüms und besonders des Schleiers wider. Jener leicht durchsichtige Stoff, der in seiner Dialektik einen Blick auf die Körperformen gewährt, während er gleichzeitig die klare Sicht trübt, wurde um 1800 zu einem zentralen Motiv von Weiblichkeit an sich.
Manchmal nahm Lady Hamilton einzelne Requisiten wie einen Rosenkranz, Schriftrollen oder Vasen zur Hilfe.
Die Künstlerin wird zur Ikone
Zu Lady Hamiltons Repertoire zählten religiöse und antike Themen wie Maria Magdalena oder die weinende Niobe, sowie Figuren aus Gemälden oder Szenen von antiken Vasen aus der Sammlung ihres Mannes. Ob dieser Wandelbarkeit wird der Kommentar eines Zeitgenossen nachvollziehbar, Lord Hamilton habe eine gesamte Skulpturengalerie geheiratet. Hieraus lässt sich eine Stilisierung der Künstlerin ableiten, die soweit ging, dass man in Lady Hamilton die Verkörperung der Antike und die „Essenz aller wichtigsten Kunstwerke von Raffael bis in ihre Zeit“ sah. Sie galt als das Modell schlechthin oder gar als die Schönheit an sich. Bald kam ihr langes, weißes, fließendes Gewand in Mode, sodass sie zusätzlich zu einer Art Modeikone wurde.
Literatur:
Baumgärtel, Bettina: Die Attitüde und die Malerei. Paradox der stillen Bewegtheit in Synthese von Erfindung und Nachahmung, in: Zeitschrift des deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 46 (1992).
Jooss, Birgit: Lebende Bilder. Körperliche Nachahmung von Kunstwerken in der Goethezeit, Berlin 1999.
